Kultur | Geschichten mit Geschichte
01.12.2018

Nach Coup im Dorotheum: Die spektakulärsten Kunstraube

Bilder von Picasso, Miró und Chagall sind die beliebteste Diebsbeute.

Es sind die großen Namen, die es den Kunsträubern angetan haben. Leonardo da Vinci, Rembrandt, Van Gogh, Cézanne, Picasso, Edvard Munch… – und diese Woche war’s ein Renoir, den bisher unbekannte Täter im Wiener Dorotheum mitgehen ließen.

Der Handel mit gestohlenen Kunstwerken zählt neben Geldwäsche, Korruption, Drogen- und illegalem Waffenhandel zu den weltweit ertragreichsten Kriminaldelikten. Jährlich werden Bilder im Wert von fünf Milliarden Dollar gestohlen, meist aus Museen und Galerien, nicht selten auch aus Privatbesitz.

Gestohlene Mona Lisa

Längst gibt es so etwas wie eine Hitliste der bei Hehlern und kriminellen Sammlern begehrtesten Künstler, wobei der größte und spektakulärste Einzelcoup der Kunstgeschichte wohl nie zu toppen sein wird: der Diebstahl der Mona Lisa im Pariser Louvre.

Ein Unbekannter betrat am 21. August 1911 in einem Arbeitskittel das wie jeden Montag für Reinigungsarbeiten geschlossene Museum. Er lief zielstrebig in den Salon Carré im ersten Stock, in dem die Mona Lisa hing.

Es gibt sogar einige Parallelen zwischen den Kriminalfällen im Pariser Louvre und im Wiener Dorotheum:

Ungesichert

Beide Diebstähle wurden an einem Montag begangen.

Die Mona Lisa hing ebenso wie Renoirs Küstenlandschaft ungesichert an einem simplen Haken an der Wand.

Der Mann im Louvre nahm – wie auch die drei Herren im Dorotheum – das Bild aus dem Rahmen, um es einrollen und unauffällig abtransportieren zu können.

Damit hat sich’s aber schon mit den Vergleichen. Denn während der Wert des in Wien gestohlenen Ölbildes von Pierre-Auguste Renoir auf 120.000 bis 160.000 Euro geschätzt wird, gilt Leonardos Meistwerk laut „Christie’s“ mit einer Milliarde Euro als das teuerste Bild der Welt.

Auch wurden die Verdächtigen im Dorotheum ganz im Gegensatz zum Dieb des Louvre von Videokameras gefilmt, was wohl dazu führen wird, dass es bis zur Klärung nicht so lang dauern sollte wie bei der Mona Lisa, die zweieinhalb Jahre verschollen war.

So geschickt der Dieb im Louvre auch vorging, so stümperhaft brachte er seine Tat zum Ende: Als er in einem Zeitungsinserat las, dass der Galeriebesitzer Alfredo Geri in Florenz „Alte Meister“ kauft, bot er ihm die Mona Lisa an!

Signor Geri besuchte den Anbieter in seinem billigen Hotelzimmer, in dem das Bild unter dem Bett lagerte. Der Kunsthändler erkannte sofort, dass er die echte Mona Lisa vor sich hatte und verständigte die Polizei, die den Mann festnahm und Leonardos Bildnis sicherstellte. Vincenzo Perugia, so hieß der Dieb, kam mit einer Haftstrafe von sieben Monaten davon, und die Mona Lisa hängt seit 31. Dezember 1913 wieder im Louvre.

Bewaffneter Überfall

Übrigens ist das jetzt im Dorotheum gestohlene Bild nicht das erste Kunstwerk von Renoir, das in die Kriminalgeschichte einging: Am 22. Dezember 2000 wurde im Nationalmuseum in Stockholm ein bewaffneter Überfall verübt, bei dem zwei Gemälde von Renoir und eines von Rembrandt im Gesamtwert von 32 Millionen Euro erbeutet wurden. Die Täter forderten für die Rückgabe der Bilder Lösegeld, konnten aber ausgeforscht werden. Für derartige Coups wird heute das Wort „Artnapping“ verwendet.

