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© Christian Muhrbeck / Hanser Verlag

Ilija Trojanow
08/29/2013

Eine Reise nach Bulgarien

Ilija Trojanow dokumentiert seine verlorene Heimat nach dem EU-Beitritt.

von Peter Pisa

Ein Mann kehrt heim. Die Kommunisten hatten ihn als „Vaterlandsverräter“ jahrelang weggesperrt. Er fährt mit dem Bus durch Sofia. Die ganze Stadt duftet nach Paprikaspätsommer. Es wird geschnitten, gebraten, geschält, eingelegt, verkauft. Der Mann denkt: Da war ich im Gefängnis freier. Er denkt: Ob dort Zwangsarbeit oder hier ...

Sein Bruder wird ihm vorrechnen (während er Paprika enthäutet): Er sei 1500 Paprika „lang“ fort gewesen ...

So geht eine der Skizzen aus Bulgarien. Eine der verdichteten Reportagen des weltreisenden Schriftstellers Ilija Trojanow, der 1965 in Sofia geboren wurde (und als Sechsjähriger mit seiner Familie flüchtete, nach Deutschland, nach Kenia ... jetzt ist Wien Ausgangspunkt und Ruhepol).

Diese Woche ist sein Buch „Wo Orpheus begraben liegt“ erschienen.

Überflüssig

Damit zeigt Trojanow schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen, wie es um die Menschenwürde steht.

Im Essay „Der überflüssige Mensch“ ( Residenz Verlag) hatte der 47-Jährige hart formuliert: „Wir müssen unseren Wohlstand reduzieren, um den anderen wenigstens ein Recht auf Nahrung und ein würdevolles Leben zu garantieren.“

Im Bulgarien-Buch ist er wieder der Erzähler, beobachtet Donaufischer, Kleinstbauern, „Müllmenschen“, Hochzeit und Beerdigung. Zum KURIER sagt Trojanow: „Kein Land nimmt man so genau unter die Lupe wie die verlorene Heimat.“

Zärtlich geht er mit den Menschen um, die warten, warten – worauf?

Sieht man die Bilder seines Reisebegleiters, des Berliner Fotografen Christian Muhrbeck, ist der erste Gedanke: Das kann unmöglich zur EU gehören! Und man wird sich Informationen besorgen: über das Durchschnittseinkommen (300 Euro; 52 Prozent leben seit Beitritt unter der Armutsgrenze), über nahezu unbewohnte Regionen, weil wegzieht, wer kann und nur die Alten bleiben ... Am Ende des so poetischen und trotzdem so nahen Buches murmelt eine Witwe: „Und die Welt, wer vergibt der Welt?“

Ilija Trojanow und Christian Muhrback (Fotos): "Wo Orpheusbegraben liegt", Hanser Verlag. 224 Seiten. 25,60 Euro.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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