Kais Nashif (li.) lässt sich von einem israelischen Militär (Yaniv Biton)  inspirieren 

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Kultur
07/18/2019

Nahost-Konflikt als Seifenoper - und die anderen Filmkritiken der Woche

Ein Palästinenser schreibt eine TV-Serie – mithilfe eines israelischen Offiziers: "Tel Aviv on Fire" startet. Dazu: Luc Bessons "Anna" und Chucky, die Mörderpuppe.

von Alexandra Seibel

Keine einfache Angelegenheit, eine treffliche Komödie über den Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu inszenieren. Doch gerade dieses explosive Stoffgemisch hat sich der palästinensische Filmemacher Sameh Zoabi mit viel Fingerspitzengefühl zugemutet.

Anstatt nur auf Reibungspunkte zu achten, die im schwierigen Zusammenleben zwischen Palästinensern und Israelis entstehen, setzt Zoabi auf eine andere Komödien-Idee: Die gemeinsame Leidenschaft von Juden und Arabern für eine Seifenoper namens „Tel Aviv on Fire“.

Die TV-Serie „Tel Aviv on Fire“ spielt im Jahr 1967 kurz vor Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges, wird von Palästinensern in Ramallah produziert und macht klare, antizionistische Ansagen. Trotzdem hat sie nicht nur unter den Arabern ihre Fans. Auch die Israelis hängen vor der Glotze und zittern mit: Wird die palästinensische Spionin „Rachel“ den israelischen General Yehuda erfolgreich bezirzen können? Wird sie ihm militärische Geheimnisse entreißen? Wird aus dem inszenierten Flirt vielleicht tatsächlich wahre Liebe?

Jeden Tag wird eine neue Folge des schwülstigen Werkes produziert, emsig arbeiten die Drehbuchautoren an den Dialogen. Der palästinensische Praktikant Salam, der am liebsten Maulaffen feil hält, aber zufällig der Neffe des Produzenten ist, kann gut Hebräisch. Er soll darauf achten, dass die hebräischen Sätze echt klingen und von der französischen Hauptdarstellerin möglichst naturgetreu ausgesprochen werden.

Als er bei der Grenzkontrolle in Ramallah von einem israelischen Militäroffizier namens Assi schikaniert wird, gibt sich Salam als Autor der allseits beliebten TV-Serie aus. Und siehe da, auch Assi hat eine Frau zu Hause, die auf „Tel Aviv on Fire“ steht. Sofort wird ein Selfie mit dem vermeintlichen Autor gemacht. Und dann beginnt sich der Offizier darüber zu beschweren, dass der israelische General immer nur als fade Zehe hingestellt wird. Und macht gleich selbst romantische Änderungsvorschläge.

Schmunzler

Scharfe Satire, schneidender Witz und eine letztlich harte Sicht auf gesellschaftliche Realitäten durch die Brille des Humors ist Sameh Zoabis Sache nicht. Eher schon der milde Blick des schmunzelnden Betrachters, dem allerdings im Angesicht des politischen Machtgefälles immer wieder das Lächeln gefriert. Denn wenn Salam einmal eine Anweisung nicht befolgt, landet er schnell im Hochsicherheitsgefängnis.

Mit dem palästinensisch-deutschen Schauspieler Kais Nashif hat der Regisseur die ideale Besetzung für den leicht verschlafenen Salam gefunden, der ein wenig unbedarft durch sein eigenes Leben schlurft. Yaniv Biton bietet als eitler, israelischer Offizier den kongenial-gewitzten Partner. Denn als Salam tatsächlich zum Drehbuchschreiber der Serie promoviert, kommen ihm die Vorschläge des Israelis sehr entgegen. Während Assi begeistert palästinensischen Hummus schlabbert, notiert Salam fleißig dessen spontane Dialog-Ergüsse.

„Wird das palästinensische Fernsehen plötzlich koscher?“ beschweren sich prompt die TV-Kritiker, nachdem die Serie plötzlich ungeahnte, Israel-freundliche Wendungen nimmt.

Mal sehen, was das Publikum dazu sagt. Die nächste Staffel folgt bestimmt.

INFO: LUX/BEL/ISR/F 2018. 97 Min. Von Sameh Zoabi. Mit Kais Nashif, Lubna Azabal.

Filmkritik zu "Anna": „Ich arbeite für den KGB, Schätzchen“

Luc Besson ist ein Sklave seiner eigenen  Obsessionen. Sie heißen „Nikita“, Milla Jovovich, „Lucy“ oder „Anna“. Der französische Star-Regisseur liebt es, seine Hauptdarstellerinnen mit  sexueller Vollmacht und großer Kampfkraft auszustatten und sie dann durch den Durchlauferhitzer seiner visuell aufgepimpten Thriller-Maschinen laufen zu lassen.

