Über eine riesig lange, gebogene Rolltreppe gelangt man in die Elbphilharmonie, die auf einem Speicher errichtet wurde

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Kultur
02/27/2019

"Elbphilharmonie ist nicht unbedingt ein Saal für Anfänger“

Intendant Christoph Lieben-Seutter über das neue Wahrzeichen von Hamburg und die Kritik von Jonas Kaufmann an der Akustik

KURIER: Thomas Angyan, Intendant des Musikvereins, lässt seinen Vertrag 2020 auslaufen. Als Wunschkandidat wurde immer wieder Ihr Namen genannt.

Christoph Lieben-Seutter: Das ehrt mich, ist aber keine Option. Die Elbphilharmonie ist mein Baby. Ich bin einst mit drei Mitarbeitern gestartet, jetzt sind wir 200. Wir sind erst zwei Jahre im Vollbetrieb, es läuft sehr gut, auch wirtschaftlich. Ich kann hier meine Stärken besser verwirklichen als anderswo und habe daher kürzlich meinen Vertrag bis 2024 verlängert.

Der Saal wurde auf einem Speicher errichtet. Man muss daher einen langen Weg zurücklegen, bis man beim Heiligsten angelangt ist. Die Rolltreppe hinauf ist eine der längsten in Europa. Das gehört zur Inszenierung?

Ja, auch die Plaza im 8. Stock, die den ganzen Tag über frei zugänglich ist, sowie die Foyerlandschaft machen den Konzertbesuch zu einem besonderen Ereignis.

Man muss auch viele Stufen steigen. Es soll etliche Knochenbrüche gegeben haben.

Der Saal steigt ja sehr steil an. Es stimmt, die Treppen waren am Anfang eine Gefahr, es gab ein paar Unfälle. Aber wir haben nachgerüstet, Geländer montiert, die Stufen besser markiert. Dass hin und wieder etwas passiert, hängt auch mit der Masse an Besuchern zusammen: Pro Jahr gehen 900.000 Leute in die Konzerte in der Elbphilharmonie!

Man spricht von einer „Weinberg-Architektur“. Warum?

Der Begriff kommt von der Anordnung der Tribünen. Herbert von Karajan hat zusammen mit dem Architekten Hans Scharoun Anfang der 1960er-Jahre die Berliner Philharmonie konzipiert: Die Tribünen wurden in Terrassen, hintereinander gestaffelt, rund um die Bühne angeordnet. Genaugenommen ist die Elbphilharmonie keine reine Weinberg-Architektur, weil die Terrassen übereinandergeschichtet sind. Der Begriff wird trotzdem verwendet – eben als Gegensatz zur anderen Konzerthaus-Architektur, der Schuhschachtel.

Die Architektur erinnert mit den geschwungen Bögen und amorphen Formen an das Goetheanum von Rudolf Steiner in Dornach. Bewusst?

Ich verstehe, was Sie meinen. Der Saal ist eben unsymmetrisch und wirkt organisch, das macht seine große Attraktion aus. Jeder, der in den Saal kommt, egal ob Publikum oder Künstler, ist sofort gefangen von der Atmosphäre. Die eine fühlen sich wie in einer Höhle geborgen, die anderen empfinden den Saal futuristisch. Er regt die Fantasie an. Aber die Architekten kommen aus einer ganz anderen Ecke. Herzog & de Meuron sind in jahrelanger Detailarbeit mit hunderten Modellen, geradezu evolutionär, auf diese Form gekommen – immer in Absprache mit den Akustikern.

Jüngst wurde die Akustik kritisiert. Sind die Vorwürfe von Jonas Kaufmann berechtigt?

