Kultur
11.10.2018

Franz Morak: "Meine Ehefrau meinte: Es geht sich noch aus"

Er war Schauspieler, New-Wave-Schizo-Punker und Kulturpolitiker. Nun kehrt er zurück - mit seiner ersten Platte seit 25 Jahren.

KURIER: 1993 erschien Ihr letztes Album „Herzstillstand“. Was hat Sie bewogen, mit 72 nochmals in den Ring zu steigen?

Franz Morak: Meine Musik hat mich durchs Leben begleitet. Ich wollte die Arbeit abschließen. Meiner Meinung nach hat noch eine fünfte Platte gefehlt. Im letzten Jahrzehnt, seit dem großen Börsencrash, habe ich einige Lieder geschrieben. Nicht alle auf einmal, sondern wenn mir ein schöner Satz auf- oder eingefallen ist, darunter „Kein Mitleid mit den Wölfen“ oder „Die Krokodile des Dow“. Aus der Politik habe zwar ich gelernt, nicht „die letzte Platte“ zu sagen. Aber im Grunde ist es so gemeint.

Ihre Stimme ist weiterhin erstaunlich wandlungsfähig.

Danke. Aber das würde ich nicht unterschreiben. Ich habe lange Zeit nicht gesungen. Da vergammelt die Stimme. Ich musste sie erst wieder auf Vordermann bringen.

Auf „Morak’n’Roll“ sangen Sie: „Ich wär in den Charts so gern die Nummer 1.“ Gilt das noch?

Ein schönes Lied. Ich habe damit vielen Kolleginnen und Kollegen aus der Seele gesprochen, auch wenn sie es nicht zugeben. Aber ich mache keine Teenie-Musik.

Sie rappen sogar – auf „Ratten“ mit Ihrem Sohn Benedikt.

Es gibt in den Städten doppelt so viele Ratten wie Einwohner. Und möglicherweise sind manche Einwohner mancher Städte auch Ratten. Ich wollte das Lied mit vielen Menschen singen: in Tokio, Berlin, Los Angeles, Moskau. Aber der organisatorische Aufwand wäre viel zu groß gewesen. Dann kam ich auf die Idee, den Sohnemann zu fragen. Er hat ja selber eine Band, den PBH Club. Und er hat begeistert mitgemacht. Die Platte ist trotzdem eher für Erwachsene.

Die große Fröhlichkeit macht sich ja nicht gerade breit auf „Leben frisst rohes Fleisch“.

Ja, es ist ein extrem trauriger Ausblick, den ich da biete. In einer solchen Zeit sollte man eben vielleicht die Clowns auf die Bühne schicken. Denn sie können alles viel fröhlicher, lustiger, aber auch bösartiger ausdrücken.

Gleich im Intro erwähnen Sie die „Bergwerke des Zweifels“.

Zweifel hab ich immer schon gehabt. Im Booklet ist ein Foto abgebildet, das 2013 von der Raumsonde Cassini 33 aufgenommen wurde. Man sieht riesig die Ringe des Saturns – und die Erde als Lichtpunkt. Sie wurde von der NASA mit einem Pfeil markiert, denn man könnte sie ansonsten gar nicht wahrnehmen. Tagelang habe ich darüber gegrübelt. Es hat mich wirklich deprimiert, wie klein, ausgesetzt und wie verloren die Erde im Nichts angenagelt ist. Wenn man das sieht, dann weiß man, woher die großen Unsicherheiten, die große Einsamkeit in der Welt kommt. Heute ist jede Straße beampelt, Du lebst in dieser Republik so sicher wie noch nie – und trotzdem hast du diese Zweifel und diese Grundangst.

In mehreren Liedern setzen Sie einen Kinder- oder Mädchenchor ein. Ist der Gegensatz der Stimmen der besondere Reiz?

Der Chor mit den jungen Frauen ist einfach wahnsinnig gut. Auch damals, bei „Von den Haien in der Reihe 1 und der Sau im Stall“ auf „Herzstillstand“, habe ich einen Chor eingesetzt, den Kinderchor von Benedikts Gymnasiums. Das bringt eine schöne Klangfarbe. Ich komm ja vom Theater. Mir geht es daher auch darum, ein Lied zu inszenieren.

Menschen konnten bei Ihnen nicht nur Haie oder Säue, sondern auch Finken und Lämmer sein. Nun stößt man auf Wölfe, Ratten, Lemminge und „viele, viele Krokodile“. Sie scheinen diese Tier-Metaphern zu lieben.

Sie sind eben eingängig. Jeder weiß, was mit dem Gang der Lemminge gemeint ist. Und Krokodile stehen für Menschen, die den Schlund nicht vollkriegen können. Es sind eben Tiere mit großem metaphorischen Potential.

Sie waren ÖVP-Politiker, diese Platte entstand mit Unterstützung des ÖVP-regierten Landes Niederösterreich. Eigenartig?

Ich habe nicht darum angesucht. Christian Kolonovits hatte vom Land Niederösterreich einen Kompositionsauftrag und hat ihn für diese Platte verwendet.

Sie arbeiten mit ihm schon seit „Sieger sehen anders aus“, 1983 erschienen, zusammen.

