Kultur
11.09.2018

Franz West im Centre Pompidou: Wo die Welt das Knotzen lernt

Der österreichische Künstler ist mit einer famosen Werkschau in Paris im Olymp angekommen.

Bevor die Ausstellung überhaupt erst losgeht, ist man versucht, sich auf einen Diwan zu pflanzen: Zwei Reihen der mit schweren Teppichen überworfenen Möbel, die Franz West 1992 bei der Documenta in Kassel aufgestellt hatte, bilden das Entrée zur großen Retrospektive des Künstlers im obersten Stockwerk des Pariser Centre Pompidou.

Dass der 2012 verstorbene Wiener mit seinem Werk hier oben angekommen ist, ist für sich schon eine Sensation – keinem anderen zeitgenössischen Künstler aus Österreich wurde bisher eine derartige Schau in der renommierten Institution zuteil. Dass die Ausstellung in Folge in die Londoner Tate Modern weiterwandert, ist ein weiteres dickes Siegel auf jenem Vertrag, mit dem die internationale Kunstwelt West Beitrag zur Kunstgeschichte verbrieft.

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Hineingeschlendert

Dass sich West dabei aber nicht breitbeinig in den Kanon drängt, sondern scheinbar beiläufig in diesen hineinschlendert, ist auch ein Verdienst dieser von Christine Macel herausragend kuratierten Schau. Wie Wests einstige Weggefährten vielfach bezeugen, war dem Künstler zeitlebens jedes Pathos zuwider: In seinem Werk wurde alles auf leichtfüßige Art gebrochen und verdreht. Diese Leichtigkeit ist in der Ausstellung konserviert.

Dem 22-jährigen West, der die Besucher in einem Filmporträt von Friedl Kubelka zu Beginn der Schau anblickt, scheint schon jener heilige Unernst ins Gesicht geschrieben: Wie er da leicht arrogant dreinblickt, mit Schnauzer, Halstuch und fliegendem Haar, scheint er der Welt mit nobler Distanz zu begegnen. Nicht umsonst heißt der Film „Graf Zokan“ (Zokan war der Familienname des Vaters, 1980 nahm der Künstler den Mädchennamen seiner Mutter an): Mit seinen Mitstreitern formierte der Schulabbrecher West eine Geschmacksaristokratie, die sich um den Bildungskanon nicht scherte.

Macel hat einige Thesen – etwa, dass West einen Minderwertigkeitskomplex im Hinblick auf seine Bildung zu kompensieren trachtete, oder dass die enge Bindung zu seiner Mutter und die Verachtung für den Vater ihn zu Werken Freuds und der Psychoanalyse brachte.

Die Schau versucht aber nichts davon zu illustrieren, sondern lässt die Werke in chronologischer Folge sprechen. Wests frühe, an Klimt und Hundertwasser orientierten Zeichnungen oder seine als Veräppelung von Nitsch & Co hingerotzten „Studien im Aktionismusgeschmack“ (1975 – ’80) sind nur einige der Schmankerln in der unglaublich breiten, dabei höchst sorgfältig ausgewählten Werkfülle.

Macels Blick von außen tut nicht zuletzt deswegen gut, weil Wests Genius in Wien mitunter in einer Flut an Anekdoten von Dabeigewesenen unterzugehen droht. Die französische Kuratorin interessiert sich für die Szene, hat dabei aber die übergeordnete, wie sie sagt „körperlich unmittelbar ansprechende Ästhetik“ im Fokus.

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Die „große Verdauung“

Die ab Mitte der 1970er entstandenen Pappmaché-Skulpturen, für die West Telefonbücher verarbeitete, sieht die Kuratorin in direkter Parallele zu der Art und Weise, mit der sich der Künstler philosophische Schriften sowie Werke und Ideen befreundeter Künstler einverleibte: Was Macel „La grande digestion“ („große Verdauung“) nennt, resultierte ebenso in an Kackhäufen oder Anusse erinnernden Blechskulpturen, von denen drei in der Schau zum Verweilen einladen.

Dem Dilemma, dass viele von Wests Objekten wegen strenger Auflagen der Leihgeber nicht mehr in der ursprünglichen Form zu benutzen sind, kommt auch das Centre Pompidou nicht aus. Und doch bewahrt die Schau die Werkstatt-Atmosphäre, die das stets Wandelbare in Wests Werk unterstreicht. Die Architektur des Museums mit ihren offen liegenden Rohren und Verstrebungen hilft da durchaus.

Mit dem Geist der Improvisation und Kollaboration inspirierte West zahllose Künstler und Künstlerinnen. Und tatsächlich wirkt keines der Dokumente aus den 70er oder 80er Jahren heute angestaubt oder passé: Der Geist der klassischen Bohème, der Beat-Poeten und Ur-Hipster findet an Wests Idee des zelebrierten Herumlungerns und produktiven Nichtstuns („Otium“) ebenso nahtlos Anschluss wie der Geist multidisziplinärer Kunstkollektive von heute. Im Katalog bezeichnet Macel West gar als Vorläufer der Grunge-Ästhetik der 1990er Jahre.

Knotz avec moi!

Allein die Ebene der Sprache, mit der West unermüdlich spielte und auf der Worte, Ideen und greifbare Objekte permanent Platz tauschten, scheint beim globalen Siegeszug des Österreichers mitunter auf Übersetzungsprobleme zu stoßen. „Knotzen“ – sowohl der Titel einer Werkgruppe als auch die Bezeichnung einer beim Künstler beliebten Tätigkeit – heißt auf Französisch jedenfalls „se vautrer“, haben wir gelernt.

Zur Person

Franz West wurde 1947 in Wien geboren und wuchs im Karl-Marx-Hof auf. Ab den 1980er-Jahren  reüssierte er international, 1990 vertrat er Österreich auf der Venedig-Biennale. Am Markt ist er heute der teuerste zeitgenössische Künstler aus Österreich. West starb im Juli 2012.

Zur Ausstellung

Die mit 200 Werken bislang umfassendste Retrospektive ist bis 10. Dezember im Centre Pompidou, Paris, zu sehen. Von 20. Februar bis 2. Juni 2019 wird sie in der Tate Modern, London, gezeigt: Dort  wird die mit West  vertraute Künstlerin Sarah Lucas bei der Gestaltung mitwirken.