ESC-Ausstellung: JJs Floß, Conchitas Kleid und mehr Politik als gedacht

DieSchau „Unstoppable“ holt die Politik im angeblich unpolitischen Eurovision Song Contest ins Haus der Geschichte, analog und digital.
Ein Segelboot mit Büchern, Koffern und Alltagsgegenständen steht in einem Ausstellungsraum, die Wände sind mit bunten Notizzetteln bedeckt.

Der eine oder andere mag sich noch erinnern, wie sich JJ seinen Song-Contest im Vorjahr ersungen hat. Nämlich auf einem Floß, an dessen Segelmast er sich im Koloraturklang festgeklammert hat. Details davon konnte man freilich in der ziemlich dunklen Bühnenregie nicht erkennen. Das lässt sich nun im Haus der Geschichte Österreich (HDGÖ) nachholen. In der Mini-Ausstellung „Unstoppable“ (bis 11. Oktober) steht das „Wasted Love“-Vehikel, das sich aus Koffern, alten Schreibmaschinen und Radios, Büchern und einem verstauten Teddy zusammensetzt, und wenn man ganz genau schaut, liegt da auch eine Platte vom „Weißen Rössl“.

Mitmach-Diorama

In einer Ecke der Dauerausstellung der Institution – wo bereits seit 2019 eine Vitrine steht, in der Conchitas Siegeskleid gewürdigt wird -, will das HDGÖ offenbar auch ein bisschen Eurovision-Feenstaub in Form von Besucherzahlen abbekommen. Zu sehen gibt es neben dem erwähnten ein Diorama in einem alten Fernseher, das sich mit Philipp Hansas Bemühungen, seine Punktebekanntgabe mit gesellschaftspolitischen Motivationsslogans zu verbinden, beschäftigt. Seit 2019 verkündet der Radiomoderator, welches Land von Österreich zwölf Punkte bekommt und trägt dabei ein Shirt mit dem Aufdruck „Equality“. In dem Schaukasten kann man Sprechblasen bewegen, die daran erinnern, welchen gesellschaftlichen Diskurs er wann in seine Moderation geschummelt hat – von „Safe Spaces“ bis „Equal Payment“.

Fotos von Grand Prix 1967

An einer Säule sind Fotos von der Austragung des Song Contests in Wien 1967 aus dem Bildarchiv der Nationalbibliothek angebracht. Der fand übrigens im selben Gebäude wie die Schau statt: in der Neuen Burg. Ein Foto zeigt Gewinnerin Sandie Shaw und sehr prominente Blumenbouquets am Bühnenboden. Die sollten ihre nackten Füße verbergen, weil es damals noch Menschen gab, die einen solchen Anblick anstößig fanden.

Daneben findet sich noch eine Single von Udo Jürgens’ Siegerlied „Merci Cherie“, eingespielt in Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch.

Holocaust-Überlebender

Der inhaltlich größere Teil der Ausstellung (Kurator: Florian Wagner) findet sich im Internet. Die Web-Ausstellung „Protest, Skandale, Politik. 70 Jahre Eurovision Song Contest“ folgt der These, dass der Musikbewerb nie so unpolitisch und eskapistisch war, wie er sich gerne gibt. Schon im ersten Jahr 1956 schickte Deutschland etwa mit Walter Andreas Schwarz einen Holocaust-Überlebenden, der darüber singt, wie schwer es ist, glücklich zu sein.

Ein Lied, das beim Bewerb zwar wenig Erfolg hatte, wurde zum Startsignal der „Nelkenrevolution“ in Portugal: „E depois de adeus“ kam am 24. April 1974 um 22.25 Uhr nicht zufällig im Radio.

Inoffizieller Boykott

Protest hat früh zum ESC gehört: 1964 unterbrach ein Demonstrant die Gala, um gegen die Diktaturen in Spanien und Portugal aufzubegehren. Die Franco-Diktatur erhielt wiederum 1969 die Möglichkeit, sich als zukunftsgewandtes Land zu inszenieren, Salvador Dalí half tatkräftig mit. Österreich ließ diesen „Grand Prix“ aus – offiziell wurde aber nicht von Boykott gesprochen. Anders als jene Länder, die heuer wegen Israel nicht teilnehmen.

Österreich hat übrigens, so lernt man hier, eine besondere ESC-Beziehung zu Israel: 1963 trat die erste Israelin bei dem Event an – und zwar für Österreich (Carmela Corren). Das Land selbst wurde erst zehn Jahre später zugelassen.

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