Kultur
04.09.2017

"Existenzangst ist das Schlimmste, was es gibt"

Leander Haußmann über den "Sommernachtstraum", den er zum vierten Mal inszeniert (Premiere am 6. September im Burgtheater), über die Sorgen und die Suche nach dem Großen.

KURIER: Sie inszenieren bereits zum vierten Mal, nach Weimar, den Salzburger Festspielen und Berlin, Shakespeares " Sommernachtstraum". Premiere in der Burg ist am 6. September. Kann man eigentlich immer wieder einen neuen Zugang finden?

Leander Haußmann: Klar. Der "Sommernachtstraum" ist eines der komplexesten und schönsten Theaterstücke. Es hat so viele Ebenen, es gibt so viele Möglichkeiten erzählerisch anzusetzen. Ich habe immer noch nicht genug von diesem Stück. Bei Peter Zadek war es "Der Kaufmann von Venedig", bei mir ist es "Ein Sommernachtstraum" – ähnlich wie bei Max Reinhardt. Der hat ihn auch vier- oder fünfmal gemacht. Und überhaupt, wer sagt denn, dass man ein Stück immer nur ein Mal bzw. höchstens zwei Mal machen darf? Ich habe mich verändert, die Zeit ist eine andere, das Theater, die Stadt, die Voraussetzungen, die Schauspieler! Wollen mal sehen, was diesmal dabei herauskommt.

Ihre Inszenierung in der Felsenreitschule wirkte eigentlich fehlerfrei. Kann man sie übertreffen? Oder das Stück noch einmal anders deuten?

Zunächst einmal muss ich sagen, hier an der Burg habe ich eine fantastische Besetzung. Die Möglichkeiten sind künstlerisch gigantisch. Zum anderen bin ich nicht wirklich an Deutungen interessiert. Obwohl ich natürlich auch dieser Versuchung oftmals nicht widerstehen kann. Ich versuche nicht so ein Regisseur zu sein, der sich einbildet, er könnte mit seinem Zeug die Welt ändern. Das kommt mir so Musterschülerhaft vor. Wissen Sie, ich würde mich niemals selbst als einen politischen Regisseur bezeichnen. Das erschiene mir als Anmaßung. Und auch langweilig irgendwie. Das sagt jemand, der zweimal in der DDR das Theater wechseln musste, aus politischen Gründen. Aber was um Gotteswillen, macht denn so ein politischer Regisseur? Erklärt er mir die Welt? Die Zeit? Übernimmt er Verantwortung? Bezieht er Stellung? Eine Geschichte so zu erzählen, dass sie die Menschen in ihren Bann zieht, ist keine so einfache Sache, glauben Sie mir. Mich interessiert natürlich auch und vor allem, wie ich die Leute im Zuschauerraum so unterhalten kann, dass sie emphatische Gefühle, Freude entwickeln, dass sie interagieren. Das hat auch immer etwas mit der Zeit zu tun, in der wir leben. Der "Sommernachtstraum" fordert vom Regisseur extrem viele Entscheidungen, weil es so viele Erzählebenen gibt. Es beschäftigt sich ja nicht nur mit dem Thema Liebe, also der Definition von dem, was wir als solche bezeichnen. Was ist das? Wovon träumen wir in unseren kühnsten Träumen? Was ist Liebe? Was ist Leidenschaft und was ist einfach nur Sex? Alles dies steht in einem gesellschaftlichen Kontext. Die Protagonisten fliehen vor der Realität, die Zwang und Unterdrückung heißt, an einen Ort, wo es keine irdischen und keine natürlichen Gesetze gibt, und sind gezwungen, Erfahrungen zu machen, die sie in große Verwirrung stürzen. Das ist sehr unterhaltsam, seit Jahrhunderten.

Der unterhaltende Aspekt kennzeichnet generell Ihre Arbeit.

Ich sehe gar keinen anderen Grund, warum die Leute ins Theater gehen sollen. Doch sicher nicht, um sich belehren zu lassen.

Für manche ist das Theater noch immer moralische Anstalt.

