Wiener ESC-Ausstellung zeigt ein Stück queerer Zeitgeschichte
Der fliederfarbene Seidenanzug ist zwar schon deutlich aus der Zeit gefallen, dennoch ist er unverkennbar: Thomas Forstner trug ihn im Jahr 1989 bei seinem ESC-Auftritt in Lausanne. Bis 24. Mai kann er in den Räumen von Qwien, dem Zentrum für queere Kultur und Geschichte in der Ramperstorffergasse (5. Bezirk) bewundert werden – neben zahlreichen anderen Exponaten rund um den ESC.
Der Eurovision Song Contest ist zwar noch knapp drei Monate entfernt, der Wiener Veranstaltungsreigen rund um das Großevent aber wurde mit der am Mittwoch eröffneten Ausstellung „United by Queerness“ bereits eingeläutet. Die Wahl des Themas sei hervorragend, sagt Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ). „Zwar schwinden die gemeinsamen Erfahrungen, aber der ESC ist ein Abend, auf den sich die Mehrheit der Öffentlichkeit noch gemeinsam beziehen kann.“ Zudem sei der ESC ein „utopischer Raum des Friedens“.
Viel Zeit hatten die beiden Kuratoren Marco Schreuder und Alkis Vlassakakis, die gemeinsam auch den ESC-Podcast „Merci Cherie“ betreiben, nicht. Drei Monate lagen zwischen Auftrag, Konzeption und Eröffnung der Ausstellung, in der der Bogen über sieben Jahrzehnte Song-Contest-Geschichte gespannt wird.
Bühnenkostüme mit viel ESC-Geschichte.
Verschlüsselt und offen
Und diese war seit frühesten Tagen mit queerer Geschichte verbunden – wenn auch anfangs nur verschlüsselt und in Andeutungen. Bereits am ersten Song Contest im Jahr 1956 nahm mit der Französin Dany Dauberson eine lesbische Frau teil. Nur wenige Jahre später, 1961, gewann der offen homosexuell lebende Jean-Claude Pascal mit seinem Lied „Nous les amoureux“ den Bewerb – einem Lied über die Geschichte einer verbotenen Liebe. Ein Wendepunkt der ESC-Geschichte war der Sieg der israelischen Teilnehmerin Dana International im Jahr 1998. Sie war die erste Trans-Künstlerin, die den Contest gewann, und zementierte ihn damit endgültig als Identifikationsraum der queeren Community.
Qwien
Wiens queeres Kulturzentrum: Archiv, Bibliothek, Forschungsstelle, Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Ramperstorffergasse 39, 1050 Wien, qwien.at
United by Queerness
19. Februar bis 24. Mai. Do 13 bis 20 Uhr, Fr bis So 13 bis 18 Uhr.
Erweiterte Öffnungszeiten während des ESC: 4. Mai bis 17. Mai täglich 13 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.
ESC-Geschichtsstunde
Seither nahmen viele geoutete queere Personen am Wettbewerb teil – darunter Conchita Wurst und JJ, die mit ihren Siegen die Veranstaltung nach Österreich brachten. Viele der gesellschaftlichen Entwicklungen, die auf der ESC-Bühne sichtbar wurden, lassen sich erst im historischen Kontext einordnen. Diesen stellt die Ausstellung her.
„Wir erzählen den Eurovision Song Contest als Teil europäischer Zeitgeschichte“, erklären Schreuder und Vlassakakis. „Von den Spannungen des Kalten Kriegs über politische Statements auf der Bühne bis hin zu aktuellen Debatten rund um den ESC 2026 zeigt die Ausstellung, wie eng Popkultur und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verflochten sind.“
Die bärtige Volksheilige "Heilige Kümmernis".
Die "Heilige Kümmernis"
Die ESC-Geschichtsstunde, die sich beim Gang durch die Ausstellungsräume bietet, ist informativ und fördert auch Skurriles zutage. Darunter etwa die antike Holzskulptur der „Heiligen Kümmernis“, einer bärtigen Volksheiligen, die anlässlich Conchita Wursts Sieg im Stadtmuseum Horn ausgestellt worden war. Zu sehen sind auch Wursts weißes Kleid, das sie beim ESC-Semifinale in Wien trug, der pink-orange Tüllbolero des nicht-binären Schweizer Gewinners Nemo und das (ungewaschene) schwarze Shirt mit dem „Equality“-Aufdruck, in dem Ö3-Moderator Philipp Hansa seit 2019 die vom österreichischen Publikum vergebenen Punkte verkündet.
An einer Mitmachstation können Gäste die Frage beantworten, ob der – betont unpolitische – ESC eine politische Veranstaltung ist. Sie erübrigt sich aber vielleicht: Einige Kunstschaffende haben ihre Exponatleihgaben wegen Israels Teilnahme am ESC in Wien zurückgezogen.