© Aaron Perez / courtesy of VATMH

Kultur Geschichten mit Geschichte
03/17/2019

Vom Abriss bedroht: Thomas Manns Villa gerettet

Der Exil-Wohnsitz des Nobelpreisträgers wäre fast abgerissen worden, konnte aber im letzten Moment gerettet werden.

von Georg Markus

Es ist noch keine drei Jahre her, da wurde am Stadtrand von Los Angeles eine elegante Villa zum Verkauf angeboten. Die Maklerin sprach nicht vom Gebäude oder gar dem berühmten Vorbesitzer, sondern nur vom prächtigen Grundstück nahe des Pazifischen Ozeans. Die Devise lautete: Abreißen und ein neues Haus hinstellen! Doch der geplante Immobiliendeal sprach sich bis nach Berlin herum, wo die Alarmglocken läuteten, weil man wusste, dass das vom Abriss bedrohte Haus einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gehörte. Zehn Jahre lang hatte hier kein Geringerer als Thomas Mann gelebt. Sein früherer Wohnsitz musste unbedingt gerettet werden.

Der Literaturnobelpreisträger hatte das 6000 große Grundstück am San Remo Drive in Pacific Palisades, einem Stadtteil von Los Angeles, 1940 gekauft und darauf ein Haus im Stil der kalifornischen Moderne bauen lassen. Thomas Mann, Ehefrau Katia und Tochter Erika, die in München in einer schönen alten Villa gelebt hatten, mussten sich umgewöhnen: „So wohnen wir nun in einem modernen Haus“, sagte Katia Mann. „Wir mögen es dennoch.“

Der weltberühmte Schriftsteller hatte Deutschland – ohne jüdische Wurzeln zu haben – nach Hitlers Machtergreifung verlassen und war über die Schweiz in die USA emigriert. Als ihn nach seiner Ankunft ein Reporter der New York Times um eine Stellungnahme zur Lage in Deutschland bat, sprach er die legendären Worte: „Wo ich bin, ist Deutschland!“

„Sieben Palmen“

Thomas Mann unterrichtete vorerst an der Princeton Universität, ehe er nach Kalifornien zog, wo der Architekt Julius Ralph Davidson die „Seven Palms“ genannte Villa in Pacific Palisades errichtete, wobei der Schriftsteller selbst an der Planung mitarbeitete. Das Haus verfügte über fünf Schlafzimmer und – als sein „Allerheiligstes“ – ein Arbeitszimmer, in dem der Meister an einem gediegenen Schreibtisch u. a. seinen Roman „Doktor Faustus“ schrieb.

Die gleichen Bücher

Von der Inneneinrichtung ist bis heute nur das Bücherregal aus Massivholz übrig geblieben, alles andere wurde entweder von den Manns mitgenommen oder von Nachbesitzern entsorgt. Auch die Bücher, die Thomas Mann in seiner Bibliothek hatte, sind nicht mehr da – sie wurden aber liebevoll nachgekauft, sodass heute die gleichen Bücher im Schrank des Arbeitszimmers stehen wie Mann sie besessen und gelesen hat. Und natürlich finden sich hier auch Erstausgaben seiner eigenen Werke – von den „Buddenbrooks“ über „Der Tod in Venedig“ bis zum „Zauberberg“.

Im Weißen Haus

Thomas Manns Bücher waren zwar auch in der Zeit des Exils internationale Bestseller, aber so sicher war er auch wieder nicht, dass er sich das große Haus am Pazifischen Ozean ohne weiteres leisten könnte. Deshalb erklärte sich Agnes Meyer – eine Freundin der Familie und Mitbesitzerin der Washington Post – bereit, bei der Finanzierung behilflich zu sein, was dann aber doch nicht notwendig war. Thomas Mann verdiente vor allem durch Vorträge genug, um auch Emigranten finanziell unterstützen zu können. Und er war so angesehen, dass ihn Präsident Franklin D. Roosevelt im Weißen Haus empfing.

In Kalifornien zählten prominente Flüchtlinge zu seinem Freundeskreis, darunter die Schriftsteller Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Salka Viertel, Bert Brecht, der Philosoph Theodor W. Adorno, die Musiker Arnold Schönberg und Bruno Walter, die alle in seiner Nachbarschaft wohnten und bei Thomas Mann zu Gast waren. Mit Bruno Walter pflegte er die neuesten Grammophonplatten zu hören.

Manns Reden im Radio

In Thomas Manns Arbeitszimmer am San Remo Drive entstanden auch die berühmten, an seine „Deutschen Hörer“ gerichteten Radioreden. Er hat sie nicht nur geschrieben, sondern zum Teil auch selbst gesprochen. Während des Krieges von der BBC aufgenommen, wurden sie über Langwelle nach Deutschland gesendet. „Thomas Mann ist in dieser Zeit politisch stark in Erscheinung getreten“, sagt Nikolai Blaumer, der Direktor des Thomas Mann House. „Seine Radioreden hatten eine klare Mission: Sie benannten schonungslos das Unrecht des Nationalsozialismus und appellierten an die Verantwortung zu Menschlichkeit und Demokratie.“

Unter Verdacht

Während des Krieges amerikanischer Staatsbürger geworden, übersiedelte Thomas Mann 1952 wieder in die Schweiz, wo er drei Jahre später 80-jährig starb. Die USA hatte er verlassen, weil ihm wie vielen anderen Künstlern – zu Unrecht – unterstellt wurde, Kommunist zu sein.

Zu den deutschen Politikern, die sich für die Rettung des Thomas-Mann-Hauses einsetzten, zählt der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Schließlich kaufte die Bundesrepublik das Anwesen um 13 Millionen Euro. Als die Villa als „Ort der Erinnerung an die Exilgeschichte und des kulturellen Austauschs“ im Juni 2018 fertig war, ließ es sich Steinmeier in seiner neuen Funktion als Bundespräsident nicht nehmen, nach Los Angeles zu fliegen, um sie zu eröffnen.

Der Enkel war da

Inzwischen ist das Haus zur Begegnungsstätte für Stipendiaten geworden: Ein Treffpunkt amerikanischer und europäischer Wissenschafter und Studenten, die laut Nikolai Blaumer, „kulturelle und gesellschaftliche Themen unserer Zeit erörtern und im Sinne Thomas Manns in die Zukunft führen“.

Auch Frido Mann, der heute 78-jährige Enkel von Thomas Mann, der seine Kindheit in dem Haus verbracht hat, kam zur Eröffnung. „Mein Großvater hat es bedauert, nach dem Krieg nach Europa zurückzukehren“, sagte er zu Nikolai Blaumer, „und er hat gehofft, sich eines Tages wieder in Kalifornien anzusiedeln. Doch das hat er leider nicht mehr erlebt.“