Kultur | Geschichten mit Geschichte
08.04.2018

Der Kriminalfall Girardi

Er starb vor 100 Jahren. Wie Österreichs populärster Schauspieler der Einweisung in ein Irrenhaus entging.

Er war eine Art Hans Moser des 19. Jahrhunderts. Vom Publikum geliebt und bewundert, sollte er von einem Tag zum an deren nicht mehr auftreten dür fen. Mehr noch: Girardi wurde für „irrsinnig“ erklärt und polizeilich gesucht, um in eine geschlossene Anstalt gesperrt zu werden. Kein Geringerer als Kaiser Franz Joseph verhinderte die Einweisung des Volksschauspielers ins „Irrenhaus“, wie man psychiatrische Kliniken damals nannte.

Mit Haut und Haaren

Die Menschen jubelten ihm zu, eine Nestroy-, Raimund- oder Johann-Strauß-Premiere ohne Alexander Girardi war undenkbar, seine Darstellung des Frosch in der „Fledermaus“ prägt diese Rolle bis heute. Doch während der Publikumsliebling von Millionen angehimmelt wurde, erlebte er privat die Hölle auf Erden. Schuld war die Liebe zu seiner Schauspielkol legin Helene Odilon, die als verführerischste Frau ihrer Zeit galt und Wiens Männerwelt den Kopf verdrehte. Auch Girardi, einst ein schlichter Schlossergeselle aus Graz, war dem „Raubtier“ Helene Odilon mit Haut und Haaren verfallen.

Eifersuchtsszenen

Das Paar heiratete am 14. Mai 1893, doch schon nach wenigen Monaten munkelte man, dass „ Wiens gefährlichste Frau“ ein Verhältnis mit dem Bankier Albert Rothschild hat te. Zwischen der 27-jährigen Schauspielerin des Wiener Volkstheaters und ihrem 43- jährigen Ehemann kam es zu erbitterten Eifersuchtsszenen, in den ersten Dezembertagen des Jahres 1893 verließ sie die eheli che Wohnung, um sich im Hotel Sacher einzu quartieren.

Was vorerst als „normale“ Ehekrise erschien, wurde nun zu einer Affäre, die ganz Österreich in Atem hielt. Denn um ihren Mann „loszuwerden“, ersann die Odilon einen teufli schen Plan, der beinahe aufgegangen wäre. Die Schauspielerin beauftragte den be rühmten Psychiater Julius Wagner-Jauregg, den Geistes zustand ihres Mannes zu untersuchen. Der spätere Nobelpreisträger setzte sich mit Girardis Hausarzt Dr. Joseph Hoffmann in Verbindung und ging mit diesem zur Wohnung des „Patienten“, den sie dort jedoch nicht antrafen.

Die Einweisung

Und dann geschah Unglaubliches: Ohne den Schauspieler je persönlich gesehen, ge schweige denn untersucht zu haben, stellte Professor Wagner-Jauregg die Diagnose, dass Girardi „vom Cocainwahn befallen, irrsinnig und gemeingefährlich“ sei und be antragte bei der Polizeidirektion dessen Einweisung in die Wiener Irrenanstalt Svetlin. Später rechtfertigte sich Wagner-Jauregg damit, er hätte sich „auf Dr. Hoffmanns Aussagen verlassen“.

„Gemeingefährlich“

Jedenfalls beauftragte Polizeipräsident Franz Ritter von Stejskal mittels Fahndungsbefehl sämtliche Dienststellen, „den Schauspieler Alexander Girardi, wo immer er angetroffen werde, als gemeingefährlich festzunehmen“.

Kurzfristig nahm die Tragödie jetzt komödiantische Züge an: Publikumsliebling Girardi war auch eine Modeikone im damaligen Wien. Als nun der Ambulanzwagen mit zwei Wärtern vor Girardis Haus vorfuhr, trat gerade der Nachbar des Schauspielers – ein hochrangiger Staatsbeamter – auf die Straße. Wie so viele Wiener war er mit einem aus Stroh ge flochtenen Girardi-Hut be kleidet und ging auf einen zar ten Girardi-Stock gestützt. Worauf der gute Mann von den beiden Wärtern für Girardi gehalten, in den Krankenwagen gezerrt und ins Privatsanatorium Svetlin eingeliefert wurde.

Girardi, von Freunden gewarnt, befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Flucht. Er wusste: Die Einzige, die ihm helfen konnte, war Katharina Schratt, die engste Vertraute des Kaisers, mit der Girardi in jungen Jah ren kurzfristig verlobt ge wesen war. Seine Kollegin erklärte sich so fort bereit, in die Hofburg zu eilen, um Kaiser Franz Joseph zu in formieren. „Majestät“, eröffnete sie das Gespräch, „in Ihrem Staat geht es schön zu“ und erzählte von der Verfolgung Girardis.

Doch nicht einmal der Kaiser konnte dem Theaterstar ohne weiteres die Freiheit schenken. Aber er ordnete die Einberufung einer ärztlichen Kommission an. „Wenn die konstatiert, dass er gesund ist, lasse ich die polizeiliche Verfügung aufheben“, sagte der Monarch, „früher nicht“.

„Völlig normal“

Tags darauf wurde Girardi von einem Ärztekonsilium unter Vorsitz des Psychiaters Dr. Hinterstoisser untersucht und für „völlig normal“ befunden. Die Ehe mit Helene Odilon wurde am 16. Jänner 1896 geschieden. Girardi heiratete noch einmal und verbrachte mit seiner zweiten Frau Leonie – der Adoptivtochter des Klavierfabrikanten Bösendorfer – 20 glückliche Jahre.

Der Girardi-Krimi hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Wie war es möglich, dass ein Mann ohne ärztliche Untersuchung für geisteskrank erklärt werden konnte? Und wie schützt sich ein Be troffener, der nicht das Glück hat, über einen Draht zum Kaiser zu verfügen?

Die scharfen Presse-Attacken auf die geltenden „Vorschriften des Irrenwesens“ waren von Erfolg gekrönt: Franz Joseph verfügte mittels kaiserlicher Verordnung eine Neuregelung des Entmündi gungsverfahrens, die als „Lex Girardi“ Justizgeschichte schrieb. Seit damals – und so blieb es bis heute – ist ein Gerichtsbeschluss nötig, ehe eine Person zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingelie fert werden kann. Ein „Fall Gi rardi“ könnte sich in dieser Form nicht wiederholen.

Helene Odilon wurde nach Bekanntwerden des Skandals gemieden, die Verbindung mit Baron Rothschild ging in die Brüche. Die ehemals beliebte Schauspielerin verbrachte ihre späten Jahre in Armut, Gi rardi aber wurde durch die Affäre noch populärer.

Am 15. Februar 1918 erfüllte sich sein lebenslanger Traum, als er in der Rolle des Fortunatus Wurzel in Raimunds „Der Bauer als Millionär“ zum ersten Mal auf der Bühne des Burgtheaters stand. Doch nach wenigen Vorstellungen wurde der schwer zuckerkranke Schauspieler ins Spital eingewiesen, wo er am 20. April 1918 im Alter von 67 Jahren starb.

Nach Girardis Tod

Nach seinem Ableben munkelte man hinter vorgehaltener Hand: „Der Johann Strauß ist tot, der alte Kaiser ist tot – und jetzt ist der Girardi g’storben. Da wird’s die Monarchie a nimmer lang geben.

Ein halbes Jahr später sollte sich diese düstere Prophezeiung bewahrheiten.