Kultur
05.12.2011

Ferdinand von Schirach: "Der Fall Collini"

Der elegante, kühle Erzähler von "Verbrechen" und "Schuld" tut sich als Romanautor viel schwerer.

Er ist dabeigeblieben, kühl zu erzählen: Der Seziertisch ist 2,50 m lang und 85 cm breit, polierter Edelstahl. Nach wie vor philosophiert und psychologisiert er nicht. Und dass moralische und strafrechtliche Schuld nicht immer zusammenfinden - darauf wird auch jetzt wieder hingewiesen. Aber diesmal hat sich Ferdinand von Schirach geplagt. Das merkt man. Das ist nicht gut, wenn man beim Lesen merkt, wie er trickst.

Fleisch

Nach den erfolgreichen Kurzgeschichtenbänden "Verbrechen" und "Schuld" wollte der Berliner Strafverteidiger keine Wiederholung, sondern seinen ersten Roman schreiben.
"Der Fall Collini" hat knapp 200 Seiten. Da kann man sich nicht damit begnügen, ein Schicksal zu skelettieren, sondern muss Fleisch drauflegen. Ein bisschen traurigen Sex zum Beispiel. Zitat: "Gegen fünf Uhr wachte er auf, das Zimmer war noch dunkel. Johanna saß nackt auf dem Boden vor der Balkontür, sie hatte die Beine angezogen, den Kopf stützte sie auf die Knie, sie weinte. Er stand auf und legte ihr die Decke um die Schultern."

Motiv

Und darum geht es in der Fiktion: Der 66-jährige Italiener Collini, seit 34 Jahren bei Daimler beschäftigt, erschießt in einem Berliner Luxushotel einen der reichsten Männer Deutschland, den weit über 80 Jahre alten Industriellen Hans Meyer. Übers Motiv schweigt er.
Das wären schöne 30 Seiten geworden. Hemingway hat es sogar in einem einzigen Satz sagen können: "Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun."
Der Roman braucht mehr. Etwa das Dilemma eines jungen Strafverteidigers, weil das Opfer seinerzeit so etwas wie Vaterersatz für ihn war. Kann man trotzdem verteidigen? Muss man, wenn man diesen Beruf gewählt hat? Auch gibt es einen alten Anwaltshasen auf der Gegenseite, wie sich's gehört. Soll sein. Soll alles sein.

Überraschung

Aber - bitte nicht weiterlesen, will man die Spannung bewahren: Um einen letzten Höhepunkt zu schaffen, wird Ferdinand von Schirach unglaubwürdig. Collini bringt sich nämlich während des Prozesses in seiner Zelle um, und zwar um etwa zwei in der Früh. Um neun sollte verhandelt werden, der Verteidiger ist pünktlich, ein Wachtmeister schickt ihn allerdings fort: Es gehe erst um elf los - Anordnung der Richterin. Um elf erscheint die Prozessvorsitzende und verkündet zu aller Überraschung Collinis Selbstmord. Weder sein Verteidiger noch der Oberstaatsanwalt wurden vorher darüber informiert. Geh, bitte ... Seit Jack Unterweger und Bombenbauer Fuchs weiß man, dass sich so etwas noch in der Nacht herumspricht. Und damit ist auch der allerletzte Satz, der wieder kühl ist und auf Literatur machen will, bloß Druckerschwärze: "In ein paar Tagen würde es wärmer werden."

KURIER-Wertung: *** von (*****)

Info: Ferdinand von Schirach - "Der Fall Collini" (Piper Verlag, 304 Seiten, 17,50 €)