Madison Curry als junge Adelaide im meist erwarteten Horrorfilm des Frühjahrs: „Wir“

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Kultur
03/21/2019

Filmkritik zu Jordan Peeles "Wir": Tödlicher Zwilling

Eine afroamerikanische Familie macht Strandurlaub und trifft auf tödliche Doppelgänger.

von Alexandra Seibel

Horrorfilme beginnen meist bei Schönwetter. Strahlende Sonne, weißer Sand, blaues Meer. Mama, Papa und zwei Kinder aalen sich im Ferienglück. Dass der Sohn der Familie ein T-Shirt trägt, auf dem „Der weiße Hai“ zu sehen ist, muss nicht unbedingt etwas bedeuten.

Kann es aber.

Wer den „Weißen Hai“ kennt, weiß, dass auch er friedlich am Ferienstrand beginnt und im Blutbad endet. Zudem gehört Spielbergs „Jaws“ zu den Lieblingshorrorfilmen von Jordan Peele, dem Regisseur von „Wir“.

Überhaupt Jordan Peele. Seit er mit seinem Horrorfilmdebüt „Get Out“ einen Boxoffice-Hit über Rassismus in Amerika landete, ist der afroamerikanische Comedian der Mann der Stunde.

Für „Wir“ lag die Latte der Erwartung hoch, doch Peele blieb unbeeindruckt. Lässig legt er nach, stellte eine gut situierte, afroamerikanische Familie in den Mittelpunkt seiner Geschichte und entfesselte ein Horrorszenario, das auch vor der gehobenen weißen Mittelschicht nicht haltmacht.

Die Mutter der Familie, Adelaide Wilson, spürt das drohende Unheil als erstes. Für sie ist der arglose Trip an den Strand einer kalifornischen Küstenstadt eine Rückkehr zu einem Kindheitstrauma. Als kleines Mädchen ging sie dort auf einem Rummelplatz verloren und verschwand in einem sinistren Spiegelkabinett. Niemand weiß, was dort mit ihr geschah – und nach ihrer Rückkehr blieb das Kind stumm. Noch als erwachsene Frau versucht Adelaide, diesen Ort zu meiden, nur aufgrund des Drängens von ihrem Ehemann stimmt sie schließlich dem Strandausflug zu.

Lupita Nyong’o, Star aus „Black Panther“, ist eine Offenbarung als besorgte Familienmutter und Ehefrau. In ihren geweiteten Augen fangen sich Vorahnung und schreckliche Gewissheit gleichermaßen. Und das, obwohl eigentlich noch gar nichts Besonderes passiert ist.

Gekonnt versetzt Nyong’o ihren gesamten Körper in Spannung und zieht durch ihre Unruhe die Erzählfäden an sich. Die Sorge um die Kinder und die Angst vor kommendem Unheil verdichtet sie zum innerlichen Dauerstress. Kaum gerät ihr Sohn am Strand kurz aus dem Blickfeld, setzt sie zum Sprint an, um ihn zu suchen. Ihre Handbewegungen wirken gequält, ihr Blick in dumpfer Erwartung getrübt.

Zurück vom Strand im Ferienhaus, versucht sie, ihren Mann zur Abreise zu bewegen. Doch zu spät.

„Da steht eine Familie in der Einfahrt“, sagt der kleine Sohn plötzlich. Vier düstere Gestalten, gekleidet in roten Overalls, bewaffnet mit goldenen Scheren, nähern sich dem Haus. Bei genauerem Hinsehen wird der Familie grausam klar: Die Eindringlinge sehen aus wie „Wir“.

Hasenohren

Jordan Peele verfeinert seinen anspruchsvollen Horror-Mix mit dem klassischen Motiv des Doppelgängers und verwebt dessen Symbolkraft in den Bildteppich seiner komplexen Handlung. Schon wenn die Wilsons erstmals über den Strand marschieren, erheben sich drohend ihre Schatten im Sand.

Der doppelte Griff der tödlichen Scheren, das Ohrenpaar unzähliger, geklonter Hasen in unterirdischen Gängen, der Anblick des eigenen, tödlichen Zwillings im zerbrochenen Spiegel konzentrieren die Spannung in Peeles ausgefeilten Bildern.Gleichzeitig beschwört er ein Universum an popkulturellen Referenzen – von Hanekes „Funny Games“ über Kubricks „The Shining“ bis hin zu „Alice im Wunderland“ – ohne dabei seine Erzählkraft zu schwächen. Auch, wenn in der zweiten Erzählhälfte die Schockmomente abflauen, erzeugt Peele durchgehend Irritationen.

Es bedarf nur leichter Verschiebungen, um das Heimliche ins Unheimliche zu kippen und in dem Anblick vertrauter Gesichter die Grimasse zu erkennen. Die Hölle, das sind bei Peele nicht die anderen, sondern die Hölle sind wir.

INFO: USA 2019. 116 Min. Von Jordan Peele. Mit Lupita Nyong’o, Winston Duke, Elisabeth Moss.