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Kultur
08/17/2021

„Engagements nicht auf die Frage, ob Frau oder Mann, reduzieren“

Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv über ihre Zeit als Chefdirigentin Graz, in Debüt in Bayreuth und Frauen am Pult

Auf die Anrede Maestro legt Oksana Lyniv im Gespräch mit dem KURIER keinen Wert. Die 1978 in Brody in der Ukraine geborene Dirigentin schrieb diesen Sommer ein neues Kapitel bei den Richard-Wagener-Festspielen in Bayreuth. Als erste Frau dirigierte sie am Grünen Hügel.

Eines ist gleich klargestellt. Gespräche über Frauen am Pult lassen sich heute zwar nicht vermeiden, lieber aber spricht sie ich über die Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern und über Interpretationen, sagt sie. Die Neuproduktion des „fliegenden Holländer“ in Bayreuth leitete sie in Ausnahmezustandszeiten. Der Chor darf nicht auf der Bühne singen, sondern wird aus einem anderen Gebäude übertragen, das Festspielhaus ist nur zur Hälfte belegt.

Fand sie es nicht unfair, ausgerechnet unter diesen Bedingungen an so einem Ort zu debütieren? „Auch für einen erfahrenen Dirigenten, für alle, ist diese Situation neu“ sagt sie und beschreibt die harten Proben. Wir hatten unter sehr strengen Sicherheitsmaßnahmen proben müssen. Jeden Tag PCR-Test, immer mit FFP2-Maske, nur das Orchester durfte ich ohne Maske dirigieren. Die Streicher aber mussten mit Maske spielen.“

Unter der Lupe

Eines aber ist ihr klar, als Frau werde man unter allen Umständen auch heute anders beurteilt. „Wenn man Kritiken liest, merkt man, dass es noch immer als Ereignis angesehen wird, wenn eine Frau dirigiert. Man wird noch genauer unter die Lupe genommen. Wenn man dann auch noch eine eigene Interpretation spielt, noch schärfer. Engagements aber dürfen nicht allein auf die Frage, ob Frau oder Mann, reduziert werden. Wir müssen auf die Qualität schauen“, betont sie. Einladungen wie ihre nach Bayreuth bekomme man nicht, weil man eine Frau ist, sondern „weil man Erfahrungen hat, weil sich die Karriere weiterentwickelt. Dass man als Frau oft zum ersten Mal auftritt, heißt doch nichts anderes als, dass die Zeit dafür gekommen ist. Und es kommen derzeit viele wichtige Einladungen, man hofft, dass man auch überall gut bestehen kann“, sagt sie.

Lyniv ist gefragt, einer der Gefragtesten ihrer Generation. Das ahnte sie, als sie ihren Vertrag für den Posten als Chefdirigentin an der Grazer Oper 2019 nicht verlängern ließ. Dass sie frei war, als das Virus den Kulturbetrieb stillgelegt hat, musste sie nie bereuen. Trotz abgesagter Debüts an der Pariser Oper und am Theater an der Wien war sie ständig beschäftigt. Die Wiener Symphoniker, die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks waren nur einige, die sie für Streaming-Konzerte ans Pult holten. Die Arbeit wird mit allen fortgesetzt.

In der Ukraine betreut sie ein von ihr gegründetes Jugendorchester. Mit der Wiener Staatsoper führt sie Gespräche, auch aus Übersee hat sie Angebote zu sondieren. Möglicherweise, meint Lyniv, werde bald niemand mehr darüber reden, wer am Pult steht, „je mehr Frauen dirigieren und wichtige Positionen einnehmen.“

Von Susanne Zobl

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