Kultur | Geschichten mit Geschichte
25.11.2018

Begegnungen mit Bruno Kreisky: "Buam, des is gar ka Revolution"

Der "Sonnenkönig" gilt bis heute als Symbolfigur der österreichischen Sozialdemokratie und als einer der großen Kanzler der Zweiten Republik.

Jedes Mal, wenn ich Bruno Kreisky traf, fragte er mich, wie es meiner Großmutter ginge. Sie war im selben mährischen Städtchen aufgewachsen wie seine Mutter, wodurch er sie aus seiner Jugend kannte. Ich war ein junger Journalist, er Österreichs Bundeskanzler, und er hatte die einzigartige Gabe, jedem, mit dem er sprach, den Eindruck zu vermitteln, ihn gut zu kennen.

So auch in diesem Fall: Als ich Kreisky einmal mit anderen Journalisten nach Graz begleitete, hörte ich, wie er die Stewardess im Flugzeug fragte, ob die Verletzung an ihrer Hand, seit er letztens mit ihr geflogen war, schon verheilt sei und ob sie mit dem Arzt zufrieden war, den er ihr empfohlen hatte.

Kreisky ruft an

Ein anderes Mal hatte ich als junger Reporter Abenddienst in der KURIER-Redaktion, als das Telefon läutete und er sich mit „Kreisky“ meldete. Man war damals immer der Gefahr ausgesetzt, von Stimmenimitatoren hereingelegt zu werden, aber diesmal war er’s wirklich, und er erkundigte sich nach einem kranken Hund, von dem er in der Zeitung gelesen hatte. Kreisky wollte wissen, ob er behilflich sein könnte.

Er stand ja auch im Telefonbuch und wurde tatsächlich einmal von jemandem angerufen, in dessen Haus es durch eine schadhafte Dachrinne hineinregnete. Kreisky verständigte die Feuerwehr und schickte sie zu dem Mann.

Mit sieben Jahren „rot“

Später erzählte er mir in mehreren Interviews aus seinem Leben. Eine Begebenheit zeigt, dass er bereits als siebenjähriger Knirps bis zu einem gewissen Grad politisch dachte und damals schon ein „Roter“ war. „Wir haben auf der Schönbrunner Straße gewohnt“, begann er, „und da gab’s einen Beserlpark, in dem ich immer mit meinen Freunden gespielt hab. Als die Monarchie zusammenbrach, durften wir plötzlich im Rasen herumlaufen, was bis dahin streng verboten war, denn in unserer Nähe wohnte ein christlichsozialer Gemeinderat, der uns an den Ohren gezogen hat, wenn er einen im Gras erwischte. Nach Ausrufung der Republik kam er nicht mehr, und da haben wir natürlich gleich im Gras gespielt. Aber dieser Zustand dauerte nur einen Tag, dann war die Schutzwache da und hat uns wieder vom Rasen gestampert. Da hab ich zu meinen Freunden gesagt: ,Buam, ich glaub, des is gar ka Revolution.’“

Wir saßen bei diesem Gespräch auf einem feuerroten, ein bisserl kitschig-geblümten Sofa im Wohnzimmer von Kreiskys gediegener Villa in der Wiener Armbrustergasse. Umgeben von zahllosen Büchern und Bildern von Wotruba über Max Ernst bis Korab.

Victor Adlers Tod

Zehn Jahre nach seinem Erlebnis im „Beserlpark“ – der heute übrigens Bruno-Kreisky-Park heißt – begann er politisch aktiv zu werden: „Ich war 17“, erinnerte sich Kreisky an das Jahr 1928, „stand vor der Matura und meldete mich bei der Sozialistischen Arbeiterjugend, für die ich im selben Jahr noch die 40-Jahr-Feiern der Sozialdemokraten mitorganisierte. Wir trafen an einem klirrend kalten Wintertag in Hainfeld ein, wo die Gründungsversammlung der Partei abgehalten wurde.“

Hier, in „Zehetner’s Gasthaus“, war es dem Armenarzt Victor Adler 1888/’89 gelungen, die zerstrittenen Gruppen der Linken zu vereinen. Das war die Geburtsstunde der österreichischen Sozialdemokratie. Kreisky erinnerte sich noch, wie er „während eines Spaziergangs mit meinem Vater vom Tod Victor Adlers erfahren“ habe.

