Einen Schatz suchen, die Gier finden

AHMET ÖĞÜT, Black Diamond, 2010 © Installatio…
Foto: /Ahmet Öğüt AHMET ÖĞÜT, Black Diamond, 2010 © Installationsansicht | installation view Van Abbemuseum, Eindhoven, NL Foto | Photo: Ahmet Öğüt

Die Festwochen-Schau „The Conundrum of Imagination“ erzählt alternative Kolonialgeschichten.

 Wenn Österreich Nigeria kolonisiert hätte, würden dort heute an jeder Wegkreuzung barocke Heiligenstatuen stehen. So stellt sich das jedenfalls der aus Lagos stammende Fotograf Abraham Onoride Oghobase vor: Seine Serie  von Fotomontagen hängt am Beginn der ambitionierten Ausstellung der Wiener Festwochen, die sich im Untergeschoß des Leopold Museums  breit gemacht hat. Fünf weitere Werke wurden  im „Performeum“ im 10. Bezirk installiert (bis 18.6.).

Alles umgekehrt

Den Blick umzukehren und den Rollentausch zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten vorstellbar zu machen, ist das Anliegen der Ausstellung, die wie  vieles bei den Festwochen einen kaum übersetzbaren Namen trägt. „Kolumbus wurde von dem entdeckt, was er fand“ heißt es jedenfalls in einem Gedicht  James Baldwins, auf das sich der Titel „The Conundrum of Imagination“ bezieht.

Zu finden ist auch im Museum einiges: So lässt sich Ahmet Öğüt  Besucherinnen und Besucher nach einem Objekt suchen, das  gegen einen Diamanten  getauscht werden kann. Bloß ist das zu findende Stück in einem Berg Kohle vergraben – wer den Schatz heben will, muss sich also schmutzig machen. Für Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung ist dies eine Paraphrase darauf, dass Ausbeutung stets in zwei Richtungen wirkt: „Wer andere dehumanisiert, dehumanisiert sich selbst“, sagt er. 

AKOM160001<br />
John Akomfrah<br />
Tropikos, 2016<br />
Single … Foto: Courtesy Lisson Gallery/John Akomfrah/ Lisson Gallery Ndikung gab freimütig zu, dass seine Co-Kuratorin Pauline Doutreluingne die meiste Arbeit erledigte – er selbst ist schließlich auch Co-Kurator der documenta, die heuer in Athen und Kassel stattfindet. Man darf vermuten, dass sich viel vom Geist der Festwochen-Schau dort wiederfindet – das  Dokumentarische, das Kritische, das Erklärungsbedürftige.   

Eliten als Maden

Das absurde Ausmaß, in dem vom Publikum erwartet wird, vom Teil aufs Ganze zu schließen, ist  mittlerweile ein Stilmerkmal aktueller Kunst, die sich politisch gibt: Dass die Skulpturen von Naufus Ramírez-Figueroa, die an  Madenschwärme erinnern, auf eine Verschwörungstheorie verweisen, die globale Eliten als Abkömmlinge einer reptiloiden Rasse begreift, ist schlicht nicht zu entschlüsseln. Eine Filmdoku über Palmöl (Filipa César) wirkt wiederum sehr knapp am Journalismus gebaut.

INES DOUJAK, Skins | 2016 © Foto | Photo: Ines Dou… Foto: /Ines Doujak Den richtigen Ton trifft Ines Doujaks famose Installation mit Collagen aus alten Lehrbüchern, die auf in  Kolonien eingeschleppte Krankheiten verweisen; ebenso John Akomfrahs bildgewaltiger Film „Tropikos“ oder die Installation „Our Wishes“ von Jean-Pierre Beloko. Insgesamt eine sehenswerte Schau  – und sei’s nur als Aufwärmstation für die documenta.
 

(KURIER) Erstellt am
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