Wir Theaterleute haben eine zentrale Aufgabe: Wir müssen nach dem Großen suchen, danach, was uns Menschen ausmacht, was uns definiert. Und dazu gehört eben auch, dass wir uns mit der menschlichen Fehlbarkeit beschäftigen. Aber was die aktuelle Bezugnahme anbelangt, die gegenwärtig im Theater eingefordert wird: Da hab ich meine Zweifel. Ich hab’ ein Problem damit, wenn Menschen sich feiern, die meinen, die Guten zu sein. Denn wen erreiche ich im Theater? Das Dilemma ist doch, dass wir im Grunde genommen im eigenen Saft schmoren. Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und finden uns wunderbar, weil wir doch irgendwie alle auf der richtigen Seite stehen. Ich finde, Theater muss eine eigene Gegenwart haben, und die hat mit der Gegenwart da draußen nichts zu tun. Im Focus unserer Erzählungen steht immer das Individuum. Auf die Gegenwart zu reagieren ist nichts anderes, als die Zeitung von gestern zu lesen. Im Theater hat der Mensch Asyl vor der Dummheit seines Alltags.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wenn man Stücke wie "Faust" hinunterzieht auf die eigene Simplizität. Das kann manchmal ganz schön sein, aber man muss trotzdem, glaube ich, in der anderen Ebene bleiben. In der Ebene, die diese Stücke überlebenswert machen. Es geht um das Große! Das heißt aber nicht, dass man Opern singen muss. Sondern dass man versuchen muss, den Kern des Stückes zu sehen. Eine Inszenierung ist nicht dann modern, nur weil die Schauspieler Anzüge anhaben, obwohl das Stück im Rokoko spielt.

Wie stehen Sie zu Elfriede Jelinek? Sie beschäftigt sich mit aktuellen Ereignissen und Problemen – von der Flüchtlingskrise bis zu Donald Trump.

Elfriede Jelinek ist eine fantastische Autorin. Sie wird nie platt, ihre Texte sind groß. Ich sage ja nicht, dass diese Themen nicht angesprochen werden dürfen. Aber ich mag eben nicht dieses moralinsaure, schmallippige, belehrende Erklärtheater, in dem die Leute gar nicht mehr ihre eigenen Ängste hinterfragen, sondern so dastehen, als hätten sie die Moral gepachtet. Natürlich muss man prüfen, woher die ganze Wut kommt. Warum Menschen auf der Flucht sind. Warum weltweit eine starke Ungleichheit herrscht. Wenn es keine Verteilungsgerechtigkeit gibt, haben rechte Ideen einen fruchtbaren Boden. Der Faschismus ist ja nicht aus dem Nichts gekommen, es gab ein unglaubliches Elend damals, eine enorme Inflation und riesige Arbeitslosigkeit. Es gibt, wie damals, eine große Angst. Und Angst kann man nicht mit rationalen Argumenten bekämpfen, man kann sie nur nehmen, wenn man den Menschen eine gewisse Sicherheit zu geben vermag. Also: Leute für eine bestimmte Angst zu verurteilen, ist sehr einfach. Die Angst zu verstehen oder in die Tiefe der Leute zu gehen: Das ist sehr kompliziert und anstrengend. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Existenzangst ist das Schlimmste, was es gibt.

Sie kennen sie aus Erfahrung.

Die Existenzangst ist mein ständiger Begleiter. Am Ende unter der Brücke zu landen, nichts mehr zu haben, alles zu verlieren: Diese Angst kenne ich. Denn mein Beruf steht auf sehr schwachen Füßen. Ich kann mich auf kein solides, Werte erschaffendes Handwerk berufen. Denn ich kann keinen Tisch bauen. Ich hab’ zwar Drucker gelernt, aber diesen Beruf gibt es praktisch nicht mehr. Ich habe nur meine Fantasie und muss also sehen, wo ich bleibe. Eigentlich ist Angst der einzige Motor. Ich seh jetzt schon die Überschrift: "Angst ist der einzige Motor". Aber es stimmt. Denn ich habe drei Kinder – und bin für sie verantwortlich. Und für meinen kleinen Hund. Naja, das ist jetzt natürlich ein bisschen überspitzt. Der Produzent Günter Rohrbach hat mal zu mir gesagt: "Wenn Sie reich wären, Herr Haußmann, würden Sie doch gar nicht mehr für uns arbeiten." Da ist leider was dran.

