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Kultur
03/29/2019

Erika Pluhar: "Die Romy ist mir seelenverwandt"

Die Wiener Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin erhält am 13. April Platin fürs Lebenswerk.

Am 28. Februar wurde sie 80 und feierte das in würdiger Wahr- und Wehrhaftigkeit in hinreißender Harmonie mit Freunden, Fans und Wegbegleitern im prallvollen Wiener Stadtsaal: Erika Pluhar, die heuer bei der 30. KURIER-ROMY-Gala (am 13. April in der Hofburg und live ab 21.10 Uhr in ORF 2) die Platin-Statue fürs Lebenswerk bekommen wird. Dabei trat auch – ein letztes Mal, nur wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod – ihr geliebter und geschätzter Herzensfreund, der Großmeister des geschliffenen Gedankens, Werner Schneyder, auf. Mit seiner längst fix vereinbarten ROMY-Laudatio hatte sie glücklich und getrost gerechnet.

Pluhars letzter Bühnenpartner in dessen Dramatisierung ihres Romans „Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?“ (2004, im „stadtTheater walfischgasse“ und in St. Pölten) wurde dann am selben Tag und sogar zur selben Stunde verabschiedet wie Pluhars letzter Filmpartner, der feinsinnige Schweizer Iffland-Ring-Preisträger Bruno Ganz (2009 in „Das Ende ist mein Anfang“).

Die Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin im KURIER-Interview über Romy Schneider, Pläne im Alter und Aversionen.

KURIER: Erika, du lachst?

Erika Pluhar: Ja, grad’ hab’ ich einen herrlichen alten jüdischen Witz wieder gehört.

Bitte erzähl’ ihn uns doch!

Gut. Kommt ein Mann zum Rabbi und fragt: „Rabbi, wie kann ich sicher sein, dass eine Frau kein Kind bekommt?“ – Der Rabbi „klärt“ und sagt dann: „Einen Apfel essen.“ – Der Mann: „Wie? Vorher oder nachher?“ – Darauf der Rabbi: „Anstatt.“

Lachst du heute mehr als früher?

Ich lache anders. Gelassener vielleicht. Sicher sogar.

Hat das mit dem Alter zu tun?

Ich war meinem Alter immer voraus. Mich hat der 80. Geburtstag nicht geschreckt. Natürlich rückt man der eigenen Vergänglichkeit unweigerlich näher. Das blende ich auch gar nicht aus. Das Leben ist eine Zumutung. Aber im Wort „Zumutung“ steckt auch „Mut“. Das ist so was wie meine Lebensparabel. Und damit der Begriff „Trotzdem“.

„Trotzdem“ – dein Lebenswort.

Und das kann man in so vielen Richtungen anwenden und verstehen. Widerstände überwinden, Trauer bewältigen, Angst bezwingen. Eine persönliche Grundhaltung – ohne Rücksicht auf Verluste. Irgendwann in der Mitte meiner Lebensjahre wurde mir bewusst: Die Öffentlichkeit, die Veröffentlichung meiner Person, habe ich auch als Verantwortung zu sehen, nämlich dafür, Stellung zu beziehen und Haltung zu zeigen.

Du kriegst jetzt die ROMY für dein Lebenswerk. Was verbindest du mit der Namensgeberin dieser Auszeichnung?

Ach, Romy Schneider! Ich fühle mich seelenverwandt mit ihr. Nicht, dass ich mich hier mit ihr vergleiche. Sie hat Weltkarriere gemacht. Aber, ich weiß es noch ganz genau, wie ich als kleines Mädchen – ich bin ja nur ein paar Monate jünger als sie – mit meiner Mutter ins Restaurant am Cobenzl durfte – der Treffpunkt der großen Welt. Was für ein Tag! Blick über Wien! Und am Nachbartisch saß sie – Romy Schneider ( 1982). So schön, so jung, aber schon so ein großer Star. Ich hab’ sie angehimmelt. Ich wusste: „So wie sie möchte ich auch werden.“

 

Es gibt interessante, um nicht zu sagen beklemmende Parallelen in euren Lebensläufen?

Ich denke oft an sie. Was zum Beispiel nützt einem all die Verehrung, wenn man allein im Badezimmer vor dem Spiegel steht? So wie Romy Schneider – noch einmal: ohne mich mit ihrer Bedeutung auch nur annähernd zu verwechseln – habe auch ich einen Mann durch Selbstmord verloren (bei Schneider war es Harry Meyen 1979, bei Pluhar Peter Vogel 1984, siehe S. 32), so wie sie habe auch ich ein unendlich geliebtes Kind verloren (bei Schneider war es Sohn David 1981 bei einem Unfall, bei Pluhar Tochter Anna durch einen Asthma-Anfall 1999). Es sind diese Abschiede, die so weh tun – und die man zugleich annehmen muss. Wir kommen auf die Welt und das Einzige, was wir genau wissen, ist, dass wir sterben werden. Alles andere ist ungewiss. Ich könnte mir zwar nichts Schöneres vorstellen, als Anna jetzt mit 56 sehen zu dürfen, aber für mich wird sie immer 37 sein. Ihr blieb dieser schmerzliche Prozess des Alterns erspart.

