Eine Geschichte von Liebe und Finsternis - Von Amos Oz

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis - Von Amos Oz
In epischer Gelassenheit schildert Amos Oz über knapp 800 Seiten seine bewegte Kindheit und gleichzeitig die Entstehung des Staates Israel.

Die "Geschichte von Liebe und Finsternis" ist ein grandioses, knapp 800 Seiten starkes Füllhorn voller Erzählungen und Menschen, voller Licht und Dunkelheit. 1939 wird der Ich-Erzähler als Amos Klausner in Jerusalem geboren, in einer nur 30 m² großen Kellerwohnung im Stadtteil Kerem Avraham. Seine Eltern, gebildet und sprachbegabt, sind sich ähnlich und doch auch wieder fremd: Vater Arie ist Bibliothekar an der Nationalbibliothek, enthusiastisch und "rational sogar noch im Schlaf". Die Mutter Fania studierte Geschichte und Philosophie, ertrug Aries Schweigen hinter seiner Redegewandtheit nicht, wurde depressiv und nahm sich 1952 das Leben. Dieser Selbstmord ist Auslöser und zentrales Motiv des Romans – wie der Autor selbst seine Ausgangsfrage formulierte: "Wie kann es kommen, dass die Heirat zweier Menschen, die einander wollen und einander Gutes wünschen, in einer Tragödie endet?" Amos Oz ist zwölf Jahre alt, als seine Mutter stirbt.

Aus der kindlichen Perspektive dieses "Wörterkindes" wird dementsprechend ein Großteil des Buches geschildert. Und das derart kunstvoll und lebendig, dass man sich beim Lesen selbst als Teil der Familie fühlt, Onkel Joseph und Tante Zippora besucht oder in eine Apotheke tritt, um dort mit Fanias Großeltern in Tel Aviv zu telefonieren. Jerusalem wird zu einem in der Lesefantasie begehbaren Ort mit all seinen Geräuschen, Gerüchen und Bewohnern. Dieses Jerusalem der 1940er-Jahre ist Zielhafen vieler, die dem Terror der Nazizeit entkamen – jeder von ihnen trägt eine "Geschichte von Liebe und Finsternis" mit sich.

Das vom Amos Oz in epischer Gelassenheit erzählte Buch stellt aber nicht nur die Kindheit und Jugend des Autors dar, sondern auch die Entstehung des Staates Israel. In dieser Doppelfunktion liegt eine große schriftstellerische Kraft.

Porträt Israels

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis - Von Amos Oz
Ein Königreich für ein Bild!

Parallel zur Familiengeschichte entwickelt sich die Geschichte des Landes: 1948 wird Palästina in einen jüdischen und arabischen Staat aufgeteilt und Israel sofort von den Nachbarstaaten angegriffen. Aries Vater entgeht nur knapp dem Tod, als er zufällig nicht mit einem Konvoi mitfährt, der von Arabern beschossen wird. Tante Greta wird beim Wäscheaufhängen von einem Heckenschützen erschossen. Nach dem Selbstmord der 38-jährigen Fania will ihr Sohn Amos weg aus der Stadt: Vater und Sohn können nicht miteinander sprechen, die unausgesprochene Trauer und Schuld vergiften ihre Beziehung. 1954 ändert Amos Klausner seinen Namen in Oz (hebräisch für "Stärke") und geht in den Kibbuz Hulda. Hier wird er als 16-Jähriger in die körperliche Liebe eingeführt, "kritzelt" erste Gedichte, hierher wird er – nach dem Literatur- und Philosophiestudium in Jerusalem – wieder zurückkehren. "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" atmet orientalische Atmosphäre ebenso wie faktisches Wissen, sie spannt den erzählerischen Bogen über das gesamte 20. Jahrhundert.

Dennoch handelt es sich nicht um eine bloße Autobiografie: Oz beschwört seine Leser, nicht nach den "wirklichen Tatsachen" zu fragen. Im Gegenteil: "Frage dich selbst. Über dich selbst. Und die Antwort kannst du für dich behalten." So wird aus dem Roman ein Buch, das wie kaum ein anderes dazu bringt, über die Familie, über Liebe und Enttäuschungen nachzudenken.

Dazu kommt die geschichtliche Darstellung Israels: Batya Gur, bekannt durch ihre Kriminalromane um Inspektor Ochajon, nannte Amos Oz "Geschichte von Liebe und Finsternis" treffend eine "nationale Biografie".

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