Bestseller-Autorin Elisa Hoven: Wie man das perfekte Verbrechen begeht
Rasend feministisch ist die Frage ja nicht, aber die Strafrechtsprofessorin und Bestsellerautorin Elisa Hoven hat nichts dagegen, wenn man sie fragt, ob sie der „weibliche Schirach“ sei. So wird sie nämlich öfter bezeichnet, und der Vergleich mit dem berühmten Kollegen geht für sie in Ordnung, wenngleich sie sich auch schon einmal über ihn geärgert hat. Ein Gespräch mit der Autorin und Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven über „Feine Risse“ und heikle Fälle.
KURIER: Anklage oder Verteidigung: Die Strafverteidigerin Eva Herbergen, Protagonistin Ihres Buches „Feine Risse“, hat manchmal das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen. Kennen Sie das?
Elisa Hoven: Ich bin Professorin für Strafrecht und nicht selbst Strafverteidigerin, insoweit habe ich das Glück, mir meine Seite immer aussuchen zu können. Ich schaue mir einen Fall an und überlege, in welche Richtung ich argumentieren würde, für oder gegen eine Strafbarkeit. Dann schaue ich mir das Recht an, und wenn ich das Gefühl habe, das Recht kommt zu falschen Ergebnissen, dann kann ich dagegen anschreiben. Als Strafverteidigerin hat man es nicht ganz so leicht. Das ist ein Konflikt auch in meiner Protagonistin. In Gesprächen mit Verteidigerinnen und Verteidigern begegnet mir dieses Spannungsverhältnis immer wieder. Die meisten sind es gewöhnt, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Aber es gibt Situationen, in denen man an Grenzen stößt, in denen man sich fragt: Was mache ich hier eigentlich? Warum verteidige ich das? Warum stehe ich auf dieser Seite – auch dann, wenn es den eigenen moralischen Überzeugungen widerspricht? Genau diesen inneren Konflikt wollte ich sichtbar machen.
In Ihrem Buch fällt auch der Satz: Opfer wollen Rache. Kann Justiz auf so etwas Antworten finden?
Nicht alle Opfer empfinden so, aber viele haben einen starken Wunsch nach staatlicher Sanktion. Rache klingt sehr archaisch, aber wir können auch von einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit oder Vergeltung sprechen. Das ist etwas, das das Strafrecht durchaus leistet und leisten soll. Wer eine Straftat begangen hat, der soll eine angemessene Strafe erhalten. Im Kern geht es also um etwas Ähnliches wie Rache, um eine gerechte Antwort auf begangenes Unrecht. Weniger emotional, stärker rationalisiert, aber dennoch ist es ein Ausgleich. Die Justiz bestätigt den Opfern, dass ihnen Unrecht widerfahren ist, dass der Staat darauf reagiert, dass er sich auf ihre Seite stellt und den Täter bestraft. Ob das im Einzelfall gelingt und sich für die Betroffenen auch so anfühlt, das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich.
Können Sie das Gefühl mancher Menschen, Recht habe nicht immer mit Gerechtigkeit zu tun, nachvollziehen?
Ich kann verstehen, dass dieser Eindruck manchmal entsteht. Ich widerspreche aber, wenn es heißt: Gerechtigkeit sei gar nicht der Anspruch des Rechts. Im Kern dient das Recht der Gerechtigkeit. Eine Rechtsordnung muss von den Menschen als gerecht empfunden werden – sonst verfehlt sie ihren Zweck. Natürlich gibt es Fehlurteile. Und es gibt Fälle, in denen Entscheidungen nicht gut vermittelt werden und deshalb als ungerecht erscheinen. Aber oft zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass die Entscheidung rechtlich und auch im Ergebnis vertretbar ist. Das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit ist also nicht spannungsfrei – aber zu behaupten, es habe nichts miteinander zu tun, greift deutlich zu kurz.
Elisa Hoven:
„Feine Risse“
S. Fischer.
288 Seiten.
23,95 Euro.
Sind die Fälle, die Sie im Buch besprechen, real?
