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Kultur
06/30/2012

"Es gäbe Bedarf, mehr Sinn im Leben zu sehen"

Nach Pozzo di Borgos Biografie entstand der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde". Ein Gespräch über das andere Leben.

von Andreas Schwarz

Er wurde mit "silbernen Löffeln im Mund" geboren, wie er selbst sagt. Später machte der Spross einer französischen Adelsfamilie als Manager von Pommery, der renommierten Champagnermarke, Karriere, ständig in Bewegung, Business, Familie, Hobbies, "auf dem Leben gesurft".

Und dann stürzte Philippe Borgo di Pozzo mit dem Paraglider ab. Seit dem Unfall vor fast 20 Jahren ist er vom Hals abwärts völlig gelähmt, mit allen medizinischen Begleiterscheinungen. Kaum ein anderer Mensch hat diesen Zustand so lange überlebt wie er. Seine Autobiographie war Grundlage für den französischen Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde": Er erzählt die Freundschaft zu Pozzos Betreuer Abdel Sellou, einem aus dem Gefängnis entlassenen Schwarzen aus den Pariser Banlieues, dessen Verrücktheiten den an den Rollstuhl Gefesselten wieder zurück ins Leben führen.

Der KURIER traf Borgo di Pozzo in München, wo er gemeinsam mit Sellou den Diva-Filmpreis erhielt. Seine Biographie "Ziemlich beste Freunde" ist kürzlich bei Hanser Berlin erstmals auf Deutsch erschienen.

KURIER: Herr Pozzo di Borgo, erinnern Sie sich noch an den Tag des Unfalls, der Ihr Leben so dramatisch verändert hat?
Philippe Pozzo di Borgo: Ja, sehr genau. Es war mein Fehler. Ich kam um den Berg und bekam den Wind von der falschen Seite – der Wind denkt ja nicht, was er macht. Waren Sie schon einmal paragleiten? Nein.

Sehr vernünftig. Also nach 15 Jahren paragleiten wurde ich aus der Bahn geworfen. Ich war in keiner guten Verfassung und hätte nicht fliegen sollen. Ich erinnere mich an jede Sekunde, auch nach dem Aufwachen aus der Ohnmacht nach dem Aufprall, ich konnte mich nicht bewegen, ich sah meine Freunde, ich sah den Hubschrauber – und dann war ich für zweieinhalb Monate im Koma. Und ich kann mich auch an die Wochen nach dem Koma erinnern, an die unglaublichen Albträume.

Warum hätten Sie nicht fliegen sollen?
Einerseits hat mich die Krebserkrankung meiner Frau sehr belastet. Und wir mussten erstmals in der Geschichte unseres Unternehmens Hunderte Leute kündigen, weil die neuen Eigentümer kurzfristige Profite sehen wollten – dabei sind die Profite im Champagnergeschäft langfristig, aber das haben die nicht verstanden. Also ich war abgelenkt und hätte nie fliegen dürfen.

Sie sind seit dem Unfall völlig gelähmt und verloren drei Jahre später auch noch ihre Frau. Sie fühlen sich ihr gegenüber "schuldig", wie Sie einmal sagten. Warum?
Sie hätte die letzten Jahre in Frieden leben müssen. Sie hat in dem Zustand, in dem sie war, auch noch meinen Zustand aufgebürdet bekommen. Sie kam wieder auf die Beine und hat sich um mich wunderbar gekümmert, alles organisiert. Natürlich fühlen Sie sich da schuldig, wenn Sie so einen Mist bauen. Und für die Kinder war es auch ein Drama.

Wie alt waren die damals?
13 die Tochter – wir waren uns sehr nahe, aber ab diesem Tag hat sie mich nicht mehr berührt. Sie hatte eine todkranke Mutter und fühlte sich betrogen vom Vater, der sie im Stich lässt. "Warum hast Du mir das angetan?", fragte sie. (In diesem Augenblick kommt ein kleines schwarzes Mädchen ins Zimmer und läuft zum strahlenden Di Borgo, um ihn zu umarmen) Schauen Sie, das ist meine jüngste Tochter aus meiner zweiten Ehe, sie ist fünf.

Wie lang dauerte diese Entfremdung?
Zehn Jahre. Mein Sohn war damals neun, der hat es besser verkraftet.

Hatten Sie vor dem Unfall je daran gedacht, dass so etwas immer passieren kann?
Ich hatte von Unfällen beim Paragleiten gehört, aber man denkt immer, dass man unbesiegbar ist, besser ist. In diesem damaligen Leben war ich ja voll da, völlig im Wettbewerb. Ich war in Bewegung, ich war der Sieger, ich liebte das verrückte Konzept des Sich-Messens in unserer Gesellschaft. Heute finde ich das völlig verrückt.

