© ©Alec Soth / Magnum Photos/Alec Soth/Magnum Photos

KunstHausWien
03/02/2020

Fotokünstler Alec Soth: Am Ort, an dem die Sehnsucht kippt

Der US-Fotograf balanciert gekonnt auf dem Grat zwischen Amerikas Abgründen und Mythen

von Michael Huber

„Wenn Sie 1996 eine Schwarz-Weiß-Filmrolle in einer Drogerie im nördlichen mittleren Westen abgegeben haben, stehen die Chancen sehr hoch, dass ich sie entwickelt habe“, schreibt Alec Soth im Begleittext zu seinem Frühwerk „Looking for Love“.

26 Jahre war der heute von wichtigen Galerien, Verlagen sowie der Agentur „Magnum“ vertretene Künstler damals alt, sein Geld verdiente er in einem Fotolabor. Nach und nach schmuggelte er eigene Filmrollen in die Dunkelkammer – Schnappschüsse von Liebespaaren, kiffenden Jugendlichen, verkrachten Existenzen.

Kamera und der Blues

Es ist die Keimzelle eines faszinierenden Werks, das nun im KunstHausWien bis 16. August ausgebreitet ist: Die Isolation in den ländlichen Gegenden der USA , die Kultursnobs an den Küsten als „Flyover Country“ („Land zum Drüberfliegen“) bezeichnen, kommt darin ebenso zum Ausdruck wie die seltsame, stille Schönheit dieser Regionen. Die Eigenheiten ihrer Bewohner – von intensiver Frömmigkeit bis zum Waffennarrentum und der Offenheit für verschwörungstheoretische Ideen – finden Widerhall in Soths Bildern, und doch begegnet der Fotograf seinen Sujets stets mit Respekt.Soth, der bis heute in Minnesota lebt, ist bewusst, dass er an eine lange Tradition amerikanischer Fotografie anschließt: Das Groteske gab es schon bei Arthur Fellig alias „Weegee“ oder bei Diane Arbus, die Alltagsdetails bei William Eggleston, die weiten Landschaften bei Stephen Shore.

Soths erstes breit rezipiertes Projekt „Sleeping by The Mississippi“ (2004), für das der Künstler dem Lauf des großen Flusses folgte, wurde oft mit Robert Franks Werk „The Americans“ (1958) verglichen: Beides ist eine Reise durch das abseitige Amerika, da wie dort strukturieren wiederkehrende, symbolträchtige Motive den Fluss der Bilder. Waren es bei Frank Jukeboxen, Autos oder Särge, sind es bei Soth Kreuze, Flugzeuge und Betten: Die Schlafgelegenheit vergleicht der Fotograf mit dem Floß, das Huckleberry Finn in Mark Twains Klassiker für seine Mississippi-Reise nutzt.

Wir befinden uns also mitten im amerikanischen Mythen- und Traumreservoir, das seit jeher nicht nur von Film, Literatur und Populärmusik, sondern auch von der Fotografie befüllt wurde. Dem Forschergeist, dem Aufbruch ins Unbekannte, dem Ausbruch aus dem Korsett sozialer Beschränkungen steht dabei aber unweigerlich das Erwachen in einer oft trostlosen Realität gegenüber.

Ambivalente Aussteiger

In Soths Bildserien erscheinen diese Licht- und Schattenseiten auf famose Art ausbalanciert. So widmete der Fotograf den Zyklus „Broken Manual“ (2010) dem Aussteigertum: Er ersann unter Pseudonym das Ratgeberbuch „How to Disappear in America“ („Wie man in Amerika verschwindet“) und suchte Menschen auf, die sich aus der US-Zivilisation zurückgezogen hatten. Soth sympathisiert mit seinen Sujets – doch der junge Mann, der in einem Bild nackt posiert wie Adam im Paradies, hat auch ein Hakenkreuz am Arm tätowiert. In einem Film, der in der Schau läuft, gibt er abstruse rassistische Statements von sich– die Idylle kippt.

Die Ästhetik privater Schnappschüsse, die Soth einst in seinem Laborjob zu sehen bekam und die er auch heute noch sammelt, sickert häufig in seine Werke durch. In die Serie „Niagara“ (2006) integrierte Soth sogar Liebesbriefe, die ihm zur Verfügung gestellt wurden.

Der Vorwurf des Voyeurismus geht bei Soth dennoch ins Leere – sein Bemühen, auf eine tiefere Ebene vorzudringen, bleibt stets spürbar.

Das Werk zielt dabei auf das Format von Büchern und Ausstellungen, in denen jedes Bild in einem größeren Kontext erscheint. Da seine Karriere zeitlich genau mit der Entwicklung des Internets zusammenfiel, habe er aber die Idee verinnerlicht, dass sich seine Fotos in verschiedenen Zusammenhängen bewähren müssen, sagt Soth. „In der Musik gibt es auch die Gratis-Songs im Netz und im Radio – aber es gibt auch das Album, das man besitzt und zu dem man über einen längeren Zeitraum eine Beziehung aufbaut“, erklärt er. „Eine Ausstellung ist so gesehen dasselbe wie ein Live-Konzert – etwas, das man nicht verstehen kann, wenn man nur auf einen Bildschirm schaut.“

INFO

Die Schau „Alec  Soth – Photography Is A Language“ ist bis zum  16. August 2020 im KunstHaus Wien zu sehen. Soths Werkserien sind als  Fotobücher erschienen, von denen einige jedoch  vergriffen sind.  Das jüngste Werk heißt „I Know How Furiously Your Heart Is Beating“ (2019)

Artverwandt zu Soths Werk scheint auch das Projekt „The Drake Equation“: Es führte  Paul Kranzler und Andrew Phelps  nach West Virginia. Auszüge sind  derzeit in der „Sternenpassage“ des MQ Wien ausgestellt. Demnächst widmet auch die Albertina  ihre Sommer-Fotoschau der „American Photography“ (ab 10. Juni 2020)

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