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Kultur
12/31/2021

„Festspielpräsidentin ist viel mehr als Ministerin“

Helga Rabl-Stadler. In 27 Jahren als Präsidentin der Salzburger Festspiele wurde sie zur Grande Dame der Kulturszene. Nun hat sie die Schlüssel zum Festspielbezirk abgegeben – und kämpft um ein Festspielmuseum

von Thomas Trenkler

Sie war der Booster der Salzburger Festspiele in der Pandemie: Ihrem unerschütterlichen Willen ist es zu verdanken, dass 2020 und 2021 Programm geboten wurde. Doch nun, nach knapp 27 Jahren, lief ihr achtmal verlängerter Vertrag als Präsidentin aus. In dieser Zeitspanne gab es 1.166 Spieltage mit 5.626 Vorstellungen, darunter 396 Premieren und 45 Uraufführungen. Das Gesamtbudget betrug 1,37 Milliarden Euro, allein die Personalkosten beliefen sich auf eine Milliarde. Über den Kartenverkauf wurden 693 Millionen (also mehr als die Hälfte der Ausgaben) erlöst, an Sponsorgeldern stellte Helga Rabl-Stadler 150 Millionen Euro auf – und weitere 17 Millionen für ihr Lieblingsprojekt, den Ausbau des Kleinen Festspielhauses zum Haus für Mozart.

KURIER: Sie mussten Ihr Büro räumen – und wollten einen Flohmarkt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranstalten. Wie viel sammelten Sie für den guten Zweck?

Helga Rabl-Stadler: Mir wurde der Flohmarkt ausgeredet. Ich habe die Bücher, CDs, Vasen und anderen Kleinigkeiten einfach verschenkt. Die Kleider aber würde ich gerne an die Frau bringen. Ich brauche ja nun nicht mehr so viele Abendkleider – und seit 1995 bin ich auch ein bisschen runder geworden.

Wie viele haben Sie denn?

27 Saisonen lang hatte ich an rund 40 Tagen festlich gekleidet zu sein. 50 Abendkleider werden es schon sein.

Ich hätte mehr geschätzt.

Vielleicht sind es auch mehr. Hinzu kommen die schwarzen Hosenanzüge, von ihnen hatte ich im Lauf der Jahre sicher 30. Die waren immer passend. Erinnern Sie sich, als Angela Merkel einmal ein dekolletiertes Kleid trug? Das Foto ging um die Welt. Und es ging nicht mehr darum, was sie gesagt hatte. Über einen schwarzen Hosenanzug kann niemand lästern.

Generell sind Sie aber viel modischer als Merkel.

Weil ich ja als Mode-Kind geboren wurde. Mein Großvater, ein Gendarm, gründete mit seiner Abfertigung 1923 ein Hut- und Pelzgeschäft. Der Aufstieg der Festspiele, die 1920 mit dem „Jedermann“ begannen, war auch jener der Firma Resmann, weil sich viele Besucher für die Vorstellungen schön anziehen wollten. Meine Tante Inge Pallauf hat später die Herrenmode betreut und meine Mutter die Damenmode.

Aber das Geschäft interessierte Sie eigentlich nicht …

Stimmt. Ich studierte Jus und Publizistik, weil ich Journalistin werden wollte. Aber dann ging es meiner Mutter gesundheitlich nicht gut. Wenn ich das Geschäft nicht übernommen hätte und es verkauft worden wäre: Das hätte ich als Verrat an der Familie gesehen. So sagte ich dem Journalismus schließlich Ade. Obwohl ich Wien und den KURIER liebte.

Haben Sie mit Ihrem Schicksal gehadert?

Das war eine große Umstellung in meinem Leben. Aber ich habe das Talent, die Pflicht zur Neigung zu machen. Es ist wirklich keine Strafe, wenn man nach Paris, London und Mailand reist, um Mode einzukaufen. Oder wenn man Armani, Versace, Saint-Laurent persönlich kennenlernt. Und als Geschäftsführerin habe ich deutlich besser verdient.

Zudem waren Sie Abgeordnete zum Nationalrat. Wieso wollten Sie überhaupt Festspielpräsidentin werden?

Ich war als Präsidentin der Wirtschaftskammer im Kuratorium der Festspiele und wusste daher, dass der Bankier Heinrich Wiesmüller als Präsident aufhören will. Erhard Busek bot mir zwar in der SPÖ-ÖVP-Koalition das Wirtschaftsministerium an. Aber Festspielpräsidentin ist für eine Salzburgerin viel wichtiger als Ministerin! Und ich hab’ es mir auch zugetraut. Leider war ich ziemlich naiv. In meinem ersten Interview erzählte ich, dass ich die Geschäftsreisen so liebe. Weil ich am Abend ins Piccolo Teatro gehen konnte oder ins Théâtre des Champs-Elysées. Da fiel das gesamte Feuilleton über mich her: Ob der Theaterbesuch genügend Ausbildung für das Amt sei …

Doch klar ist: Ohne Ihre Mitgliedschaft bei der ÖVP hätten Sie den Job, der damals noch nicht ausgeschrieben wurde, nicht bekommen.