Dann trafen sie Abdel, den Ex-Häftling aus den Pariser Banlieus, der sich um die Stelle als Pfleger bei Ihnen bewarb. Warum haben Sie ihn engagiert, das war doch auf den ersten Blick eine Partnerschaft against all odds?
Ja und nein. Ich brauchte jemanden, der stark ist, immer verfügbar, ohne Angst und schnell – damit ich mit seiner Hilfe für meine Frau da sein konnte, jederzeit, Tag und Nacht. Es war mir egal, was für eine Geschichte der hatte.

Also die Chemie hat gestimmt.
Zunächst gar nicht. Er war gar nicht wirklich interessiert an dem Job, brauchte nur eine Bewerbungsbestätigung für die Versicherung. Der hatte noch nie so jemanden wie mich gesehen – aber wir wohnten sehr schön und er dachte, das ist eine offene Brieftasche, wie er mir später einmal gestand. Also blieb er und packte an und fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben nützlich. Die Freundschaft kam erst nach dem Tod meiner Frau.

Wie das?
Da war ich in einer tiefen Depression, allein – und da spürte er, er muss nicht nur da sein, er muss mich wieder auf die Beine bringen, sozusagen. Und das tat er. Er machte mich wieder lachen und außer Haus rollen, er brachte mich überall hin, völlig verrückte Orte – wie im Film eben.

Treffen Sie ihn heute noch?
Ja, gestern bei der Preisverleihung. Und sonst alle 15 Tage. Er lebt in Algerien, ich im Westen von Marokko. Um Ihnen eine Idee dieses Verrückten zu geben: Er hat ein Auto ohne Klimaanlage, setzte unlängst seine drei Kinder und die Frau ins Auto und kam 1400 Kilometer gefahren, um mich zu besuchen. Als sie aussteigen, wussten sie gar nicht mehr, wer sie sind – "ich wollte nur hallo sagen", sagt er, isst mit uns Abend, lehnt aber die Einladung zu übernachten ab, schickt seine Kinder kurz zur Abkühlung in den Pool und fährt die 1400 Kilometer wieder zurück.

Warum haben Sie ihre Biographie geschrieben: Um Menschen zu zeigen, wie schnell sich ein Leben ändern kann, oder als selbstreflexierende Therapie.
Sie haben das richtige Wort gefunden: Es war eine Therapie. Ich verbrachte Jahre in Stille, im Bett mit dem Blick zur Decke. Meine zweite Frau sagte mir, Du musst in Worte fassen, was Du fühlst. Und das tat ich dann, in der Nacht, wenn ich nicht geschlafen habe. Die erste Version hatte 500 Seiten, alles, was ich in der Zeit dachte. Meine Tochter las es und sagte: Wenn Du das veröffentlichst, bin ich nicht mehr Deine Tochter. Also habe ich es ein wenig gerafft. Das Buch ist ganz anders als der Film, voll von Erinnerungen, Poesie, Traurigkeit, ihrem täglichen Anstrengen zu leben; der Film ist eine Tragikomödie, sehr witzig, spritzig.

Kann man den Menschen das Schicksal von schwerer Krankheit oder Behinderung nur mit Humor näherbringen?
Das ist eine gute Frage, und ich versuche zwei Antworten: Wenn Sie behindert sind, müssen Sie zum Überleben das Alleinsein vermeiden – weil sie ja auf andere angewiesen sind. Die anderen fürchten sich aber vor Ihnen, weil Sie fragil sind. Der erste Kontakt zwischen dem, der liegt, und dem, der steht, ist ein negativer. Wenn der im Rollstuhl nicht den Versuch unternimmt, den Stehenden zu "verführen", ihn auch zum Lachen zu bringen, bleibt er allein. Das ist wie mit Frauen, wenn Du’s nicht versuchst, bleibst Du allein.

Und die zweite Antwort?
In unserer Gesellschaft wird so wenig zugehört. Und Humor hat man nicht mit sich selbst, sondern nur mit einem Gegenüber. Also sind Humor und Emotion ein großartiges Instrument, Menschen zusammenzubringen – anders als Zorn und Aggression.

