Kultur
25.11.2018

Eine Frohbotschaft, die alle Geschmacksgrenzen überwindet

„Meine Stille Nacht“: Das Landestheater Salzburg gab ein Hollywood-Musical in Auftrag – und triumphiert damit.

Man könnte und kann natürlich sehr viel einwenden. Zum Beispiel, dass vom Salzburger Landestheater ein rein US-amerikanisches Team beauftragt wurde, um ein Musical über „Stille Nacht, heilige Nacht“ zu kreieren. Und dass der Plot haarsträubender Hollywood-Kitsch ist.

Denn: In Pittsburgh hatte der Enkelsohn eines österreichischen Einwanderers auf der High School eine eingewanderte Österreicherin kennengelernt – und mit ihr ein Referat über das Lied von Franz Xaver Gruber gehalten. Und nun, 16 Jahre später, erinnert sich Justin an sie. Elizabeth arbeitet, wie er googelt, in Salzburg für das „Young Christmas Festival“. Auf die Idee, ihr zu mailen, kommt er nicht: Er lässt den „prima Hackbraten“ stehen – und besteigt mit seiner E-Gitarre die nächste AUA-Maschine.

Wohl weil der Herr von Trapp, der mit seiner singenden Schar nach Amerika auswandern musste, ein Baron ist, ist die Mutter von Elizabeth Baronin. Und was für eine! Eine kettenrauchende Furie, die immerzu auf Tradition pocht. Beim Jugendmusikfestival hat der Kinderchor daher lateinisch zu singen. Was die Tochter, Revoluzzerin mit sozialdemokratischen Ideen („Kunst für alle!“), nicht länger dulden will.

Zum Glück klopft Justin an, der sich aus unerfindlichen Gründen John nennt. Weil er einen E-Gitarren-Koffer dabei hat, bekommt er sogleich den Job als Chorleiter. Gemeinsam stellt man mit jungen Außenseitern eine Band zusammen und erlebt so manche Tiefschläge, weil die Salzburger keine Fremden mögen. Dass der Gegenspieler Justins – er trägt Trachtenjanker, zitiert Norbert Hofer und will die „asozialen Schmarotzer“ vertreiben – den gleichen Nachnamen hat wie der SS-Obersturmbannführer Alois Brunner: Das kann kein Zufall sein.

Weltklasseformat

Trotzdem nötigt einem das Unternehmen hohen Respekt ab. Eben weil Intendant Carl Philip von Maldeghem sich nicht scheute, den Filmkomponisten John Debney zu kontaktieren. Und weil in nur zwei Jahren mit einem großen US-Team (aber vergleichsweise geringen Budget) ein Musical von Weltklasseformat realisiert wurde. Da passt alles – angefangen von der abwechslungsreichen Musik: „Meine Stille Nacht“ bietet etliche Ohrwürmer auf, der Song „Wär alle Tage Weihnacht ...“ hat sogar Formatradio-Potenzial. Zudem wird eifrig gerappt.

Abgesehen von der sehr deutschen Übersetzung: Die Umsetzung in der Felsenreitschule mit dem Mozarteum-orchester unter Robin Davis sowie einer riesigen Schar an Choristen und Statisten gelingt perfekt. Momme Hinrichs und Torge Møller arbeiten mit raffiniert projizierten Stadtansichten und ergänzen die Animationen mit kleinen Versatzstücken, darunter mit dem Mozartsteg und den Trachten-Auslagen in der Mönchsbergpassage.

Regisseur Andreas Gergen sprüht vor Ideen, Choreografin Kim Duddy verlangt einfallsreich vieles ab, auch das Ensemble überzeugt, darunter Dominik Hees als enthusiastischer Thomas-Brezina-Justin sowie, stimmlich exzellent, Milica Jovanović und Bettina Mönch als Elizabeth und Mutter. Der Band mit Elisa Afie Agbaglah, Ivan Vlatković, Savio David Byrczak, Melanie Maderegger, Leonhard Radauer und dem Sohn des Intendanten fliegen die Herzen zu. Zum Schluss, nach einem aberwitzigen Krippenspiel, rührt die Frohbotschaft, dass die Musik alle Grenzen überwindet. Standing Ovations.