Zehn Jahre Recherche: Die „Gebete“ der 54-jährigen Jennifer Clement erscheinen in 30 Ländern

© /Barbara Sibley / Suhrkamp Verlag

Freude auf Mexikanisch: Hurra, das Kind ist hässlich!
12/20/2014

Freude auf Mexikanisch: Hurra, das Kind ist hässlich!

"Gebete für die Vermissten" macht Angst und macht wütend und war notwendig.

von Peter Pisa

Wer gräbt in Mexiko mehr Löcher in die Erde? Die Mafia, um ihre Opfer verschwinden zu lassen?

Oder die Eltern, damit sich ihre Töchter verstecken können, wenn die Drogen- und Menschenhändler die Dörfer abgrasen, um sich zu bedienen?

Man wird das erleichterte Seufzen einer mexikanischen Mutter schwer vergessen können: Ihr Mädchen ist mit einer Hasenscharte auf die Welt gekommen, hurra, es ist in Sicherheit!

Man wird " Gebete für die Vermissten" überhaupt schwer vergessen können.

Kein Lippenstift

Jennifer Clements Roman steht in unmittelbarer Nähe zu den Nachrichten über die 43 Studenten: entführt, ermordet, verbrannt.

Der Staat hilft nicht.

Im Gegenteil.

Das war bei Nuruddin Farahs "Gekapert" über das selbstmörderische Somalia ganz ähnlich: Die Angst ist selbst beim Lesen da, und die Wut kocht über.

Die amerikanische Schriftstellerin, die in Mexiko-Stadt aufgewachsen ist, hat über einen Zeitraum von zehn Jahren Frauen interviewt und erfahren, dass sie ihren Töchtern die Haare kurz schneiden und sie wie Buben anziehen und dass sie ihnen Lippenstift zu verbieten versuchen ...

"Wir haben aufgehört, unsere Töchter zum Markt mitzunehmen. Du lässt ihre Hand kurz los, um eine Papaya zu begutachten, und eine Sekunde später ist sie weg. Meiner Cousine ist das passiert, sie haben ihr die Tochter mitten auf dem Markt gestohlen. Sie war sieben. Der diensthabende Polizist meinte: ,Du kannst ja noch ein anderes Kind bekommen.‘"

Solche Berichte sind Grundlage der "Gebete für die Vermissten". 2012 wurden in Mexiko 105.682 Entführungen gemeldet (bei einer Dunkelziffer von 99 Prozent). Eine vermisste Frau ist bloß ein Blatt, das der Regen in den Kanal treibt.

Deshalb hat man leider nie das Gefühl, es handle sich um Erfundenes, wenn man dem Mädchen Ladydi beim Wachsen zuschaut; mit ihren Freundinnen in einem Bergdorf nahe Acapulco.

Einst war das ein bezaubernder Hafen, heute tragen dort fünf Drogenkartelle ihre Kämpfe aus.

Längst hat sich ihr Vater in die USA abgesetzt, ihre Mutter ist Alkoholikerin und kann keine Liebeslieder hören. Früher hat sie ständig welche gesungen, aber die Männer, die ihre Familien im Stich ließen, die haben auch die Musik genommen.

Man wird mit Ladydi im Gefängnis landen –, das nach Nagellack riecht. Hier ist es sicherer, schön zu sein, und man lässt die Frauen im Unklaren, wann sie entlassen werden. Überfallsartig werden sie nachts aus den Zellen geworfen, sonst würden sie durchdrehen und die Wärter angreifen, weil sie bleiben wollen. Gibt’s das? Auf der Flucht vor dem Lauf der Welt ...

KURIER-Wertung:

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