Berühmt für seine Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“: Gerhard Roth, 73

© KURIER/Jeff Mangione

Literatur
12/06/2015

Gerhard Roth: Bohren bis zum Unsagbaren

Neues Buch – und die Erkenntnis, dass aufs Paradies immer vergessen wird.

von Peter Pisa

"Es kommt nur darauf an, ob ein Kunstwerk Energie überträgt oder nicht. Wenn es keine Energie überträgt, ist es ein erloschener Stern, ein ausgetrockneter Fluss, im schlimmsten Fall ein Ärgernis."Gerhard Roth

In diese Welt, die immer aus den Fugen geraten ist, schneidet und bohrt er hinein (die Fugen sind dafür gut geeignet!) und bemüht sich, das Unsagbare herauszuholen. Das Verdrängte, Vergessene.

Er hat dort das Menschsein gefunden, er entdeckt sein Ich immer wieder und die Sprache sowieso.

Sein Werkzeug ist die Schreibmaschine. Und der Fotoapparat, ebenfalls zum Schneiden und Dichten geeignet – der Blick in ein Glas mit Joghurt-Spuren kann zum Gedicht werden.

Seine Bücher sind Hilfe, um empfänglicher zu werden für das Unsichtbare.

Fata Morgana

Mit dem neuen Buch verhält es sich ebenso – obwohl es "nur" kluge Gespräche über die Literatur (also über das Leben) sind, die der deutsche Autor und Ethnologe Hans-Jürgen Heinrichs mit ihm geführt hat.

Ein willkommener Anlass, mit Gerhard Roth im KURIER weiterzureden – z. B. über die EU.

Zu schnell sei sie gewachsen, und mit Griechenland habe man bewusst ein Fass ohne Boden aufgenommen.

"Vor acht Jahren habe ich der damaligen Außenministerin Ursula Plassnik die Frage gestellt: Was geschieht mit der Europäischen Union, wenn eine Wirtschaftskrise ausbricht?"

Ihre Antwort, im Internet nachzulesen: "Mein Geschäft ist es nicht, mir Horrorszenarien auszudenken."

Roth: "Sie argumentierte lehrerinnenhaft, mit Politikfinten und Argumenten, die sich längst als falsch herausgestellt haben. Wenn sie nicht weiterwusste, hat sie auf Mann-/Frau-Kampffloskeln zurückgegriffen. Sie dachte im Modus der politischen Auseinandersetzung – den Andersdenkenden zu desavouieren, es ihm zu zeigen."

Während der 34 Jahre, die er an seinen beiden Roman-Zyklen gearbeitet hat, sei ihm klar geworden:

"Alle politischen und religiösen Ideologien versprechen das Paradies, und wenn sie an die Macht kommen, vergessen sie diesen Gedanken Schritt für Schritt."

So sei im konkreten Fall das Paradies EU leider eine Fata Morgana geblieben.

Gedächtnis

Jetzt ist ein anderer Außenminister für manche Fragen zuständig, die Gerhard Roth via KURIER stellt:

Wie sieht es mit dem Kosovo aus, wo trotz regulierender Maßnahmen seit mehr als einem Jahrzehnt weiter Tausende das Land verlassen wollen, die Arbeitslosenrate bei den Jugendlichen über 60 Prozent liegt und mafiaartige Strukturen das Leben beherrschen ?

Gibt es in Ländern, aus denen Menschen im Laufe ihrer nicht allzu lange zurückliegenden Geschichte zu Hunderttausenden in alle Welt geflohen sind, kein Gedächtnis?

Weshalb existieren keine Berechnungen, ob eine der größten Errungenschaften, der Menschheit – die gegenwärtigen Sozialsysteme – zu kippen drohen ?

Wie steht es um die Atomkraftwerke Europas, die Ziele von Attentaten sein können? Was geschieht bei einer Atomkatastrophe in einem europäischen Land ?

Was beim Klimawandel?

Ihm läuft es kalt über den Rücken beim Gedanken, was dann kommt, welche politischen "Führer" kommen. "Die EU", sagt Roth, "muss neu durchdacht werden."

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