Kultur | Geschichten mit Geschichte
03.06.2018

Wenn die Russen kommen

Vor Putins Wien-Besuch: Die Geschichte der zwiespältigen Beziehungen zwischen Russland und Österreich

Ja, wenn die Russen kommen, dann ist was los. Zaren und Kreml-Chefs haben uns heimgesucht, Chruschtschow verhandelte mit Kennedy in Wien über den Weltfrieden, man unterschrieb Österreichs Staatsvertrag und traf sich zum „Wiener Kongress“; aber man spionierte einander auch aus und führte Kriege gegeneinander. Die Geschichte einer wechselvollen Beziehung – zwei Tage vor Wladimir Putins Ankunft in Wien.

Befreier und Besatzer

Die Russen waren in zahlreichen Kriegen Österreichs erbitterte Gegner. Dass uns die Sowjets 1945 von den Nazis befreiten, steht außer Zweifel, dass sie der österreichischen Bevölkerung danach als Besatzungsmacht in wenig erfreulicher Erinnerung geblieben sind, ebenso.

Erster Höhepunkt der Beziehungen der beiden Länder war der „Wiener Kongress“, zu dem Zar Alexander I. 1814 in die österreichische Haupt- und Residenzstadt reiste. Während Staatskanzler Metternich bei den Verhandlungen um Österreichs Vormachtstellung in Mitteleuropa kämpfte, ging es dem Zaren darum, dem russischen Reich Polen einzuverleiben. Was die Staatsmänner verband, war die gleichzeitige Verehrung der schönen Fürstin Katharina Bagration, die schließlich beide Herren auf Wiener Boden erhörte.

Der Zar und der Kaiser

Als Alexanders Großneffe Alexander III. 1885 ins mährische Schloss Kremsier kam, um Kaiser Franz Joseph zu treffen, war das für diesen insofern schicksalhaft, als dort mehrere Künstlerinnen zur Erbauung der Majestäten auftraten – eine war die Schauspielerin Katharina Schratt, die Franz Joseph ausnehmend gut gefiel. Woraus sich eine mehr als drei Jahrzehnte andauernde enge Freundschaft ergab.

Im Mai 1913 gelangten die Beziehungen Österreich-Ungarns zum Zarenreich auf den Tiefpunkt: Wiens Spionageabwehr fand heraus, dass Generalstabsoberst Alfred Redl dem russischen Geheimdienst seit Jahren alle relevanten Geheimnisse der Monarchie verraten hatte, darunter die Aufmarschpläne der k. u. k. Armee. Die Russen wussten somit über jeden künftigen Schritt der österreichischen Militärs bescheid – und das ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs! Redl, der vom zaristischen Geheimdienst mit hohen Summen bezahlt worden war, wurde nach Auffliegen der Affäre von seinen Vorgesetzten in Wien zum Selbstmord gezwungen.

Es folgten zwei Weltkriege mit nie da gewesenen Opferzahlen, der Zerfall beider Kaiserreiche sowie des Nazi- und später auch des kommunistischen Regimes. 1945 waren die Sowjets eine der vier Mächte, die Österreich befreiten, sie blieben aber als Besatzer durch Plünderungen und Vergewaltigungen in teils schlimmer Erinnerung. Außerdem waren bis zu 130.000 Österreicher in russischer Kriegsgefangenschaft.

Der Staatsvertrag

Die Beziehungen normalisierten sich erst 1955, als im Belvedere der Staatsvertrag unterzeichnet wurde, der Österreich die Freiheit brachte. Der russische Außenminister Molotow kam nach Wien und ließ sich von Kanzler Raab und Außenminister Figl – angeblich in entspannter Weinlaune – überreden, die vorgesehene Präambel über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit zu streichen.

Verwechslung

Fünf Jahre später wurde Kreml-Chef Chruschtschow bei einem Staatsbesuch von der österreichischen Bevölkerung herzlich empfangen, weil er eine Reduktion der vereinbarten Erdöllieferungen an die UdSSR genehmigt hatte. „Es war verblüffend, wie ähnlich Chruschtschow dem österreichischen Innenminister Josef Afritsch sah“, erzählte mir der damalige Wiener Polizeipräsident Josef Holaubek viele Jahre später. „Afritsch fuhr im offenen Wagen durch Wien, und die Leute winkten ihm zu, denn alle glaubten, er sei Chruschtschow. Der aber schlief auf dem Rücksitz, um sich von den Strapazen des Staatsbesuchs zu erholen.“

Wette um ein Schwein

Von Chruschtschows Besuch 1960 blieb weit weniger große Politik als eine weitere Anekdote in Erinnerung. Der Kreml-Chef schloss mit Leopold Figl eine ungewöhnliche Wette: Von sowjetischen Maiskolben könne zehn Mal mehr geerntet werden als von österreichischen, behauptete Chruschtschow und bot ein Schwein als Wetteinsatz. Nun wurde aus der UdSSR Saatgut ins Tullnerfeld eingeflogen, wo der „russische Kukuruz“ gut gedieh – aber von der zehnfachen Menge konnte keine Rede sein, weshalb Figl die Wette gewonnen hatte. Chruschtschow erwies sich als schlechter Verlierer, die Sau wurde nie geliefert.

Der große Wien-Gipfel

Im darauffolgenden Jahr kam auf die Zweite Republik die wohl heikelste diplomatische Mission ihrer Geschichte zu: Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy trafen einander am 3. und 4. Juni 1961 in Wien zum Gipfelgespräch. In Österreich wurde Geschichte geschrieben, aber die Öffentlichkeit erfuhr erst viel später, dass damals der Weltfriede gefährdet war. Denn hinter dem freundlichen Lächeln der beiden mächtigsten Männer der Welt stand ein beinharter Machtpoker, in dem es um Abrüstung, einen Atomsperrvertrag, um Kuba und andere Krisengebiete, vor allem um die brisante Lage in Berlin ging. Heute wissen wir, dass der Kreml-Chef den US-Präsidenten in Wien vor einem Weltkrieg warnte, falls West- und Ostberlin nicht zu einer gemeinsamen sozialistischen Stadt zusammenwachsen würden. Doch Kennedy bestand darauf, Westberlin als freie Stadt zu belassen.

Mauerbau nach Gipfel

Der Kalte Krieg wurde nach dem Gipfel noch kälter: Wenige Wochen nach der Begegnung in gemütlicher Wiener Atmosphäre begann die DDR mit dem Bau der Mauer, und die Sowjets starteten neue Nukleartests. Ein Jahr später war der Weltfriede wieder in Gefahr, als die USA in Kuba Abschussrampen russischer Atomraketen entdeckten.

Auch im Juni 1979 war Wien Schauplatz eines amerikanisch-russischen Gipfels. Präsident Jimmy Carter und Kreml-Chef Leonid Breschnjew unterzeichnen in der Hofburg das Salt-II-Abkommen über die Begrenzung strategischer Nuklearwaffen. Tatsächlich wurde jedoch, ganz im Gegensatz zu der Abmachung, weiter aufgerüstet.

Mal sehen, was Putin am kommenden Dienstag der Welt auf österreichischem Boden zu sagen hat.