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Kultur
02/27/2020

Filmkritiken der Woche: Ausgebeutete, Gentlemen und Ehetyrannen

Der britische Regisseur Ken Loach gibt Einblick in die trostlose Arbeitswelt von Paketzustellern - und die weiteren Filmstarts (Von Susanne Lintl).

"Sorry We Missed You": Der ausgebeutete Mensch

Zeit ist Geld. Sie ist so knapp, dass Ricky nicht einmal Zeit für eine Pinkelpause bleibt. Unter dem Sitz seines Vans hat er stets eine leere Plastikflasche gebunkert. Man weiß ja nie: Ein Stau und schon ist die ganze Tagesplanung – und damit auch die verdiente Pause – im Eimer.

Selten war Ken Loach, der britische Linkshumanist und Meistererzähler vom unteren Ende des sozialen Spektrums, so voller Wut und Resignation wie in diesem Film über den Paketzusteller Ricky Turner. Mit seinen 83 Jahren ist Loach wohl zum Schluss gekommen, dass der Kapitalismus endgültig gesiegt hat, Dass er alles Gütige und Menschliche im Arbeitsleben ausradiert. Dass letztlich nur mehr eines zählt: der Profit.

Ricky Turner ist ein Familienvater, der nicht gerade vom Glück verwöhnt ist. Bei der Finanzkrise 2008 ging seine Hausbank pleite, das Geld für das eigene Häuschen war futsch. Übrig blieben Schulden, die Ricky und seine Frau, eine Altenpflegerin, nun abarbeiten müssen. In seiner Not lässt er sich darauf ein, Paketzusteller für einen großen Konzern zu werden. Alles läuft auf eigene Rechnung: der Van, den er kaufen muss, die Versicherung, allfällige Reparaturen. Immer mehr Pakete muss er Tag für Tag ausliefern – wie, das ist seine Sache. Wie ein gehetztes Tier jagt er von Adresse zu Adresse und muss sich mitunter noch beschimpfen lassen, wenn er verspätet liefert.

Eines Tages wird er von Halbstarken bei seinem Transporter beraubt und zusammengeschlagen. Im Spital eröffnet ihm sein Chef, dass er den zerstören Scanner im Wert von 1.000 Pfund aus eigener Tasche zahlen muss. Also fährt er trotz seiner Verletzungen am nächsten Tag wieder seine Tour.

Es ist Loachs wahrhafter Sozialrealismus, der noch lange nach dem Kinobesuch nachwirkt. Seine Kunst, auch in alle Härte und Trostlosigkeit noch fröhliche Momente einzubauen – wenn Ricky mit seiner Familie zusammen ist. Sie ist sein Rückhalt.

Jedenfalls schwört man sich eines: Nie wieder zu meckern, wenn an der Haustür ein Zettel mit „Wir haben Sie leider nicht angetroffen“ steckt. Der Bote hatte wirklich keine Zeit zu verlieren.

"The Gentlemen": Nicht gerade  die feine englische Art, aber saucool

Alles ist ja Psychologie, angeblich. Und da verwundert es nicht, dass Guy Ritchie, diese coole britische Socke,  ein tief verankertes Faible für das Gangstermilieu, für großkalibrige Waffen und deren schusswütige Benutzer hat. Wahrscheinlich ereilen einen irgendwann solche rabiaten Fantasien, wenn man etliche Jahre mit einer Nervensäge wie Madonna zusammen gelebt hat. Jedenfalls ist das – im Rückblick gesehen – ein äußerst positiver Ausfluss dieser und vielleicht noch weiterer schwieriger Partnerschaften. 

Wie dem auch sei: „The Gentlemen“ ist kurzweiliges, bluttriefendes, durchgestyltes und durchgeknalltes Unterhaltungskino.

