„Das schweigende Mädchen“: Thomas Schmauser, Wiebke Puls, Benny Claessens, Risto Kübar (v. li. n. re.)

© JU/Ostkreuz

Jelinek-Uraufführung
09/29/2014

Ein beklemmender Gerichtssaal-Krimi

Jubel für Elfriede Jelineks neues Stück zum NSU-Prozess: "Das schweigende Mädchen" in den Münchner Kammerspielen.

von Werner Rosenberger

Die Angeklagte Beate Zschäpe schweigt im seit Mai 2013 laufenden NSU-Prozess, in dem die Mordserie des rechtsextremen Terrortrios aufgeklärt werden soll.

Mit dem hochaktuellen, politischen Stoff, dass Polizei und Politik sieben Jahre lang einen fremdenfeindlichen Hintergrund für die Taten ausgeschlossen haben, eröffnete Johan Simons die letzte Spielzeit seiner Intendanz an den Münchner Kammerspielen: "Das schweigende Mädchen" von Elfriede Jelinek spürt dem rechten NSU-Terror nach.

Die Text-Collage enthält Prozessprotokolle und Bibelstellen. Neben einem Richter und der Jungfrau Maria treten auch Engel und Propheten auf.

Vielstimmiges Konzert

Beim Mix aus NSU-Prozess und Jüngstem Gericht verzichtet Simons in seiner von mehr als 220 Seiten stark gekürzten Interpretation der Text-Flächen auf jede Illustration. Das Stück wird sozusagen konzertant gegeben.

"Zwei Stunden dauert das vielstimmige Konzert, in dem sich Wortspiele, Klagelieder, Klänge aneinanderreihen, Erlösungsfantasien, Heilsversprechen und Stammtischparolen einander abwechseln, Anekdoten von entfernten Eierstöcken, Zschäpes Katzen und dem Schalldämpfer, der dummerweise nur auf eine Pistole passte", schrieb das Hamburger Abendblatt.

"Das schweigende Mädchen" leiste "intensive Trauerarbeit", befindet die Süddeutsche Zeitung, "ein manischer Wortschwall, wie frisch aus einem auf Hochtouren arbeitenden, mit Fakten und Fragen vollgesogenen, sich glühend an den NSU-Taten abarbeitenden Gehirn gepresst."

"Ein Text von schier biblischer Wut und Wucht, Anklageschrift, Geschichtsstunde und Totenklage zugleich, zusammenmontiert aus Medienberichten, Aktenbefunden und Fakten, mythologisch und religiös aufgeladen bis zur Wunderlichkeit."

Die Nobelpreisträgerin hat einmal mehr die braune Vergangenheit im Visier, die so gar nicht vergangen ist; und das Pressewesen überhaupt.

www.muenchner-kammerspiele.de

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