Makelloser Oberflächenreiz ist alles bei Besson. Auch bei „Anna“ handelt es sich um ein gesichtsstarres,  russisches Model, das sich unter Bessons etwas erschlafften Regie-Händen   in eine emotionstote Killermaschine (mit Strapsen) verwandelt. Schauplatz für Bessons  Spionage-Thriller sind die letzten  Jahre des Kalten Krieges, wo  eine junge Frau im trübsinnigen Moskau von einem  Model-Scout entdeckt wird. Zu pulsierenden Club-Sounds macht sie   Mode-Karriere mit tödlichen Nebenjobs. Besson inszeniert seine endlosen Schießduelle routiniert, aber ermüdend, seine Sexszenen hektisch, als wären sie Ringkämpfe. Aber er  gönnt sich auch Extravaganzen wie Helen Mirren als Alt-KGB-Spionin mit einer fantastisch schrägen Brille.

INFO: F/USA 2019. 119 Min. Von Luc Besson. Mit Sasha Luss, Helen Mirren, Luke Evans, Cillilan Murphy.

Filmkritik zu "Edie - Für Träume ist es nie zu spät": Höhenmeter und Alterskluft

Ins Altersheim? Jetzt schon? Für Edie ist mit 83 Jahren  noch lange nicht Schluss!
 Wir lernen sie kurz vor dem Tod ihres Mannes kennen. Ein halbes Leben lang hat sie ihn gepflegt – plötzlich ist sie Witwe. Endlich frei. Aber ihre resolute Tochter Nancy will sie in einer Anstalt für Senioren versorgt wissen. Edie will nicht nur mit alten Menschen zusammenleben. Nach dem Motto: Alt bin ich selber, erinnert sie sich an das wilde Mädchen, dass sie vor ihrer Hochzeit war.  Und dieses Mädchen in ihr will hoch hinaus: Auf die Spitze des Suilven, der zu den markantesten Bergen der schottischen Highlands gehört und beinahe senkrecht aus einer wilden Moorlandschaft herausragt.

Für den geplanten Gipfelsturm engagiert Edie den jungen Fitness-Trainer Jonny. Die  Bergwanderung führt nicht nur zur Überwindung der Gebirgs-Höhenmeter, sondern auch zur Überbrückung der tiefen Alterskluft. Der Spagat zwischen den Generationen zeigt auf ebenso ernste wie humorvolle Weise, dass Alter und Jugend keine objektivierbaren Zustände sind. Immer wieder vermutet Edie hinter Jonnys höflichen Floskeln abschätzige Bemerkungen wegen ihres Alters. Die einsilbigen Verständigungen sind pointiert und eindringlich. Aber wie der dreißigjährige Trainer und die  83-jährige Bergsteigerin einander näher kommen,  fängt der Film weniger mit Dialogen als mit Großaufnahmen der Gesichter ein.

Die Antwort auf die Frage, ob daraus eine dauerhafte Freundschaft entsteht, überlässt der Film den Zuschauern. Gedreht wurde übrigens am Originalschauplatz. Und die 86-jährige Hauptdarstellerin Sheila Hancock hat den Berg tatsächlich bestiegen.

Ein Film, der den Mut zum Alter fördert. Leider ist er ein wenig betulich und durchschaubar erzählt.

Text: Gabriele Flossmann
 

INFO: GB 2017. 102 Min. Von Simon Hunter. Mit Sheila Hancock.

 

Filmkritik zu "Child's Play": Eine Puppe erfüllt tödliche Wünsche

Chucky, die Mörderpuppe, treibt wieder einmal ihr Unwesen. In diesem Remake ist die Killerpuppe mit den neuesten technischen Kräften ausgestattet.

Die Story dreht sich um  den kleinen Andy und seine alleinerziehende Mutter Karen, die ihrem Sohn die Puppe „Buddi“ mitbringt. Was sie nicht weiß: Ein  Fabrikarbeiter hat die  Puppe  so umprogrammiert, dass sie  wörtlich nimmt, was sich ihr Besitzer wünscht.  Und Andy wünscht sich, dass der neue Freund seiner Mutter verschwindet.

Der darauffolgende Horror  ist angereichert mit satirischen Elementen und richtig fiesen, blutigen Splatter-Szenen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: F/CAN/USA 2019. 90 Min. Von Lars Klevberg. Mit Aubrey Plaza, Mark Hamill, Bryan T. Henry.

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