Kultur
04.08.2017

"Fotomuseum – das ist wieder nur ein Schlagwort"

Auch mit 75 Jahren ist Edelbert Köb aufmüpfig: Er kritisiert die Kulturpolitik und den "Essl-Deal". Die Idee, ein Fotomuseum zu gründen, ist für ihn "unüberlegte Ankündigungspolitik".

Vor knapp einem Jahr wurde Edelbert Köb von Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) beauftragt, sich über eine Reform der Bundesmuseen Gedanken zu machen. Nicht ohne Grund: Der Vorarlberger, 1942 geboren, kennt den Betrieb wie kaum ein Zweiter. Köb lehrte ab 1974 an der Akademie der bildenden Künste in Wien, daneben war er von 1982 bis 1991 Präsident der Secession und von 1990 bis 2000 Leiter des Kunsthauses Bregenz. Als Direktor des Museums Moderner Kunst in Wien (Mumok) von 2001 bis 2010 präsentierte er eine Vielzahl heimischer Künstler, darunter Maria Lassnig, Brigitte Kowanz, Heimo Zobernig, Erwin Wurm und Peter Kogler.

KURIER: Im Weißbuch zur Reform der Bundesmuseen, Ende April präsentiert, hat eine von Ihnen geleitete Expertengruppe zahlreiche Maßnahmen vorgeschlagen. Was passiert nun?

Edelbert Köb: Es wird wohl vorläufig in der Schublade verschwinden, denn es ist nicht anzunehmen, dass sich die Regierung angesichts des Wahlkampfs und drängenderer Probleme einer Kulturfrage zuwenden wird.

Dann erleiden die Vorschläge ein ähnliches Schicksal wie jene, die 2007 unter der damaligen SPÖ-Kulturministerin Claudia Schmied erarbeitet wurden?

Mit einem großen Unterschied: Das Papier von Sabine Breitwieser, Dieter Bogner und Martin Fritz blieb unter Verschluss; unser Papier hingegen wurde veröffentlicht. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich glaube, dass das Thema sehr bald wieder aufgegriffen werden muss. Weil die Zustände unhaltbar sind und die nächste Museumsdiskussion unvermeidbar ist.

Einer Ihrer Kritikpunkte ist, dass es bei den Ausstellungen zu viel vom Gleichen gibt.

Ja. Der Sammlungsbestand unserer Kunstmuseen reicht von der Antike bis zur Gegenwart. Jedes Museum hatte ursprünglich seine genau definierten Aufgaben. Hatte! Heute spielen viele vieles, am liebsten auch noch Gegenwartskunstmuseum. Das ist das Grundproblem. Das sehe nicht nur ich so, sondern eine Mehrheit der Experten, die sich aber kaum öffentlich zu Wort melden – sind sie doch mehrheitlich im subventionierten Kulturbereich tätig. Und die Politik bestraft Widerständigkeit sofort mit karriereschädigendem Liebesentzug.

Ihr Lösungsvorschlag?

Wir haben eine reiche, ja imperiale Museumslandschaft geerbt, was wir nicht haben – auch nicht im republikanischen Format – ist eine Tate Modern, ein Centre Pompidou. Wir brauchen aber ein entsprechendes, starkes, zukunftsgerichtetes Museum – statt viele Museen, die additiv auch noch Zeitgenössisches machen. Stärken wir also unser Museum für Moderne und Gegenwartskunst derart, dass die anderen Museen diesbezüglich schlicht in die Schranken gewiesen werden. Ich habe in meiner Amtszeit im Mumok permanent auf eine räumliche Erweiterung insistiert, weil mir klar war, dass das Museum mit den derzeitigen Ressourcen seinen Auftrag nicht erfüllen kann.

Ihre Nachfolgerin Karola Kraus erklärte in ihrer Antrittspressekonferenz, mit dem Platz ihr Auslangen zu finden. Ein Fehler?

Dazu will ich mich nicht äußern. Ich kann nur sagen: Ich schlug vor, das gesamte MuseumsQuartier zum starken Museum moderner Kunst zu machen. Haben wir doch im Leopold Museum die österreichische Moderne in erster Qualität. Diese sollte mit der internationalen klassischen Moderne aus dem Mumok zusammengeführt werden. Und wenn noch die Kunsthalle Wien übersiedeln würde, gäbe es genügend Platz für die Kunst der Gegenwart, sogar Perspektiven für die Zukunft. Direktor Nicolaus Schafhausen hätte, wie ich gelesen habe, nichts gegen einen anderen Standort. Und von der Architektur her gibt es bereits Pläne für die direkte Anbindung.

Was ärgert Sie noch?

Nur ein Punkt unter vielen: Es kann doch nicht sein, dass Museen Kunst außerhalb ihrer Kernsammlungen erwerben und leihen, für die laut Museumsordnung Rücksprache mit den dafür explizit zuständigen Museen vorgeschrieben ist – um Doppelgleisigkeiten zu verhindern. Wieso haben die Kuratorien eine solche Missachtung der Regeln nicht bemerkt oder gar zugelassen? Wo krankt es da? Wohl schon bei der Struktur der Aufsichtsorgane. Kuratorien werden politisch besetzt und sind oft inhaltlich überfordert. Drei von ihnen sind Beamte – und trotzdem behaupten Politiker, nichts über die Vorgänge im Museum zu wissen. Wie kann das sein? Die Expertengruppe hat daher echte und verantwortliche Aufsichtsräte an Stelle von Quasi-Freunde-Vereinen gefordert.

