Kultur 05.12.2011

Gerron: Der Auftrag, alles zu verleugnen

Der Roman von Charles Lewinsky erzählt die Geschichte von Kurt Gerron, dem einstigen Star aus Berlin, der in Theresienstadt das Paradies inszenierte.

Heinz Rühmann hätte bestimmt helfen können. Der spielte doch mit den Kindern von Goebbels und schleimte sich ein! Ein Wort, und Kurt Gerron wäre nach Amerika gefahren und nicht ins KZ Theresienstadt. Aber es kam nicht.

In Rühmanns Erinnerungen "Das war's" steht über Gerron bloß: "Er war ein großer starker Mann mit einem Kindergemüt. Er wusste damals, 1932, noch nicht oder wollte es nicht wissen, wie ernst die Situation politisch war. Er emigrierte noch rechtzeitig nach Holland. Leider nur bis Holland ..." Im Berlin der 1920er-, 1930er-Jahre war der jüdische Regisseur und Schauspieler Kurt Gerron ein Star.

Und der Haifisch

Er sang bei der Uraufführung der "Dreigroschenoper" die Moritat von Mackie Messer (siehe YouTube-Link unten), er war der Zauberkünstler im "Blauen Engel", er leitete Heinz Rühmann durch "Es wird schon wieder besser" und "Meine Frau, die Hochstaplerin" ... Eine große Nummer war er dennoch nicht. Als XXIV/4 - 247 kam er mit seiner Frau Olga am 26. Februar 1944 nach Theresienstadt.

"Gerron", das Buch des Schweizers Charles Lewinsky, setzt ein, wenn dem Gefangenen von Lagerkommandant Karl Rahm der Auftrag erteilt wird: "Du wirst einen Film für mich machen." Den Propagandafilm, der nachträglich den Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" bekam. Keine Hungernden, Todgeweihten, sondern, heiho, heiho, fröhliche Menschen auf dem Weg zur Arbeit; Frauen, die
Kleider einkaufen; Szenen im Dampfbad, ein Fußballspiel, Schrebergärten ...

Kurt Gerron nahm den Auftrag an, alles zu verleugnen. Weil er am Leben bleiben wollte. Weil er hoffte, der Krieg würde schneller vorbei sein als die Dreharbeiten.
Weil er so eitel war und sich freute, wieder inszenieren zu können?

Vom Paradies

Mehr als 1000 TV-Shows: Charles Lewinsky, Jahrgang 1946 und sein Buch "Gerron", erschienen im Nagel + Kimche Verlag. 25,60 Euro.
© Bild: Nagel und Kimche

Lewinskys Buch ist ein Roman. Aber nur, wenn es Lücken in der Biografie zu schließen gibt. Das Ende ist verbrieft. Jugend und Militärzeit im Ersten Weltkrieg - da musste mit Fantasie ergänzt werden. Der Gewissenskonflikt hält über 500 Seiten an. Zeigen, was nicht ist. In der Hölle sitzen und vom Paradies erzählen.
Er wird Rahm antworten, dass er sich weigert. Er wird Rahm antworten, dass er den Film dreht.

Gerron heutzutage einen Vorwurf daraus zu machen, hält der Autor für lächerlich.
Charles Lewinsky ist, seit er zum ersten Mal im Radio von diesem Leben erfahren hat, nicht mehr davon losgekommen. Erstens, weil er - zumindest literarisch - antworten wollte, was im Kopf des damals 47-Jährigen vorgegangen sein mag.
Zweitens, weil es ihn interessierte, weshalb sich Gerron nicht viel früher nach Hollywood abgesetzt hatte. Wahrscheinlich, weil er von den US-Filmbossen hofiert werden und gewissermaßen zur Begrüßung Rosen in der Garderobe haben wollte.
Seine nächste Fehleinschätzung: Alle 22 Theresienstadt-Häftlinge, die in Großaufnahme gefilmt wurden, kamen unmittelbar nach Drehschluss in den Viehwaggon nach Auschwitz.

Ebenso Gerron und seine Frau. Nun war er die Nummer XXXI / 622. Am 30. Oktober 1944 wurde das Ehepaar ermordet. Drei Tage später stoppte man die Vergasungen. Der Film verfehlte seinen Zweck. Jetzt endlich war es für Verschleierungen und Täuschungen zu spät. Ausschnitte wurden in der Wochenschau gezeigt, und einer Delegation des Roten Kreuzes führte man ihn vor - im März 1945 . Von den 90 Minuten sind nur 23 erhalten geblieben.

Zur Person: Charles Lewinsky

Vielseitig Fast hätte er für "Gerron" heuer den Schweizer Buchpreis bekommen: Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, ist seit drei Jahrzehnten freier Autor. Für den Schweizer Rundfunk, für ZDF und ARD war er an 1000 Produktionen beteiligt. Außerdem schrieb er 700 Liedtexte, auch Theaterstücke, Musicals sowie Drehbücher für Filme, etwa "Ein ganz gewöhnlicher Jude" (2005) mit Ben Becker in der Hauptrolle.

Romane Der erste Roman, mit dem Lewinsky auffiel, war "Johannestag" (2001) über eine Welt, die 1000 Schritte lang ist: ein Dorf in Südfrankreich, in dem es brodelt und dann brennt. "Melnitz" (2006) ist sein bisher größter Erfolg: Das Schicksal einer fiktiven jüdischen Familie in der Schweiz über fünf Generationen und überbordende 800 Seiten. Die meisten seiner Bücher sind im Nagel & Kimche Verlag erschienen.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011