Ein Monument der dekonstruktivistischen Architektur: Der Aufmerksamkeit heischende Museumsbau von Coop Himmelb(l)au in Lyon an der Südspitze der Halbinsel zwischen Rhône und Saône

© Coop Himmelb(l)au

Architektur
12/21/2014

Eine neue Kathedrale des Wissens

Musée des Confluences – das neue Universalmuseum von Coop Himmelb(l)au – in Lyon eröffnet.

von Werner Rosenberger

Wie eine Riesenkrake – oder ein deformierter Käfer– liegt es da, das futuristische Ungetüm aus Glas, Stahl und Beton am Zusammenfluss von Rhône und Saône: 180 Meter lang, 90 Meter breit und 37 Meter hoch.

Das spektakuläre Musée des Confluences mit 22.000 m² Gesamtfläche wurde gestern in Lyon in der französischen Region Rhône-Alpes eröffnet. Es ist der erste Bau des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au | Wolf D. Prix & Partner in Frankreich.

Ein Tor zur Stadt

"The Crystal Cloud of Knowledge" nennt Wolf Prix seine jüngste Kreation im dekonstruktivistischen Stil. "Das ganze Gebäude schwebt in der Luft, damit man ohne Blockade von der Stadt zum Wasser und auf die Halbinsel kommt: Ein Eingangstor zum neuen Stadtteil, das einen neuen urbanen Raum schafft."

Wie sein Entwurf einer "vertikalen Stadt" für die europäische Zentralbank in Frankfurt, einen 185 Meter hohen, 1,3 Milliarden Euro teuren Riesen, ist auch das Musée des Confluences ein "Hingucker", ein "Gebäude, das im Kopf bleibt, wenn es aus den Augen ist", so Prix. "Denn der erste Eindruck lässt sich nie verwischen."

Eifersucht

Jean Nouvel, der das Opernhaus von Lyon kühn umgestaltet hat, sagte: Er sei eifersüchtig auf seinen Architektenkollegen aus Wien. Er beneide ihn nicht um das Bauprojekt, aber um den unge- wöhnlichen Standort an der Südspitze der Halbinsel in der knapp 500.000 Einwohner zählenden Metropole.

Unter den grauen Winterwolken des Himmels erhebt sich die viergeschossige künstliche "Wolke", das Herzstück des geheimnisvollen Gehäuses. Das betritt man durch ein imposantes Glas-Foyer, den sich zur Stadtseite hin erhebende "Kristall".

Der espace d’acceuil ist städtisches Forum. Die Wolke hingegen Hort der Erkenntnis über Natur, Mensch und Technik – die zentralen Themen dieser neuen Kathedrale des Wissens.

Universalmuseum

Erzählt wird verwirrend viel, vielleicht sogar allzu viel in dem ambitionierten Weltkulturmuseum, das kein klassisches naturhistorisches Museum sein will. Erzählt wird, beginnend beim Ursprung des Universums, die Geschichte des Lebens. Und erzählt wird schließlich auch, was die Entwicklung der Technik für die Zivilisation und die Kultur des Menschen bedeutet.

Meteoriten, Fossilien, afrikanische Masken, Samurai-Schwerter und das Gebiss eines Homo sapiens – das Musée des Confluences, in dem künftig jährlich 500.000 Besucher erwartet werden, macht die Geschichte der Erde und ihrer Bewohner aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erlebbar.

Die vier Säle der Dauerausstellung sollen sich mit vier ewigen Fragen der Menschheit beschäftigen: Woher kommen wir? Was macht uns aus? Was tun wir? Wohin gehen wir?

Die permanente Schau ist auf mehr als 3000 in vier Kapitel gegliedert: Die Ursprünge des Kosmos seit dem Urknall;Gesellschaften – der Mensch als soziales Wesen;die Einordnung des Menschen in die Biodiversität;Ewigkeiten – das Ende des Lebens und der Umgang mit dem Tod.

2,2 Millionen Objekte umfassen die beeindruckenden Sammlungen des ehemaligen Musée Guimet und des naturgeschichtlichen Museums von Lyon, in den vergangenen Jahren ergänzt durch Ankäufe wie ein vollständiges Saurierskelett. Aber nicht mehr als 3000 Exponate werden künftig gleichzeitig zu sehen sein.

Zusätzlich sollen vier bis sechs Sonderausstellungen pro Jahr die Wissenschaften des Lebens und der Erde behandeln. Eine der Eröffnungsausstellungen gilt dem in Lyon geborenen bedeutenden Sammler und Museumsgründer Emile Guimet (1836–1918).

Andere Sicht auf die Welt

In einem dunklen Raum stehen zahlreiche Holzkisten: Absender ist das Museum of Natural History in New York, das sich mit Leihgaben an der Schau "Die Erforschung des Südpols" (ab 1. 2.) beteiligt.

"Ich glaube, dass sich der Schock über die Fülle des Wissens, das hier miteinander verbunden ist, auf alle übertragen und die Zuschauer fesseln wird", sagte Ausstellungsleiter Bruno Jacomy im KURIER-Gespräch.

"Einige kennen manches vielleicht aus ihrer Kindheit, erleben es aber jetzt in einem völlig anderen Zusammenhang. Während die Objekte bisher nach Familien, Ethnien und geografischen Kriterien geordnet waren, wird jetzt alles neu gemischt. Wir sehen alles plötzlich durch eine andere Brille. Denn die Ausstellung richtet sich vor allem an junge Leute, die einen anderen Blick auf die Welt haben."

Mehr als ein Jahrzehnt hat die Planungs- und Bauphase des monumentalen Bauwerkes gedauert. Dabei sind auch die Kosten explodiert von ursprünglich kalkulierten 61 auf 255 Millionen Euro. Und dazu kommt noch der jährliche Betriebsaufwand von bis zu 15 Mio. Euro.

Andere Museumsprojekte, etwa das Centre Pompidou in Metz (65 Mio.), der Louvre in Lens (150 Mio.), das MUCEM in Marseille (190 Mio.) und sogar das Guggenheim in Bilbao (150 Mio.) waren deutlich billiger.

INFOS: www.museedesconfluences.fr

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