„Das weiße Paket“ am Herrensee: zwei Schwestern (Runa Schymanski und Hanna Rank) sind mit dem Tod des verhassten Vaters ein wenig überfordert.

© Thomas Trenkler

Kultur
08/11/2019

Festival "Hin & Weg": Vaters Leiche beim Herrensee

In Litschau organisierte Regisseur Zeno Stanek zum zweiten Mal ein überbordendes, vielfältiges Theaterfestival

von Thomas Trenkler

Hinter den sieben Bergen und sogar hinter dem nebelverhangenen Heidenreichstein liegt an einem Teich, nun See genannt, ein Städtchen namens Litschau. Keine 300 Meter von der Kirche entfernt stößt man auf einen Wegweiser – zur Stadtmitte und zum Schießstand. Hier, im nordwestlichsten Waldviertel, scheint die Welt noch irgendwie in Ordnung. Der Gastwirt heißt Kaufmann, es gibt zwei Bäckereien und zwei Fleischhauer sowie Ärzte für Tier und Mensch. Dennoch ist Litschau eine sterbende Welt. In einer Auslage liegen Pullover aus den 70er-Jahren zum Verkauf, etliche Geschäfte und Gebäude stehen leer.

Wenige Kilometer entfernt bewohnt der Regisseur und Verleger Zeno Stanek mit ein paar anderen eine ehemalige Brauerei, einen wahrlich idyllischen Flecken. Schon vor Jahren hat er hier, am Geburtsort von Kaspar Schrammel, ein mittlerweile überlaufenes Schrammel-Musik-Festival gegründet. 2009 wurde auf sein Betreiben hin im Strandbadgelände aus Holz und Glas ein raffiniertes Theater errichtet. Und dort eröffnete Stanek am Freitagabend die zweite Ausgabe seines überbordenden, allen Formen des Theaters gewidmeten Festivals „Hin & Weg“.

Alles kann passieren

Jeder muss sich dabei seinen eigenen Spielplan zusammenstellen. Denn zumeist finden rund um den See und in den Leerständen des Ortes gleichzeitig mehrere Aufführungen, Lesungen und Performances statt. Und da kann man mitunter auch die falsche Wahl treffen. Denn die „Weltpremiere“ des neuen Lichtbildervortrags von Barbara Geiger in ihrer Reihe „Fräulein Brehms Tierleben“ war doch nicht so fulminant wie angekündigt – und schon gar nicht als Eröffnung im Herrenseetheater. Eine bayerische Ulknudel erzählt wortreich über die Eigenheiten des faszinierenden Schweins. Danach denkt man zwar darüber nach, ob man noch ein Schnitzel essen soll. Aber eine „Theateraufführung“ war das keine, eher ein Kabarett-Solo.

Eine bessere Wahl getroffen hatte man wohl mit „Das Spiel“ von Philipp Oberlohr. Die Hilfs-Reporter schwärmten geradezu von der Show des Mentalisten, der zu Beginn ein Kuvert aufhängen hatte lassen. Es wurde erst ganz zum Schluss geöffnet – und enthielt die Namen aller jener aus dem Publikum, die im Laufe des Abends involviert gewesen waren.

Um halb zehn Uhr traf man sich auf dem Gelände der Waldviertelbahn. Zeno Stanek wies das Publikum an, nicht über die Gleise zu gehen, sondern den Bahnübergang zu nehmen, dessen Benutzung, so ein Warnschild, durch Unbefugte verboten ist.

Fabian Eder inszenierte eine aktualisierte Fassung des Politikerreden-Konvoluts „Alles kann passieren“ von Doron Rabinovici und Florian Klenk: Die Populisten wurden immer, wenn sie an der Reihe waren, von vier Hebebühnen in lichte Höhen gehoben. Ihre Nationalflaggen wehten im Wind, Wolfram Berger glänzte als Matteo Salvini. Und Katharina Stemberger rollte als Clown auf einem Güterwaggon durch die Szenerie, um die Wahrheit zu sagen. Dass Herbert Kickl wieder Innenminister werden will, durfte natürlich nicht fehlen.

Befehl zur Erschießung

Spätabends brachte Vienna Rest in Peace ein paar todtraurige Lieder und ein Nick-Cave-Cover zu Gehör. Einigen Hilfs-Reportern, die sich zuvor von Soldaten durchs Gelände hetzen hatten lassen, war das fast zu deprimierend. Nach dem Ende des Nazi-Regimes gewährte die CSSR den Sudetendeutschen nur zwei Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen. Im Stationendrama „2 Stunden“ rekonstruiert Tobias Schilling zweieinhalb Stunden lang die Vertreibung. Er klagt nicht die Tschechen an, sondern die Unmenschlichkeit. Zum Schluss, nach einem Blick durch die Reihen der Zuschauer, die eine Binde am Arm tragen mussten, stellt einer der Soldaten fast, dass er keinen Hitler erkennen könne, sondern nur Mütter, Väter, Kinder. Den Befehl zur Erschießung gibt er trotzdem.

Der Samstag begann in der Teelöffel-Lounge, einem Ziehharmonika-artigen „Strohboid“-Holzzelt, mit einem Aufruf zum Widerstand: Katharina Stemberger erzählte vom Orden des Teelöffels, den der israelische Autor Amos Oz initiiert hat. Wenn es brennt, hat man vielleicht keinen Eimer zur Hand. Aber alle haben zumindest einen Teelöffel. Und gemeinsam ...

Danach begann ein Programm, das unbewältigbar war (und daher Frustrationspotenzial barg). Im Seesalettl las Maria Magica augenzwinkernd aus kleinen Gegenständen die Zukunft; Rosa Schurian-Stanzel ließ die Besucher in Kostüme schlüpfen und gab ihnen Handlungsanweisungen; Bernhard Fellinger plauderte mit Florian Scheuba und Gerald Smetacek, Bäcker aus Litschau, über den Guglhupf und die gleichnamige Satire-Sendung; Nicholas Ofczarek bestritt mit Monologen aus Thomas Bernhards „Heldenplatz“ eine Küchenlesung im privaten Rahmen (für bloß zehn Zuhörer); das Ensemble Umami führte im alten Kaufhaus mit „@lex!“ die virtuelle Realität zurück in die analoge Welt: Die Protagonisten verheddern sich in einem Dickicht aus Seilen.

Die Zukunft vor Augen

Hinzu kamen mehrere Gastspiele. Martin Leutgeb und Susanne Altschul begeisterten mit Szenen einer Ehe („Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer) in der präzisen Regie von Hakon Hirzenberger. Die Hilfs-Reporter jubelten über „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch aus Luzern: Man kaperte tatsächlich das Haus eines Lehrerehepaars, das notgedrungen die Biederleute spielte.

Zu einem Höhepunkt geriet die Quasi-Uraufführung „Das weiße Paket“ von Ursula Mihelic in der Regie von Alexandru Weinberger-Bara: Zwei Schwestern (Runa Schymanski, Hannah Rang) liegen am Ufer des Sees auf einem unförmigen Ding, der verpackten Leiche des verhassten Vaters. Zum Schluss werden sie hinaus aufs Wasser gleiten, die Zukunft vor Augen.

Am nächsten Wochenende geht es weiter – unter anderem mit Anne Bennent, Julian Schutting, Franzobel und Voodoo Jürgens.