Kultur
25.05.2018

Eine sonderbare Dekade: Die 90er Jahre im Museum

Die Sammlung der Stadt Wien im MUSA gibt einen Überblick über eine Epoche, in der viele Szenen erwachten.

Wer heute an die 90er Jahre denkt, erinnert sich an eine große Unübersichtlichkeit: In der Popmusik wie in der Kunst florierten Sub-Szenen, Heldenfiguren wurden schräg angeschaut und innerhalb der Nischen gleichzeitig kultiviert. Studierende sahen sich mit dicken Lektürepaketen konfrontiert, in denen postmoderner Theorie-Jargon auf Schlagworte wie „Institutionskritik“ traf. Mittendrin tagte regelmäßig eine Jury der Stadt Wien und beschloss Kunstkäufe.

Auf Basis dieser Erwerbungen schlägt das MUSA, seit Jahresbeginn dem Wien Museum angegliedert, nun gleich drei Überblicke über die Epoche vor: Die Vielfalt, und Menge gesammelten Kunst – insgesamt 2640 Werke – machten eine einzige Perspektive unmöglich.
Dennoch vermittelt schon der erste der drei „Aufzüge“ (bis 1.7.) auf leichte wie dichte Weise den Geist jener Zeit, in der sich Wien zwar nicht unbedingt als Weltkunstmetropole profilierte, aber doch eine neue Position einnahm, unter anderem bedingt durch den Fall des Eisernen Vorhangs und den Jugoslawien-Krieg.

Kurator Berthold Ecker und Kuratorin Brigitte Borchhardt-Birbaumer zeigen etwa die Plakat-Aktionen von Julius Deutschbauer/Gerhard Spring (1996, s. oben), Lisl Pongers fotografische Erkundungen des „fremden Wien“, die Videoarbeit „Hendl-Triptychon“ der 1989 nach Österreich emigrierten Russin Anna Jermolaewa oder ein Gemälde des gebürtigen Türken Ahmet Oran, der sich mit abstrakter Malerei neben Künstlern wie Walter Vopava profilierte.

Malerstars, deren Aufstieg in den 1980ern begonnen hatte, sind auch vertreten – Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Siegfried Anzinger, Kurt Kocherscheidt. Dennoch sieht man auch bei ihnen eine Differenzierung und Reduktion, die wenig mit dem Geniekult früherer Jahrzehnte zu tun hat. Die Ausweitung auf neue Materialien ist ebenso ein Thema – etwa bei Eva Schlegels Fotos auf Bleiplatten oder bei jenem Werk, das Sabine Bitter in ähnlicher Anmutung auf Eternit-Platten ausführte.

Flakturm-Entwurf

Die Entwurfszeichnung zu Lawrence Weiners Beschriftung des Flakturms im Esterhazy-Park, die nun unter Protesten demontiert wird, ist ebenfalls Teil der Schau: Auf dem Blatt ist übrigens nur eine Laufzeit von drei Monaten vermerkt.

Die Genese der MUSA-Sammlung bringt stets mit sich, dass „große“ Namen neben solchen ausgestellt werden, die von der Zeit überwuchert wurden. Dieser Umstand gerät zum Vorteil: Bei einer Best-Of-Perspektive gerät zu leicht in Vergessenheit, dass zu jeder Zeit viele Künstlerinnen und Künstler an bestimmten ästhetischen Strängen zogen.

Was sich für Kennerinnen und Kenner wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten anfühlen mag, zielt dennoch über die enge Szene hinaus: An vielen Themen, die in den 90ern aufs Tapet kamen – etwa der Umgang mit Migration oder institutionellen Zwängen – knabbert die Kunst heute noch. In Wien, wo man sich in den 1990ern (noch?) nicht so sehr als Teil eines globalen Wettbewerbs fühlte, kamen dabei interessante Ideen zustande.