Kultur
29.07.2018

Festspiel-Triumph: Wie schön ist Salome heute Nacht!

Eine exemplarisch gelungene Neuproduktion der Strauss-Oper in der Salzburger Felsenreitschule: Die Kritik.

„Zu Hilfe! Zu Hilfe!“ – so lautete gestern an dieser Stelle der Titel der „Zauberflöten“-Rezension. Die ersten Worte des Tamino passten gut zur problematischen Neuproduktion.

„Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“ Auch hier stehen die ersten Worte (des Narraboth) repräsentativ und als Qualitätsurteil: für die zweite Opernpremiere der Salzburger Festspiele 2018, „Salome“ von Richard Strauss.

Wobei „schön“ allein zu kurz gegriffen ist. „Salome“ in der Felsenreitschule ist faszinierend, spannend wie ein Thriller, enorm ästhetisch und dennoch analytisch. Ein visuelles und musikalisches Meisterstück. Mit Asmik Grigorian, einer intensiven, berührenden Protagonistin im Zentrum. Mit Franz Welser-Möst, einer Strauss-Instanz ersten Ranges, am Pult der Wiener Philharmoniker. Und mit Romeo Castellucci, einem der bildgewaltigsten Theatermagier unserer Zeit, verantwortlich für Regie, Bühne, Kostüme und Licht. Ein Gesamtkunstwerk.

Der Regisseur

Noch nie zuvor hatte Castellucci in Salzburg inszeniert (an der Staatsoper freilich auch nicht). In Österreich kennt man von ihm vor allem „Orfeo ed Euridice“ bei den Festwochen (ebenfalls unter Intendant Markus Hinterhäuser), wo er die Geschichte mit Live-Bildern einer Wachkomapatientin und deren Reaktion auf die Musik von Gluck kontrastierte. In Paris nahm er zuletzt bei Schönbergs „Moses und Aron“ das Thema Bilderverbot wörtlich und zeigte im ersten Teil kaum etwas auf der Bühne. Der italienische Künstler geht mit seinen Interpretationen also durchaus an Schmerzgrenzen, verweigert das Erwartbare, entwickelt seine Analysen aber stets aus dem Libretto und lässt manches auch rätselhaft.

Die Bilder

In Salzburg hat er sich – intensiv wie zuletzt nur wenige – mit der Raumsituation in der Felsenreitschule auseinandergesetzt. Noch ehe der erste Ton erklingt, gibt es einen fünfminütigen Prolog, in dem der Prophet Jochanaan wider die Schwerkraft die Wand nach oben geht. „Te saxa loquuntur“ steht als Projektion auf einem Vorhang – „von dir sprechen die Steine“, die Inschrift über dem Salzburger Sigmundstor. Hier gilt’s nicht nur der Kunst, hier gilt’s auch der ewigen Menschheitsthemen: Begehren, Lust, Liebe und Tod.

Die Felswand nützt Castellucci als archaisches Bild einer Gefängnismauer, die Arkaden sind zugebaut. Zu Beginn lässt er sogar das Dach öffnen, um Fiktion und Realität zu verschmelzen. Und wenn wir schon in einer Reitschule sind, muss es ein (echtes) Pferd geben, das aus der Zisterne des Jochanaan erscheint. Am Ende wird Salome, als Lohn für ihren Tanz, auch ein Pferdekopf serviert.

Die sexuellen Ausschweifungen im Palast des Herodes deutet er mit ein paar SM-Requisiten an, ein Sattel für den Rücken von Salome, Ledergurte für Jochanaan, wenn er wie ein Pferd gewaschen wird, Nackte in Plastiksäcken. Es wird aber nicht explizit (außer vielleicht beim Blutfleck am Gesäß der Salome gleich zu Beginn).

Die Männer des Herodes haben Blut im Gesicht, Jochanaan ist ganz schwarz, mächtig, eine Projektionsfläche für wildes Begehren. Salome, die in Milch badet, bleibt stets weiß. In seiner Interpretation bezieht Castellucci nicht Stellung, wer Opfer ist, wer Täter, das wäre zu banal. Er analysiert die Gesellschaft und deren Triebe.

Den Schleiertanz verweigert er. Stattdessen zeigt er Salome gefesselt auf einem Stein, wie sie von einem von oben kommenden Felsen erdrückt wird. Worum geht es denn Herodes, wenn er seine Stieftochter um den Tanz bittet? Er will sie in Stein gemeißelt, als Trophäe in seiner Sammlung. Ein Wow-Effekt!

Der Dirigent

Hören kann man den Tanz der Salome dafür umso eindringlicher. Franz Welser-Möst zaubert mit den Philharmonikern grandiose Klänge in die Felsenreitschule. Hier geht es nicht um eine geschönte Fassung, hier geht es um die Brüche in diesem für die Moderne bahnbrechenden Werk, um jedes Detail, um Differenzierung, um eine ausgeklügelte dynamische Balance. Die Zwischenspiele sind phänomenal, ebenso wie die Interaktion mit den Sängern und das Changieren zwischen Wucht und Zartheit.

Die Sänger

Asmik Grigorian, die Salome, die zuletzt in Salzburg die „Wozzeck“-Marie war, spielt diese mörderische Figur gleichermaßen hart wie zerbrechlich, verführerisch wie abscheulich. Stimmlich besticht sie mit schöner Phrasierung, herrlichem Timbre, klaren Spitzentönen und ausreichend Kondition im Finale. Sie ist eine ideale Salome, die jede Nuance gestaltet, in keiner Phase brüllt – und nicht weniger als eine Bühnensensation.

Gábor Bretz ist ein Jochanaan mit schönem Bassbariton, nie zu stark forcierend, John Daszak ein markanter, in der Höhe präziser Herodes, Anna Maria Chiuri eine schrille Herodias, Julian Prégardien ein famoser Narraboth.

Standing Ovations für eine Topproduktion.

Kleines PS: Als nächstes inszeniert Castellucci in Brüssel . . . „Die Zauberflöte“.