Der knallharte Amerikaner Mickey Pearson (zum Anbeißen: Matthew McConaughey) hat sich in London ein höchst profitables Drogenimperium aufgebaut. Als sich herumspricht, dass er sich langsam aus dem Geschäft zurückziehen möchte, ruft das die – nicht gerade zimperliche –  Konkurrenz auf den Plan.  Jeder möchte sich seinen Anteil sichern, jeder will den anderen ausbooten.

Wenn’s sein muss, auch mit gewaltsamen Mitteln. Der folgende Shoot-Storm kann sich sehen lassen.

Regisseur Guy Ritchie hat ein großartiges Gespür für den richtigen Cast: Da schenken sich Matthew McConaughey als Ober-Boss, der stinkreiche Snob Matthew Berger (Jeremy Strong mit Streberbrille und Eisblick), der Triaden-Boss Lord George (Tom Wu), Colin Farrell als Gangleader in Jogginghose und Hugh Grant als schmieriger Privatschnüffler mit Bart und  unbestreitbaren  finanziellen Eigeninteressen absolut nichts. Großartig auch  Charlie Hunnam als Mickys rechte Hand und verlässlicher Ausputzer, der selbst beim brutalsten Rachefeldzug das Maßsakko nicht ablegt.

Ach ja: Michelle Dockery als scharfe Gattin des Oberbosses Mickey nicht zu vergessen. Sie weiß nicht nur virtuos mit den Waffen einer Frau, sondern auch mit echten Knarren umzugehen.

Die Gentlemen lassen bitten und wir folgen der Einladung: So oft trifft man schließlich nicht auf Kino, das solchen Spaß macht.

„Der Unsichtbare“: Ehetyrann im Tarnanzug

Eine Warnung vorweg: Frauen, die unter einem gewalttätigen Partner leiden, sollten sich das besser nicht anschauen. Denn schon als umsorgte, nie geschlagene oder misshandelte Frau kriecht einem bei diesem irren Psycho-Horrortrip die Angst in die Knochen. Lockert sich die Verkrampfung zwei Stunden lang nicht. Zu ernst ist das Thema, zu real der (Beziehungs-)Horror.

Cecilia Kass (Elisabeth Moss) will nur weg aus der Beziehung mit dem hoch intelligenten, aber latent gewalttätigen und kontrollsüchtigen Adrian. Ihre akribisch geplante Flucht  aus dem Haus in der Nacht gelingt. Sie findet Zuflucht bei ihrem Jugendfreund James, einem freundlichen Cop, und dessen Tochter. Doch auch in dieser friedvollen Umgebung findet Cecilia keine Ruhe: Sie hat das Gefühl, nicht alleine im Haus zu sein. Adrian ist ständig in ihrem Kopf – und nicht nur dort. Sein Tod war, wie sie bald leidvoll erfährt, nur vorgetäuscht.

Leigh Wannell liefert mit seiner modernen Kinoadaption des gleichnamigen Romans von H. G. Wells („The Invisible Man“) einen packenden Psycho-Horrorthriller, der mit Elisabeth Moss eine großartige Protagonistin hat. Schrecklich  gut.

"Just Mercy": Der Unrechtsbekämpfer

Wer an der Harvard Law School studiert, hat normalerweise eine lukrative Karriere vor sich: als Anwalt mit eigener Kanzlei und hohem Stundensatz. Nicht so Bryan Stevenson (Michael B. Jordan, li.). Der Afroamerikaner sieht seine Berufung in der Verteidigung zum Tode verurteilter Schwarzer, für die sonst keiner ein Mandat übernimmt.

Stevenson knöpft sich den Fall des aufgrund dubioser Beweise verurteilten  Mörders Walter McMillan vor. Setzt alle Hebel in Bewegung, um den Fall neu aufzurollen und erntet  den Lohn für seine Hartnäckigkeit.

Das Gefühl, dass der Film nicht in den frühen Achtzigerjahren angesiedelt ist, sondern sehr heutig ist, lässt einen nicht los. Denn bis heute sitzen deutlich mehr Schwarze  in US-Todestrakten als Weiße. Ändern wird der Film daran nichts.

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