Kultur | Geschichten mit Geschichte
01.07.2018

Mayerling: Die letzten Geheimnisse

Der Nachlass des Kammerdieners. Kommt jetzt als Folge eines KURIER-Artikels ins Kronprinz-Rudolf-Museum.

Eine KURIER-Kolumne hat dazu geführt, dass die letzten Geheimnis-se der Kronprinzen-Tragödie vor wenigen Tagen dort angekommen sind, wo sie hingehören: In Mayerling, dem ehemaligen Jagdschloss des Kronprinzen Rudolf. Bald werden die persönlichen Erinnerungsstücke des Kronzeugen des Dramas von Mayerling im Museum ausgestellt und damit erstmals der Öffentlichkeit zugänglich sein.

In den richtigen Händen

Die Geschichte begann vorigen März, als mich Rotraut Witetschka auf ihren Gutshof in Kleinwolkersdorf bei Wiener Neustadt einlud und mir ihre bis dahin unbekannten Schätze zeigte: Das Anwesen gehörte einst Kronprinz Rudolfs Kammerdiener Johann Loschek, der hier alle Gegenstände aufbewahrte, die ihm sein Dienstherr als Geschenke überlassen hatte. Das zweifellos wertvollste Stück sind aber die handgeschriebenen Erinnerungen des Kammerdieners an die Schreckensnacht von Mayerling.

Mutter Maria Regina, die Priorin des Karmelitinnenklosters Mayerling, hat durch meine KURIER-Kolumne vom 25. März von der Existenz der Gegenstände und Dokumente erfahren und großes Interesse für ihr Museum gezeigt. Ich stellte gerne den Kontakt zu Rotraut Witetschka und ihrer Tochter Eva her, denen es ein Anliegen ist, den Loschek-Nachlass in Zukunft in den richtigen Händen zu wissen.

Loscheks Erinnerungen

„Ich hörte die ganze Nacht Rudolf und Vetsera in ernstem Tone sprechen“, scheibt Loschek in seinen bei der Familie Witetschka aufgefundenen acht Seiten starken Erinnerungen an den 30. Jänner 1889. „Fünf Minuten vor ½ 7 Uhr früh kam Rudolf zu mir in das Zimmer und befahl, die Pferde einspannen zu lassen. Ich war noch nicht im Hofe draußen, als ich 2 Detonationen hörte und lief sofort zurück, der Pulvergeruch kam mir entgegen. Ich stürmte zum Schlafzimmer, doch es war zugesperrt... Mit einem Hammer schlug ich die Türfüllung ein, sodass ich die Türe von innen aufsperren konnte. Welch grauenhafter Anblick. Rudolf lag entseelt auf seinem Bette, Mary Vetsera auf ihrem Bette. Rudolfs Armeerevolver lag neben ihm. Gleich beim ersten Anblick konnte man sehen, dass Rudolf zuerst Mary Vetsera erschossen hatte und dann sich selbst entleibte... “

Rudolfs Schreibmappe

Weitere Gegenstände aus dem Besitz des Kammerdieners, die jetzt ins Museum kommen, sind u. a. eine Schreibmappe des Kronprinzen, Loscheks Jagdbuch, Fotografien, Tischwäsche Rudolfs mit eingesticktem Monogramm „R“ samt Kaiserkrone sowie vom Kronprinzen beschriftete Kuverts, in die er vor seinem Tod offenbar noch Abschiedsbriefe legen wollte, diese aber nicht mehr geschrieben hat. Und schließlich eine „Hoftrauer-Ansage“, die detailliert festlegte, wer in den drei Monaten der Hoftrauer welche Kleidungsstücke tragen durfte.

Priorin Maria Regina, die das Rudolf-Museum in Mayerling leitet, wusste, dass der Kammerdiener Erinnerungen geschrieben hat, „aber ich hatte keine Ahnung, wo sich das Original befindet. Ich bin unendlich dankbar, durch den KURIER-Artikel von dem Besitz der Familie Witetschka erfahren zu haben.“

Die in dieser Woche im Kloster eingelangten Gegenstände sollen am 21. August, dem 160. Geburtstag des Kronprinzen, in einer neuen Vitrine präsentiert und dann dauerhaft im Karmel Mayerling ausgestellt werden.

Johann Loschek war zwölf Jahre in Rudolfs Diensten und stand ihm näher als jeder andere seiner Bediensteten. Nach dem Mayerling-Drama erwarb der Kammerdiener ein 400.000 großes Gut in Kleinwolkersdorf, wobei die Gerüchte nie versiegen wollten, dass er es mit „Schweigegeld“ aus dem Kaiserhaus finanziert hatte. Im Gegenzug dazu hätte er sich verpflichtet, niemals über die Hintergründe der Tragödie zu sprechen. Daran hielt er sich auch, schrieb allerdings seine Erinnerungen nieder.

Beten für Rudolf

Als die Familie Loschek zwei Generationen später keine Nachkommen mehr hatte, ging der Gutshof testamentarisch samt den Mayerling-Erinnerungsstücken an das mit Johann Loscheks Enkel befreundete Ehepaar Rotraut und Eduard Witetschka.

Kaiser Franz Joseph ließ nach dem tragischen Tod seines Sohnes Teile von Schloss Mayerling abtragen und an der Stelle, an der Rudolf und Mary starben, eine Kirche errichten. Gleichzeitig erhielt der Karmel-Orden in dem vom Kaiser gegründeten Kloster den Auftrag, „für meinen armen Rudolf zu beten“.

Diesem Auftrag kommen die elf heute darin tätigen Nonnen immer noch nach: „Allerdings haben wir den Wunsch des Kaisers ausgeweitet und beten für alle Menschen, insbesondere für die Besucher von Mayerling und natürlich auch für Mary Vetsera.“ Die Karmelitinnen beten täglich sechs Stunden!

„Leben in der Stille“

Sie gehören einem Klausurorden an, der dem „Leben in der Stille“ verpflichtet ist. Die Schwestern dürfen nur während der gemeinsamen Mahlzeiten und im Falle absoluter Notwendigkeit sprechen – etwa, wenn es darum geht, einen Arzt zu rufen oder in anderen außergewöhnlichen Situationen. Auch das Gespräch für diesen KURIER-Artikel wurde als Sonderfall eingestuft.

Das Museum in Mayerling wurde erst 2014 gegründet. Bis dahin kamen zahllose Touristen aus aller Welt an den Tatort, um enttäuscht wieder abzuziehen, weil es nichts zu besichtigen gab. „Die Schauräume werden sehr gut angenommen“, erklärt die Priorin, „die meisten Gäste kommen aus Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, viele auch aus Japan und Frankreich.“

Nun hofft man, dass die neuen Gegenstände weitere Museumsbesucher anziehen werden. Mutter Maria Regina freut sich über die Bereicherung: „Die neuen Gegenstände sind eine wunderbare Ergänzung zu unserer Sammlung, wobei die persönlichen Erinnerungen des Kammerdieners Loschek als wichtigster Kronzeuge einen absoluten Höhepunkt darstellen.“georg.markus