Einschleichdieb Honsa

© Landespolizeidirektion Wien

Kultur Geschichten mit Geschichte
12/08/2019

Aus dem „k. u. k. Verbrecheralbum“

Im Archiv der Wiener Polizei lagern auch die ersten Fahndungsfotos aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Als sich die Einwohnerzahl Wiens in den Jahren 1850 bis 1900 verdreifachte, stieg auch die Kriminalität ins Unermessliche. Da musste die k. u. k. Polizeidirektion neue Mittel und Wege finden, der kleinen und großen Gauner habhaft zu werden. Ihre Geschichten sind spannend, grauslich, kurios.

Walter Fuchs, Roland Sedivy, Thomas Simon, „Das k. u. k. Verbrecheralbum“, 87 Seiten, € 29,70 (deutsch und englisch) https://www.arge-archaeologie.at/frank-verlag/

In dieser Zeit wurden die Fotografie und die Möglichkeit Fingerabdrücke abzunehmen, geschaffen. In dem nächste Woche erscheinenden Buch „Das k. u. k. Verbrecheralbum“* werden Fahndungs- und Verbrecherfotos der Jahrhundertwende gezeigt und die dazu passenden Geschichten erzählt. Die meisten Fotografien wurden vom Archiv der Wiener Polizeidirektion zur Verfügung gestellt.

Bettgeher als Kindsmörder

Die Armut war damals groß, doch die Allerärmsten waren die so genannten Bettgeher – sie mussten sich ihre Schlafstätte mit ein oder mehreren Personen teilen: Der eine durfte vormittags schlafen, der andere nachmittags, zwei weitere in der Nacht. Unter diesen menschenunwürdigen Umständen entstanden Zank und Hader, entwickelten sich grobe Auseinandersetzungen, Aggression und wilde Schlägereien. Alexander Huber misshandelte in dieser Situation nicht seinen „Bettgeher“, sondern seinen eigenen, erst neun Monate alten Sohn, der an den Folgen der brutalen Behandlung starb.

Fotografie entlarvte Einschleichdieb

Der fesche Joseph Honsa war immer gut aufgelegt, ein Freund schöner Frauen, des Weins und der Schrammelmusik. Nebenbei betätigte er sich als Einschleichdieb, als der er im März 1902 besonderes Pech hatte. Er brach in die Wohnung der Frau Gisela Weber in der Rittergasse 2 auf der Wieden ein und ließ eine silberne Taschenuhr mitgehen. Dann begab er sich ins Erdgeschoß, um das Gebäude wieder zu verlassen. Vor dem im selben Haus gelegenen „Gasthaus M. Koller“ stand gerade eine Gruppe von Stammgästen, die sich von einem Fotografen ablichten ließ. Man bat den flüchtenden Herrn Honsa, sich dazuzustellen, was er in seiner Naivität auch tat. Der Diebstahl wurde schnell entdeckt, doch niemand wusste, wer der Täter war. Als Gastwirt Koller das Foto der Gruppe vor Augen hatte, fiel ihm sogleich der Fremde am Bildrand auf. Es war Joseph Honsa, der kurze Zeit später als Uhrendieb verhaftet werden konnte.

Wilhelmine Jüllich von Julienthal musste sterben

Der 28-jährige Wiener Anton Schenekl verschaffte sich im Sommer 1902 Zugang zur Wohnung der Trafikantin Wilhelmine Jüllich von Julienthal. In einem für ihn günstigen Moment trat er aus seinem Versteck hervor und erstach die betagte Frau mit mehreren Messerstichen. Anschließend verhängte er die Fenster, zündete eine Kerze an und durchsuchte akribisch die Wohnung sowie die gassenseitige Trafik nach der Tageslosung, mit der er entfliehen konnte – direkt in die Arme seiner Geliebten, einem Wäschermädel. Tage später wurde Schenekel von der Wiener Polizei im Prater aufgegriffen und verhaftet.

Das Dienstmädchen war es

Viele gutbürgerliche Familien verfügten in jenen Tagen über Dienstmädchen. Diese waren nicht selten Opfer, wurden für einen Hungerlohn zu schwerer körperlicher Arbeit eingesetzt, die von früh bis spät andauerte, oft kamen die Launen und Marotten der Dienstgeber hinzu, und der Hausherr wurde nicht selten zudringlich. Das 28-jährige Dienstmädchen Franziska Navratil war jedoch Täterin. Sie erschlug an einem heißen Augusttag des Jahres 1905 ihre Dienstherrin, die 54-jährige verwitwete Johanna Natzler, mit etlichen wuchtigen Hieben. Danach entwendete sie ungerührt ein paar hundert Kronen aus dem Schreibtisch ihrer Arbeitgeberin und verließ die Wohnung Am Tabor Nr. 9. Allerdings konnte die k. u. k. Polizeibehörde auch ihrer recht bald habhaft werden, zumal Franziska Navratil zu ihrem Bruder nach Olmütz geflüchtet war. Bei ihrer Verhaftung trug sie goldene Ohrringe – finanziert aus der Beute ihres Opfers.

Fälscherwerkstätten in Villen

Die Freunde Peter Kani und Johann Ritter von Besemer wohnten in prächtigen Villen in Wien-Mauer und galten in der Nachbarschaft als ehrenwerte Männer. Niemand hätte vermutet, dass der Reichtum der beiden Herren aus der Fälschung von Banknoten stammte. In streng abgeschlossenen Räumlichkeiten ihrer Villen experimentierten Kani und von Besemer mit verschiedensten technischen Verfahren. Solange bis die „Blüten“ bei den benachbarten Maurer Heurigen anstandslos akzeptiert wurden. Ihre technischen Kenntnisse hatten sich die beiden Gentlemangauner im Lauf der Jahre selbst angeeignet. Und die Banknoten waren von Laien und sogar von Bankangestellten auf den ersten Blick nicht von Originalen zu unterscheiden. Bis man ihnen auf die Schliche kam und die beiden ihre noblen Villen gegen Gefängniszellen tauschen mussten.

Im Archiv der Wiener Polizeidirektion lagern heute noch Teile von hunderttausenden Fahndungsfotos aus der k. u. k. Zeit, die in „Verbrecheralben“ eingeordnet waren. Diese wurden den Autoren dieses Buches zur Verfügung gestellt. Die Fotos, die die bisherigen Zeichnungen gesuchter Verbrecher ablösten, waren zur Jahrhundertwende ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der modernen Kriminalistik und halfen zahllose polizeibekannte Ganoven zu fassen, indem man die Bilder den Geschädigten zur Identifizierung möglicher Täter vorlegte. Die „Verbrecheralben“ waren nach bestimmten Kriterien geordnet, etwa nach Alter, Körpergröße und Augenfarbe der verdächtigen Personen. Die Aufklärungsrate stieg von da an rasant.