Die meisten Fälle haben einen realen Kern. Es sind aber keine Nacherzählungen wie bei True Crime, sondern erdachte Geschichten. Der Unfall in der ersten Geschichte geht zum Beispiel auf ein interessantes Rechtsproblem zurück, das ich in meinen Vorlesungen bespreche. Eine andere lehnt sich an den tödlichen Schuss durch Alec Baldwin auf einem Filmset an. Und die Entführungsgeschichte behandelt ein zeitloses strafrechtliches Dilemma: Wie geht man damit um, wenn ein Beschuldigter die Wahrheit kennt, aber schweigt – und dadurch das Leben eines Kindes gefährdet? Diesen Fall gibt es in verschiedenen Varianten; ich wollte ihn einmal mit einem ganz anderen Twist erzählen. Nur eine Geschichte ist vollständig erfunden: das Zufallsopfer. Meine Überlegung dazu war, wie man das „perfekte Verbrechen“ begehen kann.
Kann man das denn?
In meinen Büchern auf jeden Fall. Sowohl in „Dunkle Momente“ als auch in „Feine Risse“ gibt es ein paar annähernd „perfekte“ Verbrechen. Taten, die nicht zur Verurteilung geführt haben, weil sie entweder besonders raffiniert geplant oder so geschickt verdeckt wurden, dass sie kaum nachweisbar sind. Oder weil man sich die Feinheiten des Rechts zunutze gemacht hat … Ich gehe davon aus, dass es auch im echten Leben einige Taten gibt, die nie aufgeklärt wurden.
Es ist auffallend, dass viele Juristen Schriftsteller werden. Weil man als Jurist besonders viel und sensibel mit Sprache umgehen muss?
Ich glaube schon. Jura ist in gewisser Weise tatsächlich eine Sprachwissenschaft: Es geht ständig um das Auslegen von Texten, um Nuancen, um den genauen Sinn von Worten. Man arbeitet permanent mit Sprache – und man schreibt sehr viel. Deshalb ist der Schritt zu einer anderen Form des Schreibens oft gar nicht so groß: weg von der präzisen juristischen Argumentation, hin zu erzählerischen Formen. In meinem Fall kommt noch hinzu, dass ich mich als Strafrechtlerin mit unglaublich spannenden Fällen beschäftige. Viele davon tragen schon den Kern einer guten Geschichte in sich – man denkt automatisch: Daraus ließe sich auch ein Roman machen.
Was sagen Sie zu dem Spruch „zwei Juristen, drei Meinungen“?
Da ist viel Wahres dran – und eigentlich ist es etwas Positives. Genau das schätze ich am Jurastudium und an der juristischen Arbeit. In gesellschaftlichen Debatten wird oft so getan, als gäbe es nur eine richtige Meinung und alle anderen wären falsch oder unsinnig. Juristinnen und Juristen wissen, dass das so nicht stimmt. Es gibt häufig mehrere gut begründbare Positionen, die nebeneinander stehen können. Und genau diese Offenheit für unterschiedliche, vertretbare Lösungen macht die Stärke des Rechts aus.
Wie finden Sie es, wenn Sie als weiblicher Ferdinand von Schirach beworben werden?
Es gibt sicher ungünstigere Vergleiche! Ich lese Ferdinand von Schirach sehr gern. Gleichzeitig versuche ich, in meinen Texten stärker die Menschen hinter den Taten sichtbar zu machen: Wer sind sie, was treibt sie an, wie erleben sie das Geschehen? Diese psychologische Perspektive interessiert mich besonders. Und meine Sicht ist vielleicht manchmal eine andere. In meinem ersten Buch erzähle ich zum Beispiel einen Vergewaltigungsfall, der bewusst an eine Geschichte von Schirach angelehnt ist. Ich fand sie literarisch beeindruckend, aber ich konnte sie kaum aushalten: Das Opfer blieb stumm, bekam kein eigenes Gesicht. In meiner Version steht sie im Mittelpunkt – und dreht die Rollen um. Vielleicht ist das tatsächlich ein etwas anderer, womöglich auch ein weiblicher Blick auf die Dinge.
Also, Schirach ist durchaus eine Inspiration auch für Sie.
Ja, klar. Er war der Erste, der angefangen hat, über diese Fälle zu schreiben. Es ist toll, dass er es geschafft hat, eine breite Öffentlichkeit für die Fragestellungen des Rechts zu begeistern.
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