Kultur | Geschichten mit Geschichte
25.12.2018

Wann ist die Donau eigentlich blau?

Der Walzer aller Walzer geht wieder um die Welt.

Demnächst schlägt dem Donauwalzer wieder die Stunde. Wie alljährlich in der Silvesternacht und beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Man könnte meinen, dass Johann Strauß mit dem Walzer aller Walzer dem Donaustrom eine Liebeserklärung entgegenbringen wollte. Dem ist aber nicht so, ganz im Gegenteil: Wenn der „Walzerkönig“ irgendetwas für die Donau empfunden hat, dann war es eher Hass als Liebe.

Denn die Donau trat in jenen Tagen nur allzu oft aus ihren Ufern und bedrohte viele Wiener. Der Komponist hatte das in seiner Kindheit selbst miterlebt, er war damals mit seinen Eltern und Geschwistern in der Leopoldstädter Taborstraße zu Hause und musste mit ihnen mehrmals über Nacht ausziehen, weil das Hochwasser nach der Eisschmelze durch die Fenster in die Stuben floss.

Heimliche Hymne

Als Johann Strauß 1867 den Walzer „An der schönen blauen Donau“ komponierte, war er 42 und wohnte wieder in der Leopoldstadt, diesmal in der Praterstraße. Er setzte sich ans Klavier und schrieb die Melodie, die zum bisher größten musikalischen Wurf seines Lebens und zu einem Jahrhundertwerk werden sollte.

Doch es dauerte noch lange, bis der Walzer zur heimlichen Hymne der Österreicher wurde. Das lag natürlich nicht an der genialen, dem Wiener Männergesang-Verein gewidmeten Musik, sondern an der Tatsache, dass der Fluss damals noch immer vollkommen unreguliert, in mehreren Armen durch Sumpf- und Wiesenland an Wien vorbei floss. Vielen Wienern, die in anderen Stadtteilen wohnten, war nicht einmal bewusst, dass Wien an der Donau lag.

Dazu kam der nicht gerade einfallsreiche Liedtext, der der Feder des Wiener Polizeibeamten Josef Weyl entstammte: „Wiener, seid froh! Oho, wieso?“ – das konnte nicht gut gehen.

Erst mit dem neuen Text „Donau, so blau, durch Flur und Au“, den der Wiener Oberlandesgerichtsrat Franz von Gernerth 1890 schuf, feierte die Melodie ihren Durchbruch. Nicht, dass der Text jetzt literarisch bedeutsamer gewesen wäre, aber die Donau war durch ihre mittlerweile erfolgte Regulierung wirklich zu einem Teil der Stadt geworden. Und somit verstanden die Wiener jetzt auch, warum man die Donau besingen sollte.

Niemals blaue Donau

Nur über die Farbe „so blau“ mokierte man sich auch nach Jahrzehnten noch. In einer 1935 durchgeführten Untersuchung wurde festgestellt, dass die Donau bei Wien sechs Tage im Jahr braun, 55 Tage lehmgelb, 38 schmutziggrün, 49 hellgrün, 47 grasgrün, 24 stahlgrün, 109 Tage smaragdgrün, 37 Tage dunkelgrün – aber niemals blau ist.

Was macht’s. Gesungen hat man den Donauwalzer ohnehin so gut wie nie – weder in der alten noch in der neuen Textversion. Aber die unsterbliche Melodie geht, wann immer sich ein neues Jahr ansagt, um die Welt.georg.markus