Eine Frau springt über den Rand des Nervenzusammenbruchs

Künstlerin Marianna Simnett ließ sich für ein Werk in ihrer Wiener Solo-Schau Kunst fast zu Tode kitzeln. Wieso?
46-223247784

Es wird gerade wieder über Aktionismus diskutiert. Allerdings diskutieren einmal mehr Männer über den Aktionismus von Männern: Wie umgehen mit Otto Muehl? Wie das Erbe von Hermann Nitsch lebendig halten?

Relevante Fragen, zweifellos. Doch das Verständnis, wie und warum Frauen mit dem Einsatz ihres Körpers an Grenzen gingen und gehen, wird so nicht wirklich befördert. Hier lohnt sich ein Blick auf die Biennale-Teilnehmerin Florentina Holzinger – und in die Wiener Secession, wo bis 31. 5. eine Schau der britischen Künstlerin Marianna Simnett zu sehen ist.

Nicht geschont

Die Künstlerin, die sich gern bunt und flamboyant kleidet, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Extrem-Performerin – wobei es in der Schau überhaupt kein Blut und auch keine explizite Nacktheit zu sehen gibt (okay, fast keine).

Stattdessen lässt sich Simnett für die Kunst fast zu Tode kitzeln: Im ersten Raum hört man die Tonaufnahme der Tortur, der sich die Künstlerin unterzog. Oft kippt dabei das hysterische Lachen in Wimmern. Es ist zuerst lustig anzuhören, bald aber schwer auszuhalten.

Der Rock, der sich dazu an der Decke – abgestimmt auf die Intensität des Tons – im Kreis dreht, erinnert an tanzende Derwische oder die legendäre Tänzerin Loïe Fuller, der Werktitel „Catherine Wheel“ erinnert an das Folterwerkzeug, mit dem der Legende nach die Heilige Katharina ihr Martyrium fand.

46-223935426

Nicht lustig

Die persönlichen Motive – Simnetts Großvater überlebte den Holocaust, ihre Familie litt unter dem Krieg in Jugoslawien – muss man nicht zwingend nachvollziehen, um dem Grenzgang zu folgen, den die Künstlerin im Hauptraum der Schau noch weiter treibt: Auch hier ist nur eine Tonspur zu hören, ihre visuelle Entsprechung findet sie in Neonleuchten, die analog zum Sound aufblinken (eher nichts für Epileptiker). Zu hören ist eine Performance, bei der sich Simnett durch Hyperventilation gezielt zur Ohnmacht brachte: Auf starken, kehligen Atem folgt mehrmals ein Luftzug wie beim Auslassen eines Luftballons.

46-223247581

Nichts zu reden

Selten fühlt sich weibliche Ohnmacht so unmittelbar an, und genau das ist der Punkt: Denn die Geschichte, in der Männer „Hysterie“ als Grund hernahmen, Frauen ihre Entscheidungsfähigkeit abzusprechen, ist lang und unrühmlich. Die Praxis, den Kontrollverlust noch sexuell aufzuladen, hat im Fall Pélicot eben erst einen grausigen Extrempunkt erfahren.

Simnetts Aktionismus dreht gewissermaßen den Spieß um: Er aktiviert die Ohnmacht. Dazu passt das Interesse der Künstlerin an der Selbstentblößung – seit der Antike unter dem Begriff „Anasyrma“ bekannt, diente das Lüpfen des Rocks nämlich u. a. auch dazu, böse Geister oder Feinde abzuwehren.

46-223889318

Eine aus Neonröhren gebaute Figur einer im Stehen pinkelnden Frau, in der Mitte der Schau platziert, ist das plakativste, nicht das stärkste Werk der Schau. Doch da die berühmte Darstellung „Der Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet gerade im Leopold Museum hängt, lässt sich auch hier darüber nachdenken, warum Entblößung nicht gleich Entblößung ist.

Kommentare