Kultur
14.04.2017

Filmkomponist Howard Shore: Magischer Klang für magische Welten

Der Oscar-Preisträger bringt sein wichtigstes Werk "Der Herr der Ringe" auf die Bühne.

Filmfans kennt ihn gut – oft ohne es zu wissen: Komponist Howard Shore hat für 80 Hollywood-Streifen die Musik geschrieben, darunter für Kassenschlager wie "Mrs. Doubtfire", "Philadelphia", "The Departed" und "Naked Lunch". Jetzt bringt der 70-Jährige sein vielleicht wichtigstes Werk live auf die Bühne: Am 22. April wird in der Wiener Stadthalle der Film "Der Herr der Ringe: Die Gefährten" auf einer Riesenleinwand gezeigt, während ein 100-köpfiges Orchester und zwei Chöre dazu live Shores Musik spielen. Im KURIER-Interview erzählt er, wie aufwendig und wie lohnend es war, die Fantasie-Welt von J. R. R. Tolkien zu vertonen.

KURIER: Sie sagen, die Filmmusik für "Der Herr der Ringe" zu schreiben, war eine beängstigende Aufgabe. Woran lag das?

Howard Shore: Das Werk ist eines der beliebtesten des 20. Jahrhunderts. Also hatten wir eine große Verantwortung, das korrekt zu machen – so dass Leute, die das Buch geliebt haben, auch mit dem Film ihre Erwartungen erfüllt bekommen. Außerdem ist es eine höchst komplexe Story. Ich habe fast vier Jahre an der Musik für alle drei Filme gearbeitet.

Haben Sie selbst die Bücher auch geliebt?

Ich habe sie in den 60er-Jahren in Bussen oder Zügen gelesen, als ich als Saxofonist der Jazz-Band Lighthouse auf Tour war. Dann habe ich sie weggelegt und nicht mehr daran gedacht, bis mich 2000 Regisseur Peter Jackson anrief und fragte, ob ich Lust hätte, nach Neuseeland zu kommen und mir anzusehen, was sie machen. Dort habe ich erste Teile des Films gesehen und wollte natürlich sofort mitmachen. Das war ja großartige Arbeit.

Sie haben für die Musik für "Der Herr der Ringe" die Technik von Leitmotiven für Personen, aber auch für Dinge wie den Ring verwendet. War Wagner dafür die Inspiration?

Wagner hat großartig gezeigt, wie man musikalische Motive nützen kann, um Charaktere, Plätze, Dinge und Kulturen zu identifizieren. Aber in dem Film haben wir das hauptsächlich gemacht, um Klarheit zu schaffen. Denn Autor J. R. R. Tolkien hat damit die komplexeste Fantasie-Welt geschaffen, die je kreiert wurde. Er hat die Idee von Mittelerde kontinuierlich erweitert, zeigt den Norden, den Westen, Süden und Osten. Für Leute, die den Film sehen, aber nicht das Buch gelesen haben und nicht mit der Vielschichtigkeit seiner Welt und seiner Sprache vertraut sind, haben wir musikalische Motive genommen, um die Herkunft einer Person oder einer Sache zu erklären. Zum Bespiel habe ich folkloristische Instrumente aus Tibet für den Osten, aus Afrika für den Süden und aus Norwegen für den Norden eingebaut.

Wie kamen Sie auf die Idee, diese Musik symphonisch mit dem Film aufzuführen?

Ich hatte eine Box mit zehn CDs mit der kompletten Musik aus allen drei Filmen zusammengestellt. Da habe ich gemerkt, dass ich nie die ganze Musik in einem Stück gehört hatte. Denn wenn man Filmmusik aufnimmt, macht man das in kleinen Portionen und nie chronologisch. Deshalb bat ich einen befreundeten Dirigenten, ein Mal das komplette Werk aufzuführen. Daraus hat sich das entwickelt.

Wie haben Sie reagiert, als Sie das erste Mal Ihre Musik live mit dem Film gesehen haben?

Es war umwerfend. Die Musik live von einem Orchester gespielt – zusammen mit diesen wunderschönen Bildern und Tolkiens unglaublicher Art, eine Story zu erzählen, hat eine magische Kraft. Jeder, der Filme mag, wird es lieben. Auch jeder der Orchester-Konzerte mag. Denn eines intensiviert das andere.

Für die Musik von "Naked Lunch" haben Sie mit der launischen Jazz-Legende Ornette Coleman gearbeitet. Wie war das?

Ich hatte eine großartige Beziehung zu ihm. Denn in den 70er-Jahren war ich der musikalische Leiter der TV-Show "Saturday Night Live" und habe ihn dort für einen Auftritt zur besten TV-Zeit ins Programm geholt.

Der Regisseur, für den Sie die meisten Filme vertont haben, ist David Cronenberg. Warum haben Sie zu ihm eine spezielle Beziehung?

Wir sind zusammen in Toronto aufgewachsen und kennen einander schon sehr, sehr lange. Und wenn man die Musik zu einem Film schreibt, ist das gegenseitige Vertrauen zwischen Regisseur und Komponist das Wichtigste. Ich habe mir deshalb die Filme, die ich gemacht habe, immer in erster Line wegen des Regisseurs ausgesucht und erst in zweiter aufgrund der Story und der Charaktere.

Sie arbeiten auch mit elektronischer Musik. Wie hilft die Elektronik beim Komponieren von Orchester-Werken?

Ich habe bis auf wenige Ausnahmen entweder pure Orchester-Soundtracks oder pure elektronische Soundtracks gemacht. Ich brauche es nicht, zum Beispiel Streicher mit Samplern zu spielen, um mir vorstellen zu können, wie etwas klingt. Ich schreibe die Noten mit einem Bleistift auf ein Notenblatt und höre in meinem Kopf, wie das klingt. Nur "Das Schweigen der Lämmer" und "Seven" waren Orchester-Soundtracks mit elektronischen Elementen.

Sie haben gerade ein Album veröffentlicht, für das Sie als Hommage an Chopin zwei Konzerte geschrieben haben . . .

Ich habe auch eine Oper geschrieben und schreibe an weiteren Konzerten. Denn ich bin jetzt schon etwas älter und möchte deshalb meine Zeil lieber mit Dingen verbringen, über die ich ein bisschen mehr Kontrolle habe.