Willi Boskovsky (1909–1991).

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Kultur | Geschichten mit Geschichte
12/30/2018

80 Jahre Neujahrskonzert: Zwischen Krieg und Frieden

Wie eine Erfindung der Nazi-Propaganda zum völkerverbindenden Musikereignis wurde.

Friedlicher, sollte man meinen, geht’s nicht. Sobald die Wiener Philharmoniker zu ihren ersten Walzerklängen ansetzen, herrscht eine Harmonie, von der Millionen Menschen in aller Welt erfasst werden. Dabei hat es ganz anders begonnen. Vier Monate vor dem ersten Neujahrskonzert war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, Tausende Soldaten waren bereits gefallen und Hunderttausende Polen gefangen genommen worden. Das Neujahrskonzert zählte zu den perfiden Ideen des Propagandaministers Goebbels, um die Bevölkerung von der blutigen und menschenverachtenden Politik der Nazis abzulenken. Wie er laufend Unterhaltungsfilme produzieren ließ, sollte auch ein Konzert im Dreivierteltakt dazu beitragen, Wien als Stadt „des Optimismus, der Musik und der Geselligkeit“ zu präsentieren. Geselligkeit Mitten im Krieg!

Der erste Dirigent

Dabei war das erste Neujahrskonzert gar kein Neujahrskonzert. Man schwankte, ob es am 31. Dezember 1939 oder am 1. Jänner 1940 angesetzt werden sollte, bis der Dirigent Clemens Krauss gegen den Neujahrsmorgen entschied, „da die Nachwirkungen des Silvester den Konzertbesuch ungünstig beeinflussen könnten“. Mit anderen Worten: Man fürchtete, ein Teil der Besucher würde in alkoholisiertem Zustand in den Großen Musikvereinssaal kommen.

Silvester

Das erste Neujahrskonzert war also ein Silvesterkonzert, und es stand bereits ganz im Zeichen der Familie Strauss. Die musste allerdings von den NS-Behörden schnell noch „arisiert“ werden, da das „Gau-Sippenamt“ herausgefunden hatte, dass ein Urgroßvater des Walzerkönigs laut Trauungsbuch, das im Stephansdom aufgefunden wurde, „ein getaufter Jud“ war. Erst als man das Dokument entfernt hatte, durften Donauwalzer & Co gespielt werden.

Das zweite Konzert fand am 1. Jänner 1941 statt, und von da an ist der Start ins Neue Jahr anders nicht mehr denkbar. Musikfreunde konnten sich auch keinen anderen Dirigenten vorstellen. Daher war es, als Clemens Krauss im Mai 1954 nach 13 Neujahrskonzerten starb, für die Philharmoniker schwer, einen Nachfolger zu finden. Und sie fanden auch keinen.

Also stand am 1. Jänner 1955 ein Musiker am Pult des Musikvereins, der noch nie in seinem Leben dirigiert hatte. Der Geiger Willi Boskovsky.

Charme und Schwung

Nun geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Die Notlösung schlug wie eine Bombe ein. Der Konzertmeister dirigierte die Polkas, Walzer und Märsche mit so viel Charme und Schwung, dass er 25 Jahre – und damit länger als jeder andere – blieb. Unter Boskovsky wurde das Neujahrskonzert 1959 erstmals im TV übertragen und damit zum internationalen Musikereignis, das jedes Jahr mehr Länder und Zuseher anlockte. Und der ganz im Sinne des Walzerkönigs als „Stehgeiger“ agierende Dirigent erlangte weltweite Popularität.

Unbedanktes Ende

Das Ende seiner Karriere war unschön. Boskovsky bat den Vorstand der Philharmoniker im Oktober 1979 um eine Vertretung für das Neujahrskonzert 1980, da ihm nach einer Nierenkolik vom Arzt eine Ruhepause verordnet wurde. Boskovsky wollte die Vertretung für ein Konzert – und war für immer weg. „Sie haben mir nach einem Vierteljahrhundert nicht einmal Danke und Adieu gesagt“, beklagte sich Boskovsky verbittert, als ich ihn zehn Jahre nach seinem unfreiwilligen Abschied an seinem Alterssitz in Naters in der Schweiz besuchte. Der spätere Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg räumte erst nach Boskovskys Tod ein, dass es „im persönlichen Umgang mit ihm Probleme gab und man sicher auf die erste Gelegenheit gewartet hat, um die Ära Boskovsky zu beenden. Das hätte man allerdings stilvoller tun können.“

„Zweitklassige Musik“

Boskovsky war nicht der einzige Star des Neujahrskonzerts, der sich von den Philharmonikern unfreundlich behandelt fühlte. Kein Geringerer als Johann Strauss empfand Ähnliches: „Ich bitte Dich, weder morgen noch künftighin die Konzerte dieser Leute zu besuchen“, rief Eduard Strauss seinen Bruder 1877 in einem Brief zum Boykott auf. Der Grund: Die Philharmoniker weigerten sich, Strauss-Melodien zu spielen, weil diese damals vielfach als zweitklassige Musik abgetan wurden. 15 Jahre nach Eduards Brief kam es zur Aussöhnung, als der Walzerkönig doch noch ein Konzert der Wiener Philharmoniker dirigieren durfte. Mit seiner Musik!

Das Neujahrskonzert wird seit Willi Boskovskys unsanftem Abgang von den bedeutendsten Dirigenten der Welt geleitet, kommenden Dienstag steht erstmals Christian Thielemann am Pult des Konzerts, das diesmal in mehr als 90 Länder übertragen wird.

40 Millionen Zuseher

Da keine andere künstlerische Veranstaltung auch nur annähernd von so vielen Menschen verfolgt wird – 2018 waren’s 40 Millionen – läuft das Neujahrskonzert stets Gefahr, durch Aktionisten in Beschlag genommen zu werden. Wirklich geschafft haben das bisher nur zwei Studenten, die 1982, während Lorin Maazel den Taktstock zur Ouvertüre der „Lustigen Weiber von Windsor“ hob, splitternackt durch den Goldenen Saal des Musikvereins flitzten und ein Transparent mit der Aufschrift „Menschenrechte für Schwule“ entfalteten. Doch die Akteure hatten Pech, da ausgerechnet während ihres Auftritts eine Zuspielung des Staatsopernballetts über die Bildschirme flimmerte.

Symbol des Friedens

80 Jahre Neujahrskonzert. Es begann, um von einem der brutalsten Kriege der Menschheitsgeschichte abzulenken. Und ist heute ein Symbol der Völkerverbindung und des Friedens.