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„Femme Fatale“: Warum weibliche Macht bis heute hinterfragt wird

Auf Social Media bereitet Samra Kljajic historische Fakten auf. In ihrem zweiten Sachbuch „Femme Fatale – Die weibliche Macht im Schatten“ rückt sie Königinnen und Mätressen in den Mittelpunkt.
Eine Person fotografiert ein gerahmtes Gemälde einer rot haarigen Frau in einer Galerie.

„Über Lucrezia Borgia kursieren bis heute die wildesten Geschichten. Aber warum redet eigentlich niemand darüber, dass sie Mozzarella herstellen und verkaufen ließ?“, fragt Samra Kljajic in einem ihrer Instagram-Videos. Mit solchen Beispielen zeigt die Geschichte-Influencerin, wie hartnäckig sich Mythen über einflussreiche Frauen halten. 

Schräge Geschichten und skurriles Wissen aus der Vergangenheit ziehen auf Social Media – wie Kljajic mit ihrer Anhängerschaft beweist: Mehr als 280.000 Menschen folgen ihr auf Instagram, weitere 260.000 auf TikTok. Als ihr Video über die Kettensäge in der Geburtshilfe 2021 viral ging, wurden ihr quasi die Tore zum Social-Media-Erfolg geöffnet. Doch auch als Autorin hat sich Kljajic einen Namen gemacht: Ihr erstes Buch Selfie mit dem Sonnenkönig dreht sich um die Selbstinszenierung von historischen Persönlichkeiten wie Marie Antoinette oder Napoleon. 

„Die verhängnisvolle Frau“

Mit ihrem zweiten Werk Femme Fatale – Die weibliche Macht im Schatten landete sie prompt auf Platz zehn der Spiegel-Bestsellerliste. Kljajic geht der Frage nach, warum weibliche Macht über Jahrhunderte anders bewertet wurde als männliche – und warum sich viele dieser Muster bis heute halten.

Etymologisch stammt der Begriff Femme fatale aus dem Französischen und bedeutet wörtlich „die verhängnisvolle Frau“. Er beschreibt eine unwiderstehlich attraktive Frau, die Männer ins Verderben führt. In Kljajics Buch werden jedoch falsche Mythen rund um Cleopatra, Lilith oder Hürrem Sultan hinterfragt. Wie absurd manche davon sind, zeigt das Beispiel der Bienen-Anekdote: Laut dieser soll Cleopatra ein Gefäß mit Bienen oder Hummeln zur sexuellen Stimulation besessen haben.

Frauen und ihr schlechter Ruf

Die Recherche für ihr Buch habe sie gegenüber Darstellungen historischer Frauenfiguren skeptischer gemacht. Wenn eine Frau als „wahnsinnig“, „intrigant“, „verführerisch“, „gefährlich“ oder „verschwenderisch“ beschrieben werde, müsse man hinterfragen, wem dieses Frauenbild genutzt habe. „Erstaunlich oft stellt sich heraus, dass Männer ein politisches Interesse daran hatten, ihren Ruf zu beschädigen oder ihre Macht zu begrenzen. Beweise dafür finden sich in den Quellen auch recht schnell“, erklärt Kljajic gegenüber dem KURIER.

Buchcover von Samra Kljajic mit einer Frau im Gemälde-Stil und dem Titel „Femme Fatale“.

Das Buch Femme Fatale von Samra Kljajic ist am 18. Juni 2026 im dtv Verlag erschienen. 

Am Beispiel von Lucrezia Borgia zeige sich etwa, dass Frauen ihren schlechten Ruf über Jahrhunderte hinweg nicht loswerden können. Borgia diente ihrem Vater Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI., quasi als politisches Instrument. Er verheiratete seine Tochter dreimal aus strategischen Gründen. Als eine ihrer Ehen annulliert wurde, rächte sich ihr Ex-Mann Giovanni Sforza, indem er behauptete, Lucrezia Borgia habe inzestuöse Beziehungen zu ihrem Vater und ihrem Bruder Cesare Borgia.

Männlich geprägte Geschichte

Bis heute wird ihr Name mit Inzest assoziiert. In der Geschichtsschreibung geht jedoch häufig unter, dass Lucrezia Borgia eine Herzogin war und auch Büffelmozzarella produzieren und verkaufen ließ. „Geschichte ist stark männlich geprägt, Macht wurde männlich codiert. In unserem historischen Bild dominieren Männer: Sie regieren Reiche und führen Kriege. Diese Perspektive beeinflusst bis heute, was wir als ,wichtige Geschichte' wahrnehmen“, sagt Kljajic.

Eine Frau mit Brille vor einem weißen Hintergrund.

Samra Kljajić betreibt seit fünf Jahren den Account Geschichtegram.

Hexe oder Giftmischerin

Kljajics Recherche greift auch weit in die griechische Mythologie zurück. Für sie kristallisieren sich vier wiederkehrende Formen weiblicher Macht heraus: die Verführerin, die Ehefrau und Mutter, die Herrscherin sowie die Kriegerin. Jede dieser Figuren besitzt laut Kljajic einen mythologischen Ursprung und bestimmt, auf welche Weise weibliche Macht als legitim, gefährlich oder unzulässig wahrgenommen wird.

Übte eine Frau in der Geschichte Macht aus, passte das oft nicht in das vorherrschende Frauenbild. Frauen wurde das Herrschen quasi strukturell erschwert. Hatten sie Einfluss, seien sie als Hexen, Giftmischerinnen oder Intrigantinnen diffamiert und nicht selten sogar verfolgt worden. 

Und heute? Die Mechanismen hätten sich verändert, die dahinterliegenden Muster und Strukturen seien laut Samra Kljajic jedoch konstant geblieben. „Eine Frau, die selbstbewusst auftritt, gilt schnell als 'arrogant'. Zeigt sie Empathie, wird ihre Führungsstärke infrage gestellt. Frauen sollen nicht 'zu männlich' wahrgenommen werden und gleichzeitig all jene Erwartungen erfüllen, die noch immer mit Weiblichkeit verbunden werden“, sagt Kljajic.

Zwischen Wahnsinn und Macht

Im Buch der Geschichts-Influencerin stehen Frauen im Mittelpunkt, die Politik und Gesellschaft prägten, deren Leistungen jedoch oft hinter Klischees verschwanden. Eine von ihnen ist Johanna I. von Kastilien. Bis heute ist sie vor allem als „Johanna die Wahnsinnige“ bekannt – obwohl ihre politische Bedeutung weit über dieses Etikett hinausreicht. Als rechtmäßige Königin von Kastilien wurde sie von ihrem Vater, ihrem Ehemann und später auch von ihrem Sohn politisch entmachtet

Bis heute ist umstritten, ob und wie schwer ihre psychischen Erkrankungen tatsächlich waren. Das betont auch Kljajic: „Geschichte prägt bis heute, wie wir auf Frauen in Machtpositionen blicken. Die Art, wie wir über diese Frauen sprechen, erzählt oft genauso viel über die Gesellschaft, die sie beurteilt hat“.

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