Ich war immer ein Minimalist, er ein Maximalist. Er wollte möglichst viel und möglichst schön. Im letzten Jahrzehnt haben wir uns angenähert. Und nun haben wir sehr gut und sehr lang an dieser Platte gearbeitet. Das ging nur, weil Christian Kolonovits ein Loch hatte zwischen einem Auftrag der Volksoper und dem Scorpions-Musical.

Die CD ist auch Teil der Box „Morak/Alles“. Warum packen Sie die Lesung „Die Dritte Walpurgisnacht“ von Karl Kraus dazu?

Sie ist, meiner Meinung nach, Schausprecher Morak at his best. Karl Kraus hat den Text 1933 geschrieben. Er beginnt mit: „Zu Hitler fällt mir nichts ein.“ Und dann entwickelt er eine derartige Prophetie, dass dir das Maul offen steht. Das Buch, erst 1952 veröffentlicht, habe ich auf eine Stunde zusammenstreichen müssen. Ursula Pasterk, damals Intendantin, hat den Abend bei den Wiener Festwochen herausgebracht. Herbert Kapplmüller legte einen 100 Meter langen Glasscherbenweg an, die Zuschauer wurden in ein schwarzes Zelt geführt. Die Vorstellung war, glaube ich, sehr adäquat.

Ihre Karriere hatte 1971 begonnen – am Volkstheater mit Peter TurrinisRozznjogd“.

Das war damals Stadtgespräch, ein richtiger Knaller. Das verdanke ich dem alten Manker, dem Direktor. Er sagte zu mir: Mach das!

 

 

1974 holte Gerhard Klingenberg Sie ans Burgtheater. War es retrospektiv ein Fehler, ab 1986 derart gegen Claus Peymann opponiert zu haben?

Nein. Damals sind 100 Ensemblemitglieder spazieren gegangen – und 30 haben alle tollen Rollen gespielt. Da gab es für den Ensemblesprecher einen Handlungsauftrag. Hinzu kam die Verengung auf eine deutsche Ästhetik. Unter Klingenberg hatten die wichtigsten italienischen, ungarischen, französischen und englischen Regisseure inszeniert. Diese Verengung war nicht zu akzeptieren.

Was eine Strafaktion zur Folge hatte: Sie mussten den dritten Zwerg von links spielen.

Nicht ganz, ich spielte in einem Märchen einen Tanzmeister. In diesem Stück hatte ein Kollege in einer Art Bademantel – das war die Königsrobe – und mit einer goldenen Papierkrone auf dem Kopf geschrien: „Wo trete ich jetzt auf?“ Das war für mich die Initialzündung, aufzuhören. Denn ich wollte am jüngsten Tag nicht vor meinen Herrgott treten und auf die Frage, was ich in meinem Leben tat, sagen müssen: „Ich habe ein Leben lang nur Theater gespielt.“ Aber ich möchte klarstellen: Ich habe unter Peymann nicht gelitten, weder als Schauspieler, noch als Regisseur. Wir haben uns eben nicht verstanden. Als Ensemblesprecher oder Gewerkschafter kannst du nicht der gleichen Meinung sein wie der Direktor.

Im Jahr 2000 wurden Sie Kulturstaatssekretär. Gegen Ende Ihrer Amtszeit bestellten Sie Matthias Hartmann. War zumindest das ein Fehler?

Künstlerisch war nichts gegen Hartmann zu sagen. Zweitens: Ich habe einen Direktor engagiert – und keinen Regisseur. Das wusste Hartmann. Dass er dann nur mehr inszeniert hat, war nicht absehbar. Leider hat ihm niemand Einhalt geboten. Und natürlich ist es ein Skandal, dass bei den Budgetüberschreitungen alle Kontrollmechanismen versagt haben.

Anfang 2007, nach dem Ende der schwarz-blauen Regierung, gingen Sie nicht zurück ans Burgtheater.

Ich hatte zwar ein Rückkehrrecht, aber ich wollte mir nicht zumuten, zum Direktor zu gehen und sagen: „Was darf ich aufsagen?“ Deshalb bin ich zum erstmöglichen Zeitpunkt in Pension gegangen – mit knapp 63 Jahren.

Es hat Sie nie mehr gereizt, Theater zu spielen?

Ich habe die Gabe, etwas abzuhaken, wenn es abzuhaken ist. Nach der letzten Vorstellung eines Stückes bin ich gegangen – und wenn ich beim Inspizienten vorbeikam, hatte ich den Text schon vergessen. Genauso war es mit der Politik. Und es gibt nichts, was mich dazu verführen könnte, wieder Theater zu spielen. Es ist vorbei.

Außer mit der Musik. Am 23. Oktober werden Sie bei der CD-Präsentation auch singen. Haben Sie keine Angst vor Häme?

Ich habe kürzlich Donovan im Fernsehen gesehen. Da sagte ich zu meiner Frau: „Findest Du es eine gute Idee, dass ich noch einmal auf die Bühne geh?“ Ehefrauen sind die schärfsten Kritiker, sie kennen einen am besten. Sie meinte: Es geht sich noch aus.