Was war der letzte Film, den du im Kino gesehen hast?

„3 Tage in Quiberon“, die intensive Aufarbeitung eines Interviews mit Romy Schneider aus dem Jahr 1981. Faszinierend und berührend.

Und das Theater?

Hab’ ich abgeschlossen…

"Die Politik macht mich sehr traurig"

Wann und womit?

Genau an meinem 60. Geburtstag. Ich spielte in Gorkis „Kinder der Sonne“ am Akademietheater und fühlte mich danach „vom Eise befreit“. Meine Tochter bereitete mir ein Fest, das sie leider nur um wenige Tage überlebte. Ich hörte mit der Schauspielerei auf, weil es für Frauen keinen „King Lear“ gibt – und, weil ich eine Rolle übernehmen konnte, die neue Facetten ihn mir freilegte. Das größte Positivum in meinem Leben ist, dass mir der Schritt von der Schauspielerin zur Schriftstellerin gelungen ist. Mein erstes Buch schrieb ich mit 40. Und seit Jahrzehnten schreibe ich Tagebuch – oder wie ich es nenne: Klagebuch. Mit Feder und Tinte. Hunderte davon gibt es. Aber sie sollen nie veröffentlicht werden – sie gehören nur mir.

Was sind die prägendsten Erinnerungen deiner Jugend?

Ich bin so unendlich gern in die Schule gegangen. Das Lesen und Schreiben waren ein beglückendes Universum nach dem Grauen des Krieges, das ich als Kind hautnah erleben musste. Es war der Reiz des Erfinden-Könnens eines anderen Lebens. Übrigens: Ich bin sehr dankbar, dass du mich nicht nach meinen Männern fragst. Das ist ja mittlerweile langweilig.

Wie bitte? André Heller und Udo Proksch – die und langweilig?

Geh, der eine war Discjockey bei Ö3, der andere Brillendesigner, als ich sie kennenlernte. Verrückte und verruchte Gestalten wurden sie erst später. Ich war doch nur eine Art von Trophäe für sie.

Hast du noch Pläne mit 80?

Ich will aufrichtig mit mir umgehen. Große neue Pläne hören sich auf. Ich bevorzuge die intensive Wahrnehmung der Gegenwart. Ich wünsche mir für die verbleibende Zeit nur einen Kopf, der funktioniert. Sollte das schwächeln, habe ich ernsthaft vor, zu Hause zu bleiben. Ich will mir die letzten Jahre nicht versauen.

Du warst immer politisch wachsam – wie geht’s dir heute?

Ich bin sehr traurig. Man konnte immer stolz sein auf Österreich, auch wenn gestritten wurde. Aber jetzt rutscht alles nach rechts, in Richtung Faschismus, nicht nur bei uns – die Menschheit steht heute am Scheideweg, ökologisch wie politisch. Das bringt mich aber nicht zum Schweigen – wie Werner Schneyder sagte: „Wer schweigt, verrät nichts, außer sich selbst.“

Was ist dein Lieblingswort?

Würde.

Was regt dich am meisten an?

Klugheit.

Was magst du gar nicht?

Dummheit.

Wie soll dich dein Gott einmal an der Himmelstür empfangen?

Hm … Mit meinem Lieblingswort – „Trotzdem“.

 „Die“ Pluhar: Ein ebenso öffentliches wie veröffentlichtes Leben

Kindheit und Jugend

Erika Pluhar kam am 28. Februar 1939 als zweite von drei Töchtern von Anna und Josef Pluhar in Wien zur Welt. Nach der Matura 1957 ging sie ans Reinhardt-Seminar und 1959 ans Burgtheater.

Karriere

Ensemblemitglied an der Burg bis 1999 (große Erfolge unter Achim Benning, selbst gewählter Abschied unter Claus Peymann).  Dutzende Filmrollen (wie „Bel Ami“, 1968).

Sängerin und Schriftstellerin

Chansons (seit 1972) und viele Tonträger, vor allem mit Klaus Trabitsch und Antonio d’Almeida. Bestseller-Autorin (seit 1981) .

Auszeichnungen

1979: Josef-Kainz-Medaille
1984: Robert-Musil-Medaille
1986: Kammerschauspielerin
2007: Billy-Wilder-Award
2009: Ehrenpreis des Buchhandels für Toleranz in Denken & Handeln

Privatleben

Zwei Ehen, erst mit Udo Proksch (1962–’67, Tochter Anna starb 1999), dann mit André Heller (1970–’73, Scheidung 1984), Beziehung mit Peter Vogel (bis
zu dessen Suizid 1984).