72 ist der Grazer im Juni geworden: Gehard Roth findet überall Sprache, auch in Krähenspuren im Schnee

© /Roland Schlager

Vielleicht war er ja immer nur ein Schimpanse
08/23/2014

Vielleicht war er ja immer nur ein Schimpanse

Gerhard Roth erlaubt einen langen Blick in seinen Kopf. Dort sieht man sogar das Unsichtbare.

von Peter Pisa

Es ist eines der großen Vergnügen, mit Gerhard Roth spazieren zu gehen – am Donaukanal nach Gugging ...

Aber nach 50 Seiten ist er tot: Gasexplosion in seiner Wohnung am Wiener Heumarkt.

Das heißt: Seine Romanfigur, der bekannte Schriftsteller Philipp Artner, löst sich in Asche auf.

In ihm steckt viel Gerhard Roth, aber nicht der ganze: "Sein" Artner hinterlässt nämlich einen unehelichen Sohn (der später Schauspieler wird) ... und da sagt Gerhard Roth zum KURIER:

"Es gibt bei mir nichts in dieser Richtung. Wirklichkeit ist Wahrheit und Fantasie."

Wie viele Köpfe hat der wissbegierige Grazer in seinen Büchern schon aufgebohrt und ins Innere geschaut! Wie viel Grauenvolles hat er dabei hervorgeholt, aber auch welche Schönheiten!

Jetzt, in "Grundriss eines Rätsels" seziert er sich selbst.

Zum KURIER: "Um es mit Musil zu sagen: Ich war ,Monsieur le Vivisecteur‘."

Er erfüllt sich im Roman einen Wunsch: verschwinden und auftauchen – sterben und "neu" leben.

Und so verliert sich ein junger Germanist, der im südsteirischen Haus des Toten nach Manuskripten suchen soll, in der Welt Philipp Artners/Gerhard Roths.

Auch er erkennt (denn er findet drei tschetschenische Asylwerber tot): Ein Dorf, so idyllisch es aussehen mag, kann vernichten.

Und auch er nimmt die Sprache der Natur wahr – kann man sie übersetzen?

Ein Entennest könnte ein "c" sein, quakende Frösche ein "x".

Er schläft mit der einstigen Geliebten des Schriftstellers, er steigt auch der Witwe nach, er redet wie Philipp Artner, kleidet sich wie Philipp Artner – und landet für einige Zeit in der Psychiatrie.

Gemisch

Nie zuvor hatten wir in einem einzigen Roman diese umfassende Sicht auf Gerhard Roths Wunderland.

Es geht nicht darum, alles in "Grundriss eines Rätsels" zu verstehen.

Sondern ums Staunen.

Sondern ums Empfänglichwerden:

für Wasserflecken; für japanische Holzschnitte; für Krähenspuren; für ein Gemälde von Giotto; für den Einsturz des Glockenturms von Venedig 1902; und für die Sprache (einmal spricht die Sprache selbst) ... für dieses Gemisch aus Sichtbarem und Unsichtbarem, in dem wir leben.

Zum Versinken schön ist das; und zusätzlich ein Krimi. Zum Träumen und Grübeln. Zum Bangen und Hoffen.

Hier gibt ein Schriftsteller alles und ist zum Dichter geworden.

Und vielleicht, vielleicht hat es diesen Philipp Artner/Gerhard Roth ja gar nie gegeben. Vielleicht war er immer ein Schimpanse, der für uns in die Manege stieg.

KURIER-Wertung:

INFO: Gerhard Roth: „Grundriss eines Rätsel“ Verlag S. Fischer. 512 Seiten. 25,70 Euro.

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