epa01527602 A visitor examines Russian avant-garde artist Kazimir Malevich's 'Black Square' (1929), a copy made by the artist himself, at state art gallery 'Staatliche Kunsthalle' in Baden-Baden, Germany, 22 October 2008. The exhibition 'From Surface to Space. Malevich and Early Modern Art' runs from 25 October until 25 January 2009 and marks the 100th anniversary of the art venue. EPA/ROLF HAID

© APA/ROLF HAID

Jahrhundertwerk
03/29/2013

Erlösung vom Gewicht der Dinge

1913 zeigte Kasimir Malewitsch erstmals sein "Schwarzes Quadrat". Ein Meilenstein.

von Georg Leyrer

Das Wort „nur“ ist hier völlig falsch – aber es lässt sich fast nicht vermeiden.

Es ist also „nur“ ein schwarzes Quadrat auf einer grauweißen Leinwand.

Und doch eines der größten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts: Vor 100 Jahren, im Jahr 1913, zeigte der russische Künstler Kasimir Malewitsch erstmals öffentlich ein „Schwarzes Quadrat“. Und er beendete damit eine ganze Epoche der Kunst.

Wie und warum – das hat viel mit Erlösung zu tun: Erlösung nämlich der Kunst vom „Gewicht der Dinge“.

Malewitsch (1878–1935) führte mit seinem Werk das auf die Spitze, was die Kunst bereits zuvor beschäftigt hat: Es sollte bei der Malerei nicht mehr um die möglichst realitätsnahe Darstellung von Gegenständen, von Wirklichkeit gehen – sondern um pure Empfindung.

Die Folge dieses Gedankens: Eine radikale Entrümpelung dessen, was den Weg auf die Leinwand findet. Malewitsch reduzierte die Kunst auf das Notwendigste: schwarze Farbe auf weißer Leinwand. Und damit machte er sich nicht nur Freunde: „Alles, was wir geliebt haben, ist verloren gegangen: Wir sind in einer Wüste“, jammerte die fast verzweifelte Kunstkritik. Aber Malewitsch wollte mehr als Kunstkritiker ärgern. Es ging ihm nach und nach um nichts weniger als die Überwindung der Welt. Diesen Erlösungsgedanken durch die Kunst hatte er sich beim pessimistischsten aller Philosophen, Arthur Schopenhauer (1788–1860), angelesen.

Denn die Welt lügt, so der Gedanke, und die Malerei lügt noch viel mehr: Sie bietet nur schöngefärbte Täuschungen, die noch dazu Machthabern dienen sollten. Nichts davon aber ist real. Damit war es nun zu Ende, beides – Welt und gegenständliche Kunst – musste überwunden werden.

Und jetzt also sind wir bei der Erlösung durch das „Schwarze Quadrat“ angelangt.

Wagner

Hier schließt sich übrigens auch ein unerwarteter Kreis: Malewitsch, bei dem alles auf Reduktion angelegt ist, speist sich aus der selben Gedankenquelle wie Richard Wagner, der ja nicht eben für Zurückhaltung bekannt ist: Auch Wagners letzte Oper, das traditionsgemäß rund um Ostern aufgeführte Bühnenweihspiel „Parsifal“, hat seinen Erlöser-Gedanken von Schopenhauer übernommen; auch hier geht es um die Überwindung der Welt („Erlösung dem Erlöser“).

Dass das „Schwarze Quadrat“ sich hier von der Kunstseite her ganz nah an Religion heranwagt, war auch Malewitsch bewusst: Bei der großen Ausstellung im Jahr 1915 stellte er das mit 1915 datierte „Schwarze Quadrat“ oben in den Herrgottswinkel, wo sonst das Kruzifix zu finden ist. Erstmals zu sehen aber war ein „Schwarzes Quadrat“ Malewitschs bereits 1913, im Bühnenbild einer Oper, die schon im Titel wieder auf den Erlösungsgedanken verwies: „Sieg über die Sonne“ hieß das Werk, dessen Uraufführung im Dezember 1913 in St. Petersburg in einem Skandal endete.

Jahrestag

Eine Würdigung von Malewitsch und seinem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ fehlt jedenfalls schmerzlich angesichts des sonstigen Kampfmarketings, mit dem Künstler bei runden Jubiläen gerne tourismuswirksam beworben werden.

Dazu eignet sich Malewitsch aber auch nur bedingt: Er gründete zwar die Schule des „Suprematismus“, die im 20. Jahrhundert nachwirken sollte: Künstler wie Jean Tinguely, Carl Andre, Ad Reinhardt, Sol LeWitt oder Sigmar Polke setzten sich damit auseinander. Malewitsch selbst aber sah sich unter Stalin bald ins Abseits gedrängt und begann später wieder, gegenständlicher zu malen. Über seinem Totenbett prangte das „Schwarze Quadrat“.

Schwarzes Quadrat

Die Idee des „Schwarzen Quadrates“ entstand 1913 als Teil des Bühnenbildes einer Oper. Das Bild wurde zu einer Ikone.

2 Versionen des Jahrhundertwerks gibt es zumindest: Eine (datiert 1915) ist in der Tretjakow-Galerie in Moskau, die zweite (1923) im Russischen Museum in Sankt Petersburg.

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