Der geraubte „Schrei“

Bewaffnet waren auch die sieben maskierten Männer, die im August 2004 das Munch-Museum in Oslo überfielen und innerhalb von 45 Sekunden Edvard Munchs berühmtestes Bild „Der Schrei“ von der Wand rissen. Als das Bild ein Jahr davor als Leihgabe in der Wiener Albertina gezeigt wurde, war Direktor Klaus Albrecht Schröder aufgefallen, dass auf der Rückseite ein simpler Draht gespannt war, der nicht den modernen Sicherheitskriterien entsprach.

Mitarbeiter der Albertina wollten ihren Kollegen eine besondere Hängevorrichtung mitgeben, die den Diebstahl so gut wie unmöglich gemacht hätte. Doch die Experten aus Oslo lehnten das Angebot ab. Heute weiß man, dass der Raub mit dem Sicherheitssystem der Albertina hätte verhindert werden können. Die Täter aus Oslo wurden gefasst, der „Schrei“ sichergestellt und restauriert, doch einige Schäden konnten nicht beseitigt werden. Mit dem Sicherheitssystem aus Wien hätte man sich das ersparen können.

Die Saliera

Das größte Aufsehen, das ein in Österreich durchgeführter Kunstdiebstahl erregte, war der „Kriminalfall Saliera“ . Der Täter war in der Nacht zum 11. Mai 2003 über ein Baugerüst in Wiens Kunsthistorisches Museum gestiegen und verlangte für die Rückgabe des fast 500 Jahre alten Salzfasses des Künstlers Benvenuto Cellini zehn Millionen Euro Lösegeld. Er konnte durch ein Wertkartenhandy ausgeforscht und verhaftet werden, die „Saliera“ hatte er in einem Wald bei Zwettl versteckt.

Das Rembrandt-Gemälde „Jacques III de Gheyn“ ist das meistgestohlene Bild aller Zeiten. Es wurde vier Mal – 1966, 1973, 1981 und 1986 – aus der Dulwich Picture Galery in London entwendet, hat aber jedes Mal wieder „nach Hause“ gefunden.

1991 ließ sich ein Mann unbemerkt in einer Toilette des Van-Gogh-Museums in Amsterdam einsperren und stahl mit einem Aufseher als Komplizen 20 Gemälde im Wert von 436 Millionen Euro, darunter das „Selbstbildnis vor der Staffelei“. Die Bilder konnten sichergestellt und die Diebe gefasst werden.

Der größte Kunstraub der Geschichte wurde freilich von den Nationalsozialisten verübt, die von ihren meist jüdischen Besitzern 650.000 Kunstwerke plünderten.

Heute werden immer mehr Meisterstücke im Auftrag krimineller Sammler gestohlen, wobei nach Angaben des „Art-Loss-Registers“, das verlorene und gestohlene Kunstwerke in aller Welt auflistet, Bilder von Picasso, Miró und Chagall die aktuell beliebtesten Objekte sind.

Diese drei Künstler spielen auch in einer eher skurrilen Episode mit, zu der es nach einem Kunstdiebstahl im Restaurant Colombe d’Or in Saint-Paul-de-Vence in Südfrankreich kam. Das Lokal ist bekannt dafür, dass prominente Künstler ihre Konsumationen mit Bildern begleichen, die dann in der Gaststube aufgehängt werden. Am 1. April 1960 wurden bei einem Einbruch fast alle Bilder gestohlen, darunter Dutzende Picassos, Matisses, Mirós und Légers im Gesamtwert von mehreren Millionen Francs.

Chagall ist beleidigt

Allerdings hatten die Einbrecher ein Bild von Chagall zurückgelassen, das offenbar zu groß war, um durchs Fenster gehievt zu werden. Als Marc Chagall, der in der Nachbarschaft wohnte, anderntags in die Colombe d’Or kam, protestierte er theatralisch: „Auch ich bin ein bedeutender Maler! Warum haben die nicht auch mein Bild gestohlen?“ Die Täter wurden ausgeforscht, Chagall hängt längst wieder neben Picasso & Co.

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