Gemalte Monumente für das Glück, sein Kind spielen zu sehen

Gemalte Monumente für das Glück, sein Kind spielen zu sehen
Der Künstler Sean Scully präsentiert einen äußerst persönlichen neuen Werkzyklus in der Albertina

„Ich wollte etwas Permanentes machen. Ein Foto bleibt immer eingesperrt in seine Abbildhaftigkeit, wogegen ein Gemälde ein Objekt ist. Und die Malerei kommt immer wieder zurück, seit 20.000 Jahren.“

Sean Scully hat also seinen im Sand spielenden Sohn gemalt: Ein Motiv, das vermutlich jede Person, die Kinder hat, irgendwann fotografiert. Doch Scullys Gemälde, auf Basis solcher Schnappschüsse entstanden, sind monumental, gemalt auf Aluminiumplatten im Format 215 mal 190 cm. Die Bildgröße und die Strahlkraft der flächig nebeneinandergesetzten Farben wirkt ganz unmittelbar, die kompakte Kinderfigur, die manchmal von einem Kreis eingeschlossen ist, der vom Graben der Sandburg herrührt, verstärkt den prägnanten Eindruck.

Die zweifellos starken Bilder gewinnen aber eine andere Energie, wenn man erfährt, wie tief sie im Seelenkern des 74-Jährigen, sonst für abstrakte Bilder bekannten Malers angesiedelt sind.

Trauma-Bewältigung

Um seinen selbstvergessen im Sand spielenden Sohn betrachten zu können, musste Scully einen weiten Weg zurücklegen. Unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und vom eigenen Vater nie geschätzt, boxte sich Scully zu einer Malerkarriere durch. 1983 kam dann sein damals 19-jähriger Sohn bei einem Unfall ums Leben.

„Man tritt dadurch einem Club bei, dem man niemals beitreten wollte und den man nie wieder verlassen kann“, sagte Scully , der bei der Pressekonferenz zur Albertina-Schau erkennen ließ, dass ihn der Verlust bis heute mitnimmt. Die späte Vaterschaft – Sohn Oisín kam 2009 zur Welt – sei daher eine zweite Chance, eine Wiedergutmachung gewesen.

Gemalte Monumente für das Glück, sein Kind spielen zu sehen

Dass Scully seinen Markenzeichen-Stil – abstrakte Kombinationen horizontaler und waagrechter Blöcke und Bänder – für seine nach der Urlaubsinsel Eleuthera benannten Serie außen vor ließ, sei dem Sujet geschuldet, erklärt Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder: Wie in manch historischer Kunst gebe es einen „angemessenen“ Stil für bestimmte Themen.

Es ist kein Zufall, dass parallel zu der Serie – 23 Großformate, dazu einige kleinere Bilder und Zeichnungen – auch noch Bilder entstanden sind, die das Kind und seine Mutter im Madonnen-Schema fassen: Die Tradition der Malerei hält tatsächlich Gefäße bereit, die essenzielle Zustände über Zeitgrenzen hinaus konservieren können.

Während es sonst leicht ist, anlässlich von obszön hohen Preisen für schwer fassbare Kunst zynisch zu werden, ist Scullys Beteuerung, diese Bilder aus einer „Verpflichtung“ heraus gemalt zu haben, absolut glaubwürdig. Er werde die Serie auch nie verkaufen, bekräftigte der Künstler. Eines der Werke allerdings bleibt – „als Schatten dieser Ausstellung“ – als Schenkung in der Albertina.

Gemalte Monumente für das Glück, sein Kind spielen zu sehen

Zur Person

Sean Scully, 1945  in Dublin geboren, entwickelte ab den 1960ern einen unverkennbaren abstrakten Stil. Seine Bilder sind weltweit in Museumssammlungen vertreten, der Albertina vermachte er 1999 sein gesamtes druckgraphisches Werk, was damals mit einer großen Schau gewürdigt wurde. In der Vergangenheit waren Scullys Werke in Österreich außerdem im Linzer Lentos Museum, im Museum Liaunig/Kärnten oder in der Kunsthalle Krems zu sehen. Neben der aktuellen Albertina-Schau (bis 8. 9.)  zeigt der Künstler, der die US-Staatsbürgerschaft annahm und den größten Teil seiner Zeit im US-Bundesstaat New York lebt, derzeit in S. Giorgio Maggiore in Venedig neue Arbeiten  (bis 13. 10.)

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