Die jüngste Booker-Preisträgerin: Eleanor Catton.

© REUTERS/OLIVIA HARRIS

Eleanor Catton: "Die Gestirne“

Goldrausch mit Sonne im Löwen

Die Booker-Preisträgerin hat ihr Abenteuer auf astrologischen Grundlagen gebaut.

von Peter Pisa

11/21/2015, 06:00 AM

Verharmlosen sollte man das Problem nicht.

Klar mussten die Goldgräber in Neuseeland noch besser auf sich achtgeben, und gleich wird man erfahren:

Da sitzt ein Einsiedler tot am Esstisch seiner schäbigen Hütte.

Unweit entfernt, auf der Straße nach Christchurch, liegt eine halb tote Prostituierte. Sie hatte ein Opiumpfeifchen geraucht, vielleicht war das Zeug ja vergiftet.

Arme Nase

Und der reichste Mann im neu erbauten Goldrausch-Städtchen Hokitika – wo es übrigens eine Zeitung gibt, aber kein Kaffeehaus, in dem man genussvoll blättern könnte –, ein netter junger Mann mit vielen alten Neidern, der ist schon seit Wochen verschwunden.

Es ist also recht finster 1864/1865 an der Westküste der neuseeländischen Südinsel, 15 Jahre nach den "Gold! Gold! Gold"-Rufen in Kalifornien.

Trotzdem ist es auch nicht ungefährlich, wenn man bloß im Bett liegt und "Die Gestirne" in beiden Händen hält.

Die 1000 Seiten wiegen ein paar Kilo, und nickt man ein ... also, die krachende Nase hat überhaupt keine Freude mit dem Buch.

Faden verloren

Man nickt ein. Geht nicht anders. Weil man die abenteuerliche Liebesgeschichte möglichst schnell "packen" will.

Denn erstens will man tief in das Geflecht eintauchen, sich verheddern und bis zum Ende ("Hör nur." – "Was denn?" – "Der Regen.") drinnen bleiben.

Perfekt ist diese Romankonstruktion. Zu perfekt fast. Die damals 28-jährige Neuseeländerin Eleanor Catton hat 2013 dafür den renommierten Booker-Preis bekommen.

Zweitens würde man rasch den Faden verlieren, legte man längere Pausen ein.

(Wieso glaubt Alistair Lauderbeck, sein Halbbruder Crosbie Wells, der später tot am Esstisch aufgefunden wird, sei mütterlicherseits der Halbbruder des Schurken Francis Carver, welcher den Dreimaster "Godspeed" herausgepresst hat? Na bitte, alles vergessen.)

Und drittens will man halt noch ein paar Geschichten anderer Autoren "erleben".

Kürzere, wenn möglich.

Im Netz

Es ist ja nicht nur so, dass in "Die Gestirne" ein Schotte nach Hokitika kommt, um hier sein Glück zu suchen. Auf der Fahrt ergriff ihn ein (uns unbekannter) Schrecken. Im Rauchsalon eines Hotel stärkt er sich mit Brandy ...

Es geht ja nicht allein darum, dass ihn die zwölf Anwesenden dort ins Vertrauen ziehen: Jeder sitzt nämlich "zufällig" in einem Netz aus Verbrechen und will da möglichst schnell raus.

Das Buch ist nämlich außerdem noch:

a) nichts ganz Ernstes, sondern eine Parodie auf die Tschin-Bumm-Romane des 19. Jahrhunderts;

b) astrologisch strukturiert. Sternen- und Planetenpositionen bestimmen die Handlung.

Übersetzerin Melanie Walz hat im Interview gemeint, sie sei jetzt in der Lage, in einem Wahrsagerbetrieb zu arbeiten (oder hinter der Schank in einem Mittelklasse-Bordell).

Bei Sonne im Löwen wird selbstbewusst vorgegangen – wenn der Skorpion vom Mars regiert wird, gibt’s einen Wickel usw.

Man müsste "Die Gestirne" ein zweites Mal lesen.

Theoretisch.

Eleanor Catton: „Die Gestirne“. Übersetzt von Melanie Walz. btb Verlag. 1040 Seiten. 25,70 Euro. Hörbuch um 28,99 Euro. 30 Stunden lang wird vorgelesen.

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