© Alejandro Espadero

Jesús Carrasco
06/15/2013

Flucht vor dem Polizisten, der wie verkohlter Ginster redet

Der in Spanien hochgelobte Roman „Die Flucht“ ist leider gar nicht ehrlich zu uns.

von Peter Pisa

So einfach geht das. Geht denn das wirklich so einfach?

Man nehme eine Endzeit-Landschaft. Verbrannte Erde. Verdorrte Wiesen. Es sieht nach ... Leder aus. Exkremente stinken ... pergamentartig. Die knorrigen Olivenbäume erinnern an eine ... unverwüstliche hölzerne Heerschar.

Man nehme ein Kind, vielleicht zwölf, 13 Jahre alt. Es ist nichts Genaues zu erfahren. Nur das Hier und Jetzt soll uns beschäftigen.

Einen namenlosen Buben, der unter dem ... seidenen Halbmond durch die Welt irrt und weint. Seine Fersen glühen, ... als stiegen Flammen vom Boden auf. Er ist aus seinem Dorf geflüchtet.

Nie wird es ausgesprochen, aber es ist trotzdem deutlich genug: Jahrelang wurde er vom Polizeiwachtmeister missbraucht, mit Wissen des Vaters.

Und der Polizeiwachtmeister sucht ihn jetzt, jagt ihn auf seinem Motorrad zwischen der hölzernen Heerschar der Olivenbäume. Übrigens hat der Kerl mit dem Schnurrbart eine Stimme wie verkohlter Ginster.

Und der Bub findet einen gebrechlichen, alten Ziegenhirten, der ihm hilft, mit schwitzendem Käse und warmem Wasser und mit dem Schießgewehr.

Scharf und zart

In Spanien wurde „Die Flucht“, der schriftstellerische Start von Jesús Carrasco, mit Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ verglichen.

Ein „langes und bewegendes Gedicht“ sei der Roman. Ein „moderner Klassiker“ – „mal scharf wie ein Messer, mal zart wie Balsam.“

Er wirkt also.

Allein darauf ist er ausgerichtet, wie ein „billiger“ Thriller mit enthäuteten Leichen. Das geht ja völlig in Ordnung. Nur ist „Die Flucht“ leider nicht ehrlich, sondern tut so, als würde es sich um viel mehr als Unterhaltung handeln.

Was aber – ja ja, das sollte man glauben – schwer gelingen kann, wenn Carrasco (Zitat) die Ebene ihr Leid abschütteln lässt, das ihr die Sonne zugefügt hat; die verkohlte Ginster-Stimme und einiges andere hatten wir ja schon.

Was will uns der Autor sagen? Will er etwas sagen (oder nur ausprobieren, wie man schreiben muss)?

Dass es ziemlich kalt sein kann, auch wenn die Sonne brennt? Dass es trotzdem irgendwo immer jemanden geben wird, der zu dir steht?

Der alte Hirte wünscht sich ein Kreuz auf seinem Grab, für den Fall der Fälle. Notfalls aus Steinchen. Aber bitte unbedingt ein Kreuz.

Das passt zu der Szene in einer Ruine, wo Schatten gesucht wird und Gras für die Ziegen: Auf den verfallenen Steinen steht eine Jesus-Figur – und „sie segnet die Ebene mit zwei zusammengelegten Fingern.“

Na, dann wird es wahrscheinlich sogar regnen am Schluss.

KURIER-Wertung: *** von *****

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