Sie begegnen dieser Angst aber immer mit Humor.

Ich kann gar nicht anders. Meine Beobachtung ist – ich spreche jetzt über andere, denn wenn ich über mich spräche, wäre das unbescheiden: Humorvolle Mensch sind in der Regel intellektuelle Menschen. Humor ist ein Ausdruck von Klugheit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles im KURIER erscheint. Aber gut.

Sie haben sich mehrere Standbeine aufgebaut: Sie schreiben Bücher, machen Filme, inszenieren am Theater. Was ist Ihr liebstes Betätigungsfeld?

Generell würde ich sagen, dass ich mich als Erzähler verstehe. Ich erzähle einfach gerne – auch am Tisch unter Freunden. Als Beruf würde ich gerne "Erzähler" angeben. Wir alle am Theater – egal ob Schauspieler oder Bühnenbildner oder Regisseure – sind Geschichtenerzähler. Mir ist im Grunde jedes Medium recht. Es ist toll, dass ich die Möglichkeit habe, Drehbücher zu schreiben und "Sonnenallee" zu verwirklichen – und auch " Hotel Lux", einen Film, den ich wahnsinnig gerne habe. Dass ich die Möglichkeit habe, mich am Theater auszuleben. Egal, ob man es surreal, abstrakt oder gegenständlich macht: Man muss immer etwas zu sagen haben. Und wenn man nichts zu sagen hat, dann muss man zumindest etwas zu erzählen haben. Auch wenn Malewitsch mir nur ein schwarzes Quadrat vor meine Nase malt: Ich spüre trotzdem, dass er damit etwas zu erzählen hat.

Sein erstes "Schwarzes Quadrat" malte Malewitsch 1913 – auf den Bühnenvorhang für die Oper "Sieg über die Sonne".

Ach, das stützt meine These! Sehr gut. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Ich möchte nicht so ein Theater-Arbeiter werden, der mit seiner Aktentasche tagtäglich ins Theater geht und eine Inszenierung nach der anderen macht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf Dauer gut geht. Denn wenn das Theaterregieführen der einzige Erwerbszweig ist, dann geht, glaube ich, jeder Regisseur den Weg desjenigen, der sich selbst langweilt. Und das wiederum merkt der Zuschauer. Ganz wenige – dazu gehört einer wie Frank Castorf – schaffen es, aus einer künstlerischen Haltung heraus nicht langweilig zu werden.

Zuletzt haben Sie "Das Pubertier" verfilmt, mit 900.000 Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Streifen des Jahres. Carla Wenger wurde von Harriet Herbig-Matten gespielt. Sie entdecken gerne Talente.

Das Pubertier ist eben ein junges Mädchen. Und ja, ich entdecke gerne Menschen, die noch nicht bekannt sind. Ich gehe nicht mit dem Einkaufswagen durch die Regale mit den großen Namen. Es ist immer schön, wenn man jemanden fördern kann. Und wenn es funktioniert, kann man stolz sein. Aber es spielen auch etablierte Leute mit, darunter Jan Josef Liefers und Heike Makatsch, Detlev Buck und Michael Maertens.

" Hotel Lux" mit Bully Herbig war von der Publikumsresonanz her wohl eine Niederlage.

Das gestehe ich ein. Niederlage gemessen an was?

"Sonnenallee" vielleicht.

Das kann man nicht vergleichen. "Sonnenallee" war ja meine Jugend in Ost-Berlin, das bin ich. Wenn Ihnen der Film nicht gefallen hat, nehme ich das zur Kenntnis. Er hat halt nicht interessiert. Kommt vor. Das hat aber nichts mit der Qualität des Films zu tun. Bully verkörpert einen ernsthaften Charakter. Und der Film spricht ein nicht verarbeitetes Thema an: die Brutalität des Stalinismus und die Zusammenarbeit mit Hitler-Deutschland.

Welches nächste Filmprojekt verfolgen Sie?

Ich habe festgestellt, dass es keine Komödie über die Staatssicherheit gibt. Daher arbeite ich an "Leander Haußmanns Stasi-Komödie". Das wird sehr, sehr lustig!