Kultur | Geschichten mit Geschichte
15.09.2018

Bob Woodward: Den Präsidenten auf der Spur

Fast ein halbes Jahrhundert nachdem er gemeinsam mit Carl Bernstein Richard Nixon stürzte, nimmt sich der Starreporter Donald Trump vor. Aus dem Leben der beiden berühmtesten Journalisten Amerikas.

Dass Bob Woodward ein genialer Reporter ist, steht außer Frage. Er musste aber auch das Glück haben, in einem Journalistenleben auf zwei Präsidenten zu stoßen, die Richard Nixon und Donald Trump heißen. In beiden Fällen hat er Pionierarbeit als Aufdeckungsexperte geleistet.

Legende Bob Woodward

Dabei ist er auf den Fall, der ihn zur Legende machte, durch puren Zufall gestoßen. In der Nacht zum 17. Juni 1972 hatte der Portier des Watergate-Hotels in Washington bei seinem Rundgang entdeckt, dass im Bürotrakt des Gebäudes ein Einbruch verübt worden war. Er verständigte die Polizei, die vorerst ein unbedeutendes Kriminaldelikt vermutete, obwohl es sich bei den aufgebrochenen Räumlichkeiten um die Zentrale der Demokratischen Partei handelte.

Am nächsten Morgen gab der zuständige Lokalredakteur der Washington Post dem 29-jährigen Bob Woodward den Auftrag, der Story nachzugehen. Kein Mensch ahnte damals, dass der Einbruch die US-Geschichte verändern und den Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Rücktritt zwingen würde. Es war Woodwards Leistung, die Dimension des Falls zu erkennen, und das obwohl er erst seit einem Jahr Journalist der Washington Post war – und im übrigen Nixons Republikanischer Partei nahe stand.

Auf Umwegen

Dem noch unerfahrenen Reporter Woodward wurde sein 28-jähriger Kollege Carl Bernstein zur Seite gestellt, der über etwas mehr Erfahrung verfügte: Bernstein hatte schon mit 16 Jahren neben dem High-School-Studium als Laufbursche für den Washington Star gearbeitet – mit dem Ziel, dort eines Tages schreiben zu dürfen. Doch da die Zeitung nur Hochschulabsolventen als Redakteure aufnahm, er aber sein Studium an der Maryland Universität abgebrochen hatte, musste Bernstein sich einen anderen Job suchen. So kam er 1966 auf Umwegen zur Washington Post, bei der er bald zu den besten Schreibern im Lokalressort zählte.

Fünf Jahre Marine

Vom Aufdeckungsjournalismus war Bernstein vor Watergate freilich ebenso weit entfernt wie Bob Woodward. Dieser hatte nach seinem Studium an der Yale Universität fünf Jahre bei der US-Marine gedient, ehe er bei der Washington Post anheuerte.

Woodward fuhr noch am Tag, an dem er den Auftrag erhalten hatte, zu Gericht, um über die Vorführung der fünf beim Einbruch im Büro der Demokraten festgenommenen Männer zu berichten. Als einer von ihnen – vom Haftrichter nach seinem Beruf befragt – erklärte, bis vor kurzem im Auftrag der CIA Sicherheitsbeauftragter der Regierung gewesen zu sein, wurde Woodward hellhörig.

Nixons Wiederwahl

Er und Bernstein waren es nun, die durch kriminalistische Kleinarbeit Verbindungen zwischen den Einbrechern, dem Weißen Haus und den Republikanern herstellten. Dennoch erregten ihre ersten Berichte kaum Aufsehen. Und das, obwohl bald bekannt wurde, dass die Eindringlinge versucht hatten, im Hauptquartier der Demokraten Abhörwanzen zu installieren und Dokumente zu fotografieren. Die Affäre war auch deshalb brisant, weil sich Nixon im Herbst 1972 der Wiederwahl als Präsident stellte. Doch das Thema Watergate ging im Wahlkampf unter, und Nixon wurde mit 60 Prozent der Stimmen triumphal wiedergewählt.

„Dirty Tricks“

Erst nach der Wahl gelang es den beiden Reportern durch intensive Recherchen und ein dichtes Netz von Informanten, die Öffentlichkeit dermaßen zu sensibilisieren, dass Nixon gezwungen wurde, die Tonbänder herauszugeben, mit denen alle seine Telefonate im Weißen Haus aufgezeichnet wurden. Mit ihnen konnte nachgewiesen werden, dass er über die „Dirty Tricks“ gegen die Demokraten zumindest Bescheid wusste.

Der Präsident war nun so angeschlagen, dass das Repräsentantenhaus – inklusive der Republikaner – ein Impeachment-Verfahren einleitete, dessen Ziel Nixons Absetzung war. Dem kam er am 9. August 1974 zuvor, indem er als erster Präsident der USA zurücktrat. Sein Nachfolger Gerald Ford begnadigte ihn bezüglich „aller Verstöße, die er gegen die Vereinigten Staaten begangen“ habe. Weniger Glück hatten 50 Mitarbeiter Nixons, die zu Haftstrafen verurteilt wurden.

„Eine idiotische Tat“

Nixon bezeichnete die Tat in seinen Memoiren als „idiotisch, da es bei den Demokraten nichts zu erfahren gab, was wir nicht gewusst hätten“. Außerdem wäre sein Wahlsieg längst festgestanden. Während der Ex-Präsident lediglich zugab, an der Vertuschung der Tat beteiligt gewesen zu sein, erklärte sein Personalchef Bob Haldeman, dass Nixon selbst die kriminelle Aktion angeordnet hätte.

Woodward und Bernstein wurden durch die Aufdeckung des Nixon-Skandals die bekanntesten Journalisten der USA. Bücher wurden über sie geschrieben, Filme gedreht, sie erhielten höchste Auszeichnungen (darunter den Pulitzer-Preis) und schrieben selbst Bücher, einige davon gemeinsam über Watergate. Bernstein veröffentlichte Biografien über Papst Johannes Paul II. und Hillary Clinton.

Zustände im Oval Office

Und Bob Woodward hat jetzt Donald Trump in die Mangel genommen. In seinem Buch „Furcht: Trump im Weißen Haus“ schreibt er über beängstigende Zustände im Oval Office. Woodward zitiert einen engen Mitarbeiter, der den Präsidenten als Idioten bezeichnet, andere nennen ihn einen paranoiden Egomanen, dessen Stab im Wesentlichen damit beschäftigt sei, den Präsidenten davon abzuhalten, das Welthandelssystem zu zerstören, die nationale Sicherheit zu untergraben oder Kriege anzuzetteln.

Nixon und Trump sind nicht die einzigen Präsidenten, die Woodward durchleuchtete. Obwohl er George W. Bush anfangs verteidigte, bezweifelte er später auch dessen politische Fähigkeiten. Freundlicher fallen Woodwards Bücher über Ronald Reagan und Barack Obama aus, die er vor allem als militärische Oberbefehlshaber und im Kampf gegen den Terror beschreibt.

Die Reporter heute

Fest steht, dass keiner der Präsidenten auch nur annähernd die Popularität der beiden Reporter erreichte:

Bob Woodward, heute 75, ist in dritter Ehe verheiratet, hat zwei Töchter und schreibt – mittlerweile als Mitherausgeber – immer noch für die Washington Post.

Und Carl Bernstein, 74, ist geschieden, hat zwei Söhne, ist Kolumnist der Onlinezeitung The Huffington Post und Berater des TV-Senders CNN.

Beide zählen längst zu den Nationalhelden der USA.georg.markus