Schönheit, Fitness, Gesundheit werden von Industrie und Medien immer mehr zu den Werten unserer Gesellschaft hochstilisiert. Das schafft doch für jene, die da nicht mitkönnen, eine immer feindlichere Umwelt.
Genau so ist es. Das geht aber noch weiter. Die Menschen sind ausgebrannt von dem, was von ihnen verlangt wird – und das führt zu einer Regression der Menschen, die wieder auf sich selbst zurückfallen und nicht mehr miteinander kommunizieren. Seit dem Film bekomme ich Hunderte Mails von Menschen, nicht nur von physisch, sondern auch von sozial gebrochenen Menschen, die total isoliert sind, die allen Sinn verloren haben. Das wird durch die Krise gerade noch verstärkt. Die Kreditkrise heißt ja im zweifachen Wortsinn so, weil Kredit kommt vom lateinischen credere, glauben, und die Leute glauben nichts mehr. Darum zu ihrer Frage: Ja, es gäbe einen großen Bedarf, wieder mehr wirklichen Sinn im Leben zu sehen.

Menschen sind unsicher im Umgang mit Behinderten und Kranken, Sie sprechen sogar von Angst. Wenn Sie sich wünschen dürften, wie man Ihnen gegenübertritt, mit Ihnen umgeht – wie?
Am wichtigsten: mich berühren. Ich sage zu Menschen immer: Berühren Sie mich, behalten Sie nicht ihre Abwehr und schützen Sie sich. Wovor? Und wenn sie feststellen, dass ich ein bisschen schwach bin, sollen sie berücksichtigen, dass sie auch schwach sind, nämlich nicht unbesiegbar, so wie ich einst dachte. Wir sind verwundbar wie Kinder, und mit diesem Wissen wäre das Leben so viel leichter.

Ist Mitleid manchmal hilfreich oder nur lästig?
Ich brauche niemanden, der mit mir leidet, meistens um sich selbst zu schützen. Ich brauche jemanden, der mich als Individuum sieht, als ganze Person, und der anpacken kann.

Wo nehmen Sie die Kraft her, nach dem Leben als erfolgreicher Manager ein zweites Leben zu meistern, das eines Mannes, der ohne fremde Hilfe nicht überleben kann?
Ich bin in einem sehr unkomfortablen Zustand, ich hasse es, das zu sagen, aber es ist so. Und jedes Mal, wenn ich mich in meinem Leben freue, tue ich das voll und ganz. Weil Zeit für mich sehr begrenzt ist, versuche ich jede Minute auszukosten, mit anderen zu verbringen, zu genießen. Das ist erst so, seit ich im Rollstuhl sitze. Gleichzeitig ist die Stille die Gelegenheit, sich mit sich selbst zu befassen, nachzudenken, über Werte nachzudenken, über das, was wichtig ist.

Was ist wichtig?
Ich finde es extrem befreiend, nicht mehr zu dominieren, nicht mehr zu geben – geben ist ja oft weniger altruistisch, als es den Geber befriedigt –, sondern zu empfangen und zu nehmen. Die Menschen vergessen vor lauter Dominanz, was sie zu empfangen versäumen. Nehmen Sie meine kleine Tochter: Ich schaue sie einfach an, ich höre ihr zu, sie sendet entzückende Botschaften – früher hatte ich für so etwas keine Zeit, ich war in Aktion, ich war in Command. Jetzt bin ich verfügbar für Empfang. Das macht reich.

"Ich kann weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft flüchten, mir bleibt nur die Gegenwart" haben Sie geschrieben – was meinen Sie damit?
In unserer Gesellschaft sind Sie entweder ständig in Bewegung, paragleiten bzw. surfen auf Ihrem Leben, sind im Kopf der Zeit 24 Stunden voraus; oder Sie sind aus dem Business und bedauern die Vergangenheit. Aber für mich gibt es keine Überlebensmöglichkeit im Bedauern. Und ich kann nicht in die Zukunft planen. Also bleibt die Gegenwart. Ich habe nie Appetit auf die Zukunft, ich freue mich am Moment. Leben ist jetzt, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.

Trotzdem, planen Sie ein neues Buch?
Meine Schwester sagte mir: "Du sitzt jetzt bald 20 Jahre im Rollstuhl. Warum erzählst Du der Welt nicht, wie sie aus einer sitzenden Position aussieht?" Das gefiel mir. Vielleicht mache ich so etwas.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Zum Beispiel die unglaubliche Reaktion auf den Film. Ich glaube, die kommt nicht, weil er lustig ist, sondern weil er den Menschen in einer Zeit, wo sie nicht so glücklich sind, Sinn zeigt. Meine Hoffnung ist, dass die Menschen ihre Art zu leben ein bisschen ändern und wieder auf den anderen schauen.

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