Es war beeindruckend, was er als Zeitzeuge zu sagen hatte. So berichtete er mir 30 Jahre nach Abschluss des Staatsvertrags als damals letztes lebendes Mitglied aus dem Verhandlungsteam von dem in Moskau erzielten Durchbruch. Die Österreicher seien „über alle Parteigrenzen hinweg als echtes Team aufgetreten“. Dass die heimischen Politiker die Sowjets mit Wiener Schmäh und Alkohol zur Unterzeichnung überrumpelt hätten („Und jetzt Raab, jetzt noch d’Reblaus, dann san’s waach“), sei „ein Unsinn, der immer wieder verbreitet wird“. Die Verhandlungen wären vielmehr in sachlicher Atmosphäre abgelaufen.

Im Herbst 1989 war ich noch einmal bei Kreisky. Er wirkte jetzt gebrechlich, der Tod seiner Frau Vera, seine Krankheit und die von ihm als ungerecht empfundene Kritik an seiner Regierungszeit machten ihm zu schaffen. Von seinen eigenen Genossen entrückt und als Ehrenvorsitzender zurückgetreten, fand er jetzt kritische Worte zur historischen Entwicklung seiner Partei: „Es hat in der Geschichte der Sozialdemokratie auch Verirrungen gegeben. Nehmen wir den Ersten Weltkrieg, von dem man ja gehofft hat, er könnte von der Sozialistischen Internationale verhindert werden, aber wir sind an der Realität des Krieges zerschellt.“

„Das war unser Fehler“

Auch auf dem Weg zum „Anschluss“ an Nazi-Deutschland seien der Sozialdemokratie Fehler unterlaufen. „Aber nicht erst 1938, denn ich sag ja immer, Österreich ist als demokratischer Staat schon im ’34er-Jahr untergegangen. Wir hätten größere Anstrengungen unternehmen müssen, die Zusammenarbeit mit den Demokraten bei den Christlichsozialen zu verstärken, wie sich das dann in der großen Koalition bewährt hat. Das war unser Fehler. Die anderen Fehler haben Dollfuß und Schuschnigg gemacht.“

Kreiskys Begräbnis

Am 7. August 1990 hatte ich die traurige Aufgabe, als Berichterstatter über sein Begräbnis zu schreiben. Als ich am Zentralfriedhof inmitten von Tausenden Menschen stand, die ehrlich um ihren „Sonnenkönig“ trauerten, fiel mir ein, wie er einmal erzählt hatte, dass er als fünfjähriger Bub auf der Mariahilfer Straße im Spalier gestanden war, als der Leichnam Kaiser Franz Josephs an ihm vorbeizog. „Es war ein eiskalter, grausiger Herbsttag, und wir froren entsetzlich“, hatte er sich an diesen Tag erinnert.

Ein Dreivierteljahrhundert später verabschiedete sich die Republik von ihrem längstdienenden Regierungschef. Diesmal war’s ein kühler, regnerischer Sommertag.

Das neue Buch von Georg Markus

Eben erschienen: In seinem neuen Buch „Das gibt’s nur bei uns“ erzählt Georg Markus erstaunliche Geschichten aus Österreich, darunter „Beethovens letzte Reise“, „Der geheime Mayerling-Nachlass des Kammerdieners“, „Die Österreicher und ihre Titel“, „Franz Liszt zertrümmert jedes Klavier“, „Mordanschlag aus Liebe“, „Karajans unbedankte zweite Frau“, „Klimts Geliebte spricht“ u. v. a.

Amalthea Verlag, 304 Seiten, zahlreiche Fotos und Dokumente,  € 26,-. Erhältlich im Buchhandel oder für KURIER-Premium-Mitglieder – versandkostenfrei und handsigniert vom Autor – unter   05 9030-777 oder kurierclub.at