Very British, aber von einem Italiener gemalt: Giovanni Antonio Canal, Il Canaletto (1697-1768), The Old Horse Guards, London, from St. James's Park

© Andrew Lloyd Webber Foundation

Kultur
06/25/2016

England ist ein Geisteszustand

Was ist britisch? Beobachtungen bei Kunstauktionen und Ausstelllungen in London und Wien

von Michael Huber

Was britische Kunst ist, wird gerade im Stammhaus von Christie’s in der Londoner King Street festgelegt: Hier zeigt man derzeit die Ausstellung „Defining British Art“ mit Meisterwerken britischer Kunst aus verschiedenen Epochen. Ein Teil wurde einst bei Christie’s verkauft, ein anderer soll bei einer Auktion am kommenden Donnerstag, exakt eine Woche nach dem Brexit-Referendum, neue Besitzer finden.

Der Termin hat zwar weniger mit der Abstimmung als mit dem 250. Bestandjubliläum des Traditionshauses zu tun. Doch Christie’s zelebriert nicht zufällig das „Britische“: Die Lust an Noblesse und Distinktion sowie an Geschäften, die stets auch Theater und Wettspiel beinhalten, gehört zum Image des Auktionswesens. Dabei ist dieses längst ein weltumspannendes Business. Auch die Kunst hat sich von nationaler Identität entkoppelt.

Die Skulptur von Henry Moore, die imposant im Zentrum des Christie’s-Schauraums platziert ist, stammt etwa von US-amerikanischen Besitzern. Flankiert wird sie von einem riesigen Gemälde einer „Liegenden“ von Francis Bacon und einem ebenso großen Bild eines Paares von Lucian Freud; für alle Werke wird ein Preis um die 20 Millionen Pfund erwartet, die Käufer kommen auch aus Hongkong oder den USA: „Wir hatten noch nie so viel internationales Interesse für eine Auktion britischer Kunst“, sagt Christie’s-Präsident Jussi Pylkkänen.

Sonderfall Britannien?

Schon ein Blick in die nahe gelegene National Gallery unterstreicht, dass Kunst seit Langem nationenübergreifend funktioniert: Vom flämischen Maler Anthonis Van Dyck (1599 – 1641), der als Hofmaler Karls I. zum „Sir“ befördert wurde, spannt sich hier der Bogen zum Einwandererkind Lucian Freud (1922 – 2011), dem Enkel Sigmund Freuds: Er vermachte der Galerie ein Gemälde als Dank für die Aufnahme seiner Familie im Jahr 1933.

Dennoch zeigt sich im Museum wie im Auktionshaus auch das ständige Bemühen, britischer Kunst einen Sonderstatus zu verleihen: 1768 – zwei Jahre nach Christie’s – wurde die „Royal Academy of Arts“ gegründet; deren Mitglieder tragen stolz das Kürzel „R.A.“ hinter ihrem Namen, oft gemeinsam mit anderen Adels- und Ehrentiteln.

Ritterschläge

Das Standesbewusstsein britischer Künstler erscheint noch heute ausgeprägter als anderswo – auch die „Young British Artists“ (die überwiegend am Goldsmith-College studierten) traten in den 1990ern wie eine Gilde auf.

Der Turner-Preis ersetzte ab 1984 den Ritterschlag (wiewohl manche Künstler auch diesen erhielten): Unter den Preisträgern und Nominierten waren die Kunst-Gentlemen Gilbert & George ebenso wie die Skandalnudeln Damien Hirst, Tracey Emin oder Mona Hatoum, die derzeit mit einer Schau in der „Tate Modern“ präsent ist.

Unübersehbar ist, dass die britische Kunst-Elite heute auch die Durchmischung der Bevölkerung reflektiert: Hatoums Wurzeln liegen im Libanon, jene von Skulptur-Star Anish Kapoor in Indien, die von Maler Chris Ofili in Nigeria. Fahnenschwingende Patrioten haben es am ehesten noch in die karikaturhaften Fotos von Martin Parr geschafft, diederzeit in Wienzu sehen sind. Die Kreativen, die 2015 84 Milliarden Pfund zur britischen Wirtschaft beitrugen, kennen wohl die Unterschiede zwischen augenzwinkernd kultivierter Eigenheit und realer Abschottung: Sie setzten sich für den EU-Verbleib ein.
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