Ausschnitt aus Original-Illustration von Louis Slobodkin

© /Louis Slobodkin / Novumverlag

Literatur
06/24/2016

Eines der wichtigsten Kinderbücher, und niemand hier kennt es

Die 70 Jahre alte amerikanische Geschichte vom Einwandererkind wurde erstmals übersetzt.

von Peter Pisa

"The Hundred Dresses" wurde von amerikanischen Pädagogen unter die 100 besten Kinder- und Jugendbücher der Welt gewählt.

(Keine Vorurteile bitte: Auf dieser Liste sind auch Harry Potter, mehrere Bücher von Roald Dahl, Shel Silverstein und Dr. Seuss ...)

Eleanor Estes, eine Bibliothekarin aus Connecticut, hat es geschrieben.

"The Hundred Dresses" war nicht nur eine Aufforderung, gegen Schikanierer, Drangsalierer, Tyrannen aufzubegehren.

Der Roman war auch Eingeständnis ihrer Schuld. Denn Eleanor Estes war, als sie zur Volksschule ging, so ein dummes Mädchen wie Peggy. (Erklärung folgt.)

1944 erschienen, fand ihr Buch nie den Weg in den deutschen Sprachraum.

Doch. Jetzt. Die Wienerin Adelheid Scheibmaier, in der Musikbranche tätig, hatte ein Geschenk für ihre zehnjährige Enkeltochter Jody gesucht ... und Eleanor Estes entdeckt.

Die amerikanische Autorin ist seit fast 30 Jahren tot. Ihre Tochter Helena aber erlaubte Adelheid Scheibmaier die erstmalige Übersetzung ins Deutsche.

Lügnerin?

"Die hundert Kleider" handeln von Wanda, einem polnischen Mädchen, das in den USA zur Schule geht und von der Lehrerin in die letzte Reihe gesetzt wird. (Keine Vorurteile bitte?).

Wanda trägt jeden Tag dasselbe fadenscheinige blaue Kleid, und die anderen Schülerinnen – unter ihnen eine gewisse Peggy – sekkieren sie deshalb.

Peggy fragt unermüdlich: "Wie viele Kleider hängen denn in deinem Schrank?"

Und Wanda, immer freundlich, antwortet: "Hundert."

Alle lachen, rufen "Lügnerin!" und lassen Wanda allein stehen. Wanda bleibt trotzdem dabei: Es sind hundert Kleider im Kasten. Und 60 Paar Schuhe.

Das Traurigste an einer solchen Mobbing-Geschichte ist: Man kann das Geschehene vielleicht nie mehr gutmachen. Es ist wie mit einem Bettler, an dem man zuerst vorübergeht. Später dann denkt man nach, geht zurück – aber der Bettler ist nicht mehr da.

Das kann einem der Kerl doch nicht antun!

Wanda und ihr Vater übersiedeln in eine größere Stadt. Was hilft es, dass Peggy und die anderen Mädchen nun bereuen?

PS: Wanda hatte tatsächlich 100 Kleider daheim im Kasten.

Gezeichnete.

Herrlich gezeichnete.

Eleanor Estes: „Die hundert Kleider“
Illustriert von Louis Slobodkin.
Übersetzt von H. Scheibmaier.
Novumverlag. 98 Seiten. 24,90 Euro.