Das stimmt. Aber ich wäre auch nicht Präsidentin geworden, wenn die SPÖ im Kuratorium nicht zugestimmt hätte. Denn Kanzler war Franz Vranitzky – und Rudolf Scholten Kulturminister.

Der Beginn war holprig, Intendant Gerard Mortier nahm Sie nicht ganz ernst: Er ordnete Sie der Dirndl- und Lederhosenfraktion zu.

Das brauchen wir nicht wieder durchkauen. Ich habe schwer angefangen – und kann nun leicht aufhören. Das ist mir bedeutend lieber als umgekehrt.

Ich will auf etwas anderes hinaus: Mortier wollte die Erneuerung, die Abgrenzung vom Nazi-Mief – und er leugnete daher auch die Geschichte der Festspiele. Das wurde mir erst so richtig bewusst, als ich im vergangenen Sommer Robert Kriechbaumers Buch „Politiker und Impresario“ las: Als Landeshauptmann von 1922 bis 1938 rettete Franz Rehrl das Festival wiederholt. Ohne den Austrofaschismus wären die Festspiele dem Untergang geweiht gewesen.

Ich muss zugeben, dass ich viele Jahre Angst hatte, an dieser demokratiepolitisch schrecklichen Zeit von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg anzustreifen. Aber es stimmt: Franz Rehrl, der immer Trachtenjoppe und Hut mit Gamsbart trug, erkannte die Wichtigkeit der Festspiele für Salzburg, er förderte die Internationalisierung, er war ein wunderbarer Landeshauptmann, bis er von den Nazis verhaftet wurde. Das muss man sich vorstellen: In einer Zeit, als der Antisemitismus schon quer durch alle Lager grassierte, als mit Flugzetteln gegen die „verjudeten Festspiele“ gehetzt wurde, benannte er den Platz vor dem Festspielbezirk nach Max Reinhardt. Interessanterweise habe ich in der Schulzeit, also in den 1960er-Jahren, nichts über ihn gelernt. Er wurde totgeschwiegen. Daher war dieses Buch besonders wichtig.

Müssten die Festspiele ihre Geschichte nicht offensiv umschreiben?

Ich habe sicher das Geschichtsbewusstsein der Festspiele gestärkt. Vor meiner Zeit wich man der NS-Vergangenheit von Karl Böhm und Herbert von Karajan aus. Und man sprach wenig über die Wurzeln der Festspiele. Dabei ist dieser Spagat so wichtig: Fest verwurzelt in Salzburg – und international ausgerichtet. Ich glaube, dass man noch viel mehr mit dem Archiv der Festspiele arbeiten muss. Und ich kämpfe für ein Festspielmuseum!

Sie mussten aber schon auch angestoßen werden, um sich der Vergangenheit zu stellen.

Das stimmt nicht ganz, denn schon zum 90-Jahr-Jubiläum wurde viel aufgearbeitet. Aber ja, auf Ihre Anregung hin haben wir eine erklärende Tafel beim Böhm-Saal angebracht. Von einer Umbenennung halte ich aber nichts. Denn Böhm hat zum Beispiel darum gekämpft, Alban Bergs „Wozzeck“ aufzuführen. Und ja, wir haben uns erst vor ein paar Jahren mit der Grafikerin Poldi Wojtek beschäftigt, von der das Festspiel-Logo stammt.

Sie war, wie Sie sagten, „eine schamlose Nazisse“. Ihre Wortwahl erstaunte. Denn selbst für jene, die gerne gendern, gibt es immer nur „Nazis“. Die NS-Vergangenheit von Poldi Wojtek hatte die Gruppe Memory Gaps thematisiert. Und nun merkte diese an, dass der „Vier-Masken-Block“ vor dem Festspielhaus von einem Bildhauer stammt, der später für die Nazis tätig war. Jakob Adlhart schuf zum Beispiel einen NS-Wehrmann für den Makartplatz und zwei Reichsadler für Schloss Kleßheim.

Die Nazis wollten mit dem Logo, 1928 unter Max Reinhardt entstanden, nichts zu tun haben und schafften es sofort nach dem „Anschluss“ 1938 ab. Und die Masken aus 1926 wurden während der Pogrome im November 1938 zerstört, „weil sie so verdammt jüdisch grinsten“.

Sie sagten eben, Sie kämpfen für ein Festspielmuseum. Sie werden also doch weiterarbeiten?

Nein, keine Sorge! Ich habe meine Schlüssel abgegeben. Mitte Jänner wird es eine offizielle Übergabe an meine Nachfolgerin geben. Ich wünsche Kristina Hammer, dass auch sie mit Intendant Markus Hinterhäuser und Geschäftsführer Lukas Crepaz zu einem eingeschworenen Trio wird.

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