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Kultur Geschichten mit Geschichte
01/13/2020

Wie wild waren die 1920er-Jahre?

Vor 100 Jahren: Mode, neue Rhythmen und nackte Haut täuschten über Arbeitslosigkeit und Massenarmut hinweg

von Georg Markus

Die Welt taumelt im Jazzfieber – Charleston, Shimmy und Foxtrott sind die neuen Modetänze, die Extravagantes und Exotisches verkünden. Erstmals wird nicht nur mit den Beinen, sondern mit dem ganzen Körper getanzt. In New York, London, Berlin, aber auch in Wien schießen Revuetheater aus dem Boden, und jedes versucht das andere zu übertrumpfen. Geld scheint keine Rolle zu spielen, 250 Mitwirkende, die im Tanzpalast Abend für Abend tausend Kostüme zur Schau stellen, sind keine Seltenheit. Wir sind in den „wilden“ 1920er-Jahren angelangt.

Der Schein trügt

Die Sucht nach Unterhaltung ist verständlich. Millionen Menschen haben nur den einen Wunsch: Die schlimmsten Jahre ihres Lebens zu vergessen. Der Ruf „Nie wieder Krieg!“ ist nach 1918 lauter denn je, und das Verlangen, sich ins Vergnügen zu stürzen, stärker als alles andere.

Doch der Schein trügt. Die alte Welt liegt im Sterben und die neue ist noch nicht geboren. Ein Laib Brot kostet dank einer nie da gewesenen Inflation zwei Millionen Kronen, und die Löhne können nicht mithalten. Dazu kommt eine gigantische Massenarbeitslosigkeit. Erst ab 1924 erlebt Europa einen wirtschaftlichen Aufschwung, der die „Roaring Twenties“ – die lauten Zwanziger also – ermöglicht.

„Reich wie Rockefeller“

Die lauten Zwanziger kommen aus den USA nach Europa. Das Automobil beginnt das Straßenbild der Städte zu beherrschen, man hört Radio, kauft Shellacks und geht ins Kino, um sich in die Garbo verlieben oder über Charlie Chaplin kranklachen zu können. Man will durch Spekulation „reich wie Rockefeller“ werden und bewundert Charles Lindbergh, der 1927 den Atlantik überquert. Frauen und Männer schwärmen für Sportidole wie den Schwimmer Johnny Weissmuller und den Boxer Max Schmeling.

Neue Sexualität

Schnell erobern die in dieser Euphorie entstandenen Rhythmen den europäischen Kontinent. Ein junges Publikum verlangt die Ablöse der Silbernen Operette durch die große Ausstattungsrevue. Sie bietet moderne Musik, Stars, Humor und prachtvolle Kleider, vor allem aber Girls, die „in einem teuren Hauch von Nichts“ ihre nackte Haut zur Schau stellten. Demzufolge erfährt auch die Sexualität eine nie zuvor ausgelebte Liberalisierung.

Erstmals kurzes Kleid

Über Berlin gelangt das glänzende Treiben nach Wien, wo man plötzlich, durch den Wegfall der alten k. u. k. Zensur-Auflagen Beine und Busen sehen kann. Nackte Haut gibt es nicht nur am Theater zu bewundern, sondern auch bei der „Frau von nebenan“. Trägt sie doch zum ersten Mal in der Geschichte der Mode kurzes Kleid. Und dazu die neue Frisur: den Bubikopf.

Die Menschen vergessen freilich, wie wenig golden die 1920er-Jahre tatsächlich sind. Zwei, drei Stunden lang bekommt das Publikum vorgesagt: „Es gibt keine Not, keinen Daseinskampf, das Leben ist eine Freude.“ So verdrängt die Revue den Alltag und die Armut der Massen.

 

Neben all dem heiteren Unfug führen die 1920er-Jahre auch zu einer Blüte der Kunst, der Kultur, der Technik und der Wissenschaften. Der Physiker Albert Einstein und der Arzt Albert Schweitzer, die Maler Oskar Kokoschka und Otto Dix, die Regisseure Max Reinhardt und Ernst Lubitsch zählen zu den Großen der Zeit wie auch die Schriftsteller Schnitzler, Hofmannsthal, Werfel und Thomas Mann. In den Berliner und Wiener Literatencafés sitzen und dichten Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Egon Friedell und Anton Kuh.

Doch die Pracht des Gebotenen täuscht, es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Während sich die Eintänzer und Gigolos zwecks Geschäftsanbahnung Pomade ins Haar schmieren, gärt es im Untergrund: Das klein gewordene Österreich erweist sich als „Staat, den keiner wollte“, und auch die erste deutsche – die Weimarer – Republik, die den Aufbruch in ein besseres Zeitalter verkündet, steht bald am Rande des Abgrunds. Rechte wie linke Gruppen versuchen die Regierung zu destabilisieren, in München misslingt 1923 ein Putschversuch der Nationalsozialisten, im selben Jahr rufen auch die Kommunisten zur Revolution auf.

„Einen richtigen Mann“

Die Welt nimmt das vorerst kaum zur Kenntnis. Noch überstrahlt ein Liebling wie Maurice Chevalier alle politischen Gewitter und der „kleine Mann“ träumt davon, dass er gemeint sein könnte, wenn Marlene Dietrich singt: „Kinder, heut Abend, da such ich mir was aus, einen Mann, einen richtigen Mann.“

1927 brennt Wiens Justizpalast, und im Jahr darauf erhält man eine Vorahnung für Künftiges, als Joséphine Baker in Wiener Johann-Strauß-Theater auftritt und die NSDAP zu Massenprotesten gegen die „Schweinetänze einer Negerin“ aufruft.

In den USA zeigt die Prohibition indes schlimme Folgen. Das Alkoholverbot treibt die Menschen in die Kriminalität, fördert Schmuggel und Bandentum. Am 24. Oktober 1929 stürzen die Kurse an der New Yorker Börse ins Bodenlose, womit das Ende des bunten Treibens gekommen ist. Bald hat die Weltwirtschaftskrise auch Europa erfasst.

Und damit erweist sich, dass der Glückstaumel im Takt des Charleston und des Foxtrott nur Illusion war. Die 1920er-Jahre gehen zu Ende, und mit dem neuen Jahrzehnt nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Hitler kommt an die Macht, und die wilden Zwanziger werden zu einer Epoche, die als Zwischenkriegszeit im Geschichtsbuch steht.