Sein Tourneeprojekt mit Mahlers „Das Lied von der Erde“ war sehr herausfordernd – und in der Balance zwischen Solisten und Orchester nicht optimal. Es gab auch anderswo Beschwerden, dass Kaufmann nicht deutlich genug zu hören war, in München, wie man hört, sogar weit mehr als in Hamburg. Aber bei uns haben eben zwei Besucher ihren Unmut kundgetan: „Herr Kaufmann, wir können Sie nicht hören!“ Das hat eine Lawine an Meldungen losgelöst. Hier finden täglich tolle Konzerte vor einem konzentrierten Publikum statt. Aber in dem Moment, wo eine Gruppe von Leuten rausgeht, weil sie vom Konzert etwas Anderes erwartet haben, sind wir „talk of town“. Die Elbphilharmonie ist ein derart berühmtes Gebäude, dass es eine absurde Übersteigerung gibt – im Positiven wie im Negativen.

Ist der Saal überhaupt für einen Liederabend konzipiert?

Von den insgesamt 2100 Plätzen sind etwa 500 seitlich oder hinter der Bühne. Und die menschliche Stimme ist zielgerichtet wie kein anderes Instrument. Wenn man direkt hinter dem Sänger sitzt, ist die Sprachverständlichkeit reduziert, hat man einen gedämpften Höreindruck. Das ist kein Phänomen der Elbphilharmonie allein, sondern aller ähnlich konstruierten Säle. Trotz der vielen Vorteile der Weinberg-Architektur kommt daher immer wieder einmal eine Diskussion auf. Und zu einem Superstar wie Kaufmann gehen natürlich auch Leute, die am liebsten Verdi-Arien hören würden. Nun hören sie eine riesige Mahler-Sinfonie mit donnerndem Orchester – und dann singt Kaufmann auch noch in die falsche Richtung. Aber Skandal? Wegen einem einzigen Konzert von knapp 400 im Jahr, das nicht optimal war? Wir haben laufend auch Abende mit Sängern, die super funktionieren. Kaufmann hat eben lieber dem Saal als seinem Dirigenten die Schuld gegeben. Ein paar Tage später wurde „Das Lied von der Erde“ noch einmal aufgeführt – von den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev. Alle waren happy. Sagen wir so: Die Elbphilharmonie ist nicht unbedingt ein Saal für Anfänger. Man muss schon ein bisschen was können.

Wie hoch ist eigentlich der Anteil der Touristen, die nur kommen, um einmal in der Elbphilharmonie gewesen zu sein?

Nicht sehr hoch. Die Bustouristen machen weniger als fünf Prozent der Besucher aus. Ich würde sagen, dass über 90 Prozent des Publikums aus Hamburg und der Region kommen.

Die Auslastung beträgt über 99 Prozent. Sie müssen also beim Programmieren keine Rücksicht aufs Publikum nehmen?

Die Elbphilharmonie ist tatsächlich immer voll – unabhängig vom Programm. Das ist ein Traum für jeden Veranstalter. Wir machen viele herausfordernde Konzertprogramme vor vollem Haus, die anderswo nur 200 oder 300 Besucher hätten. Aber natürlich will man das Publikum begeistern.

Gibt es Vorgaben bezüglich des musikalischen Spektrums?

Es muss gute Musik sein.

Es kann auch Rockmusik sein?

Ich habe auch schon The National engagiert, die Einstürzenden Neubauten und John Cale. Dieser Tage gibt Laurie Anderson gleich mehrere Konzerte. Das ist einer der Gründe, warum es hier schöner ist als im Musikverein. Meine Vorlieben sind in vielen Genres zuhause. Ich engagiere die Künstler, die ich spannend finde. Allerdings gibt es für Rockmusik, die nicht so lange im Voraus geplant wird, kaum freie Termine. Denn der Saal ist bis zum Sommer 2020 fast immer ausgebucht.

Wann hat man am ehesten Chancen, Karten zu ergattern?

Das Jahresprogramm kommt Ende April raus. Ab da kann man Karten bestellen. Und ab 20. Juni geht ein Großteil der Karten in den freien Verkauf. Aber auch unter dem Jahr kommen immer wieder neue Konzerte und Festivals in den Verkauf.