Peter Coeln, Gründer zweier Fotogalerien, hat vorgeschlagen, dem Bund seine Fotosammlung zu überlassen, wenn dieser ein eigenes Museum für Fotografie errichtet. Kanzler Christian Kern hat daher Drozda gebeten, ein Konzept erstellen zu lassen. Ist ein Fotomuseum in der heutigen Zeit überhaupt sinnvoll?

Ich hoffe, dass nicht zu viele Spitzenpolitiker Bitten an den Kulturminister haben. " Fotomuseum" – das ist wieder nur ein Schlagwort, das ist unüberlegte Ankündigungspolitik in Vorwahlzeiten. Die Expertenkommission hat gesagt: Bevor nicht ein nachhaltiger Gesamtentwicklungsplan für die Bundesmuseen vorliegt, soll es keine weiteren unkoordinierten Einzelentscheidungen geben – wie etwa, dass die Restbestände der Sammlung Essl für 27 Jahre als Leihgabe in die Albertina kommen. Was ist denn die "Sammlung Österreich" überhaupt, die Grundlage eines Fotomuseum sein soll? Man weiß ja nicht einmal über die Fotosammlung des Bundes wirklich Bescheid. Ebenso wenig über die Sammlungen im Belvedere, im Mumok, in der Albertina, im Weltmuseum und im Theatermuseum.

Nicht zu vergessen das Bildarchiv der Nationalbibliothek!

Wenn wir nachdenken, kommen wir noch auf viel mehr. Bevor man die nicht erfasst und bewertet hat, sollte man keine Entscheidung treffen. Geben wir der Wissenschaft dafür zwei Jahre Zeit. Das Gleiche gälte auch für ein zur Diskussion stehendes Architekturmuseum. Bei der bereits erreichten Dimension des inhaltlichen Schlamassels ist sicher nicht Eile, sondern Umsicht geboten ist.

Bei vielen Künstlern sind Fotografie und Malerei untrennbar verbunden, etwa bei Übermalungen von Arnulf Rainer. Kann man bei den Aktionisten die Fotos von den Relikten trennen? Und wie verhält es sich bei den Siebdrucken von Andy Warhol?

Das sind gute Beispiele zeitgenössischer Symbiosen von Foto und Malerei in der Kunst. Seit den 1960er-Jahren sind Fotografie wie Video und Film gleichwertige und völlig integrierte Medien einer immer mehr multimedial werdenden Kunst. Wissen die Betreiber wenigstens das? Offensichtlich gibt es nur einen Wunsch und keine Vorstellung.

Möglich wäre also nur ein Museum, das sich historisch mit Fotografie beschäftigt?

Ein spezialisiertes Fotomuseum – welcher Art auch immer – könnte durchaus auch Teilergebnis eines Masterplans sein. Eine Kooperation mit Coeln, der eine großartige Sammlung aufgebaut hat, stünde dann selbstverständlich zur Diskussion.

Sollte ein solches Fotomuseum der Einfachheit halber der Albertina zugeschlagen werden?

Man könnte theoretisch die historischen Teile der Bundessammlungen und die Sammlung Coeln – also bis zu den 1960er-Jahren – zu den Beständen der Albertina geben. Mittlerweile kann man diesem "Universalmuseum" ohnehin alles zuschlagen. Aber Direktor Klaus Albrecht Schröder hat sich erwartungsgemäß schon gegen ein Fotomuseum ausgesprochen, hält er doch nicht nur eine grafische Sammlung, sondern Spartenmuseen überhaupt für obsolet.

Schröder wird die Sammlung Essl im Künstlerhaus zeigen. Kann ein Museum der österreichischen Kunst funktionieren?

Wir haben schon eines, das Belvedere. Ich selbst bezweifle es ab der Moderne. Das ist eine Idee des 19. Jahrhunderts. Die Franzosen haben schon vor einem Jahrhundert festgestellt, dass Moderne international ist. Daher endet das französische Nationalmuseum Musée d’Orsay mit Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist auch ganz klar: Kein ambitionierter Künstler möchte ein "französischer" oder "österreichischer Künstler" sein, sondern er ist ein Künstler, der eben da oder dort geboren wurde.

Das spräche gegen die Konzeption von Schröder, der meint, dass man in Wien die Werke der meisten heimischen Künstler nicht sehen kann.

Es stimmt, die heimische Kunst braucht mehr Präsentationsmöglichkeiten. Anfangs dachte ich, dass das Künstlerhaus eine Pensionsbeschäftigung für Schröder sein wird, dessen Vertrag Ende 2019 ausläuft. Und ich habe das Projekt begrüßt. Denn ich habe sehr bedauert, dass es das Essl Museum in Klosterneuburg nicht mehr gibt. Dort hatte die österreichische Kunst repräsentative Auftritte – nicht isoliert, sondern international kontextualisiert. Ich bin also froh, dass die Restsammlung Öffentlichkeit haben wird. Und Schröder wird für gewichtige Ausstellungen sorgen. Aber die Verquickung mit der Albertina und Vertragsdetails halte ich für absurd. Und ein starkes Museum für Gegenwartskunst ist leider wieder weiter weg gerückt.